Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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-4 bte Sorge um diesen vom Kviegsleid betroffenen Teil der Judenheit den großen Hilfsorganisationen abgenommen haben. Dazrl wurden nicht nnr niehrere Zehntausende von Gulden an Spenden allsgebracht, auch die holländische Regierung gewährte den jüdischen Komitees namhafte Subventionen. Allerdings wurde inr Laufe der letzten Monate immer eilldringlicher die Ansicht -geäußert, daß die Juden der Niederlande ihrer Pflicht gegenüber den schwer geprüften Brüdern in Osteuropa danlit noch nicht genügten. Wohl trugen zahlreiche Juden zugunsten des holländischen Hilfskomitees für Polen bei. Doch wurden in letzter Zeit ernstliche Bedenken geäußert, ob die Unterstützuilgen dieser mit dem SienkiewicZ-Komitee eng liierten Komitees: auch den Juden in Polen lind Galizien elltsprechend zugute kommen. Das Polenkomitee sandte bis nun nach Rußland gleiche Beiträge an die polnischen und jüdischen Kriegsverbände, die Hilssgelder für die besetzten Gebiete und Galizien, jedoch wurden sie mir an polnische Komitees zur Verteilung gegeben. Die Bildung des „Jüdischen Unterstützlingskomitees" hat zwar mit diesen Umständen llichts zu tun, da es bereits seit 1915 geplant ist, dürste aber zur Förderung des Hilfswerks in Polen beitragen. Natürlich kann und darf von irgeudemeln Wettbewerb zwischen den zwei humanitären Institutionen gar llicht die Rede sein. Von Msh und jferm Die I it d i sch e Gemeinde in B e r l i n beabsichtigt, wie seinerzeit mitgeteilt, in Falkenhagen bei Spandau einen neuen Friedhof anzulegen. Jetzt haben die zuständigen Gemeinden ihr Ginverständnis erklärt. Die Beförderung der Leichen soll mit der Hamburger Eisenbahn erfolgen, an der in der Nähe des Friedhofes eine Haltestelle errichtet werden soll. — Die .Kriegshilfskommission der Berliner Jüdischen Gemeinde, Ableitung Frauen- und Jugendfürsorge, eröffnet am 1. August d. I. im alten Jüdischen Krankeuhause, Auguststraße 17, ihren III. Wäschenäh-Lehrkursus. Der Kursus dauert neun Monate. Die Ausbildung erfolgt in der Anfertigung von Damen- und Kinderwüsche und soll insbesondere den jüdischen Frauen und Mädchen zugute kommen, die, durch den Krieg zum Erwerb gezwungen, keinerlei Berufsaus'- bildung besitzen. Der Unterricht wird praktisch und theoretisch (Direktrice und Gewerbeschullehrerin) erteilt und findet täglich von 9 bis 1 Uhr statt. Das Lehrgeld beträgt monatlich 5 Mark. Anmeldungen sind an den Vorstand der Kriegshilfskommission dev Jüdischen Gemeinde, Abteilung Frauen- und Jugendfürsorge, Rosenstraße 2 4, zu richten. — Dem Hauptkantor der Synagoge Lindenstraße, Herrn Siegfried N eu st a dt, ist vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde der Titel Oberkantor verliehen worden. — Herr Rabbiner Dr. S a t a in onski (Frankfurt a. O.) wurde zum Feldrabbiner der 2. Armee, Herr Rabbiner Dr. W i n t e r (Homburg) zum Feldrabbiner der 12. Armee ernannt. — Dem kürzlich verstorbenen Rabbiner Dr. Gohn in Kattowitz widmete der dortige Tierschutzverein folgenden ehrenden und herzlichen Nachruf: „Edel, hilfreich und gut gegen die Mitmenschen ohne Unterschied des Glaubens, des Standes oder der Parteirichtung, hatte er ein warmes Herz auch für die Tier- und Pflanzenwelt. In ihm hatte der Verein feinen vornehmsten Förderer; sein Geist soll darin fortwirten immerdar." Aus Posen wird uns geschrieben: Der Regierungsbauführer a. D. Martin B r a n d t ist vom Fürsten Leopold zur Lippe zum Hosbaurat ernannt worden. Brandt ist hier geboren und ein Sohn des verstorbenen Kaufmanns Moritz Brandt. — Die Rote-Kreuz-Medaille erhielten: Sanitätsrat Dr. Atu nt er in Samter, Dr. Edmund P i e t r k o w s k i und Hilfsschwester K l a r a H i r s ch in Posen. — Fabrikbesitzer Robert Aron in Bromberg ist zum Kaiserlichen Delegierten der Freiwilligen Krankenpflege im Kriege ernannt worden. — Aus Nürnberg wird uns geschrieben: Herr Salomon Rau, dessen segensvolles, langjähriges Wirken im jüdischen Wohlsahrtsdienste schon öfters Erwähnung fand, beging am 22. Juni seinen 90. Geburtstag. Der Genannte war langjähriger Leiter des Israelitischen Wohltätigkeitsvereins, dessen Ehrenvorsitzender er heute noch ist, Gründer und Vorstand des Vereins fürjüdische Krankenpflegerinnen sowie viele Jahre Kassierer. der Alliance Israelitc universelle. An diesem Tage wurde Herr Salomon Rau von allen Seiten beglückwünscht und in wohlverdienter Weise geehrt. Die Knltusverwaltung der Gemeinde Nürnberg war durch drei Herren der Administration unter Führung des zweiten Vorstandes Herrn Direktor G o m b r i ch