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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-07 · Heft 27 (7.7.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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$0. Jahrgang Nr. 27 Berlin, 7. Juli 1916 Der Oemeindebote. Beilage zur „Allgemeine» Leitung des Judentums. lkarrrlponVkNHkn und Mchrichtm. SeutschlanL. E. R. Berlin, 2. Juli. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete in der heutigen Sitzung der R e p r ä s e n t a n t e u Versammlung Herr Direktor Dr. Minden dem verstorbenen Mitgliede Herrn Sanitätsrat Dr. N o s e n b e r g einen tief empfundenen Nachruf, den die Versammlung stehend anhörte. Sodann teilte er mit, daß er Herrn Professor Dr. Martin Philippson zu seinem 70. Geburtstag im Namen der Versammlung gratuliert habe. Die Versammlung beschließt hieraus zunächst die Annahme folgender Zuwendungen: Die Vermächtnisse des Ehepaares Joseph und Jda Goldstein geb. Caspars im Betrage von je 1000 Mark für die Altersoersorgungsanstalt, das Hospital und das Krankenhaus der Gemeinde; sie werden mit der Maßgabe augenormnen, daß falls von einer der beteiligten Seiten erfolgreicher Einspruch gegen die Annahme erhoben wird, die Legate bis nach dem Ableben der Frau Goldstein dem Testamentsvollstrecker wieder zur Verfügung gestellt werden. Von Frau Julie Neumann geb. Rathenau 1000 Mark für das Krankenhaus zur Vergrößerung der Julius-Neumann-Stiftung, 4060 Mark zu dauernder Pflege dreier Gräber. Von Herrn und Frau Ignatz Cohn sür die Armenkommission 100 Mark zur Verstärkung der Theodor- Sachs-Stiftung. Von Frau Johanna Loew zur Errichtung eines Ferienheims in Wustrow i. Mecklenburg für die Zöglinge des U. Waisenhauses in Pankow 12 000 Mark und 500 Mark zur Erl)öhung der Direktor-Grunewald-Stiftung für ehemalige Zöglinge des ü. Waisenhauses. Von Herrn Julius Nosenberg 995 M. zur Erhaltung dreier Gräber. Von Herrn Simon Jacobh 2000 Mark zur Erhaltung des Grabhügels und Denksteins des Erblassers. — Es folgte dann der ivichtigste Punkt der Tagesordnung: Anstellung von Predigern, Niobei der Referent, Herr Professor Türk, etwa folgendes aussührte: Die Vorlage, die der Gemeiudevorstand uns zur Beschlußfassung übersandt hat, ist von großer Tragweite. Sie bewegt sich auf den beiden Hauptgebieten unserer gesamten Tätigkeit, Gottesdienst und Schule, und ich darf zu meiner Freude vorausschicken, daß der Ausschuß III, der die Vorlage eingehend durchberaten, sie als einen bedeutsamen Fortschritt begrüßt hat. In den letzten Jahren hatte der Predigtgottesdienst mit vielfachen Schwierigkeiten zu kämpfen. Von unseren zwölf Rabbiner:: haben zwei die Kanzel verlassen, ein Rabbiner steht seit Anbeginn des Krieges in: Felde, und zwei bedürfen, sei es durch Alter, sei es durch Nachwirkungen einer Krankheit, der Schonung. Wir haben in den letzten Jahren vielfach Hilfsgeistliche in Anspruch nehmen müssen. Jur Jahre 1914 sind, abgesehen von den hohen Feiertagen, von diesen Helfern 28 Predigten gehalten lvorden. Dazu kommt, daß wir int vorigen Jahre die Synagoge in der Pestalozzistraße eröffnet haben: die Eröffnung der Synagoge Kottbuser Ufer steht in diesem Jahre bevor, und sür die Zeit nach dem Kriege ist der Bau einer Synagoge in der Prinzregentenstraße in Aussicht genommen. Sollen nun die Lücken ausgesüllt und die neuen Stellen besetzt werden, so mußte sich der Vorstand die Frage vorlegen, ob es zweckmäßig und notwendig sei, für alle diese Stellen Gemeinderabbiner mit vollen Rechten zu wählen. Dieselbe Frage stellte sich dem Vorstand noch von einer anderen Seite dar. Vor einigen Jahren ist die Einrichtung getroffen worden, daß an jeder Synagoge drei Rabbiner abwechselnd predigen sollen. Diese Anordnung ist von Anfang au nicht durchgeführt lvorden. Nicht einmal an den Orgelsynagvgen, da für die Synagoge in der Levetzowstraße nur zwei Prediger vorhanden sind, und für die orgelfreien Synagogen stieß diese Einrichtung von vornherein auf Schwierigkeiten. Soll diese Einrichtung jetzt ganz durchgeführt lverden, so tarnen lvir zu einer unübersehbaren Zähl von Gemeinderabbinern. So ist der Vorstand zu dem Beschluß gekommen, neben beit Gemeinderabbinern eine Anzahl von Hilfsgeistlichen oder Predigern — über die Namen läßt sich streiten — mit minderen Befugnissen und geringerem Gehalt auszustellen. Die Motive zu dieser Reform im einzelnen beruhen in der Hauptsache in Fragen der Verwaltung der Finanzen und nicht zuletzt in