vertreten, der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen durch Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal. Erfreulicherweise erfreut sich der Nestor der hiesigen Wohlfahrtspflege ebenso wie seine Gattin einer guten Gesundheit und verfolgt heute noch mit regem Interesse die weitere Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen. — Die jüdische Bevölkerung der politischen Gemeinden Nied, Kriftel, Lorsbach und M a r x h e i m des Kreises Höchst a. M. war, wie amtlich festgestellt wurde, bisher noch keinem Synagogenbezirke zugeteilt. Deshalb hat der Regierungspräsident angeordnet, daß mit Wirkung vom 1. April d. I. die in Nied wohnenden Juden der israelitischen Kultusgemeinde Höchst a. M. und die in den drei übrigen Gemeinden wohnenden der Kultusgemeinde Hofheim a. T. einverleibt werden. — Aus Schlüchtern wird berichtet: Stadtrat Viktor Wolf, der während seines Lebens außerordentlich viel Gutes an Armen tat, vermachte u. a. der Stadt 25 000 Mark und der jüdischen Gemeinde 1000 Mark. — Am 21. v. M. wurde in Karlsruhe eine „Vereinigung badischer Rabbiner" gegründet. Den Vorstand bilden die Herren Appel (Karlsruhe), Löwen st ein (Mosbach) und P i n k u ß (Heidelberg), von denen der letztere den Vorsitz führt. — Im israelitischen Spital zu Mülhausen i. E. starb vor kurzem der älteste israelitische Bürger Elsaß-Lothringens, Lazarus Hatz aus Sulz (Oberelsaß). Leider hat ihn der Krieg aus seinem so lieben Heimatsstädtchen vertrieben — Seit November 1915 existiert in Genf (Chemin de Grands Philosoplies) ein Hilfskomitee für russisch-jüdische Kriegsgefangene. In der kurzen Zeit bis Ende April 1916 hat das Komitee an 80 deutsche und österreichische Gefangenenlager 3895 Pakete für 900 Gefangene geschickt. — In Budapest ist Hofrat Professor Dr. Wilhelm Goldz i e h e r , einer der hervorragendsten Gelehrten und Aerzte auf dem Gebiete der Augenheilkunde, 66 Jahre alt, verschieden. Zu einer ordentlichen Professur hat er es nicht bringen können, weil er sich nicht taufen ließ. — Wie man vernimmt, wurde auf der Wirtschaftskonferenz in Paris auch die Frage der jüdischen Pässe beim Eintritt nach Rußland behandelt. Rußland hat es abgelehnt, in dieser Angelegenheit Konzessionen zu machen. — Die Londoner „Daily Mail" berichtet über die große Kindersterblichkeit unter der christlichen Bevölkerung gegenüber der unter der jüdischen, wo sie nur die Hälfte beträgt, und begründet das damit, daß die jüdischen Frauen keinen Alkohol genießen, keine Trinkerinnen sind. — In einer großen Anzahl russischer Städte wurde das 25jährige Dichterjubiläum des hebräischen Dichters Ch. N. B i a l i k gefeiert. Die russischjüdische Zeitung „Jewrejskaja Shisn" gab zu Ehren des Jubilars eine Sondernummer heraus, in der Beiträge enthalten sind von Mendele Mocher-Sforim, David Frischmann, Baal-Machschawoth, Dr. I. Klausner, Rawnitzki, Maxim Gorki, Iwanow, Kuprin u. a. — Geheimrat Prof. Dr. Warschauer, früher Professor für Landeskunde an der Akademie in Posen, dann kommissarischer Direktor des Staatsarchivs in Danzig und seit einem Jahre Direktor des Archivs in Warschau, hat außerordentlich wichtige Akten über die Geschichte Ostpreußens, Polens und Schlesiens ausfindig gemacht. Tausende von Urkunden konnten festgestellt werden; auch kostbare Reliquien befanden sich darunter, wie ein Kollegienheft nach Vorträgen Philipp Melanchthons, eine Kabinettsorder Friedrichs des Großen an einen polnischen Magnaten, Urkunden über die erste deutsche Herrschaft in Warschau von 1793 bis 1806 usw. Dadurch hat sich Geheimrat Prof. Warschauer wiederum bedeutende Verdienste um die Geschichtsforschung der östlichen Gebiete Europas erworben. — „Rowoje Wremja" berichtet aus New Port, daß über 500000 jüdische Wähler . beschlossen, dem Präsidenten Wilson und dem Kandidaten Hughes die Frage vorzulegen, was sie zur Linderung der furchtbaren Lage der Juden in Rußland zu tun gedächten. Während Wilson bisher die Antwort schuldig blieb, antwortete Hughes, daß er die Aktion des ehemaligen Präsidenten Taft, die sich gegen die russischen Judengesetze richtete, wieder aufnehmen werde, sobald er Präsident sei. Hughes erklärte, daß die Vereinigten Staaten heute sehr wohl tu der Lage seien, Rußland zur Milderung seiner Judengesetze zu bewegen. Amerika verfüge heute über einen nicht zu unterschätzenden Einfluß aus die kriegführenden Parteien. Es sollte diesen Einfluß benutzen, um der Menschlichkeit wichtige Dienste zu leisten. Die jüdischen Vereine Amerikas beschlossen darauf, restlos für Hughes zu stimmen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastratze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mofse.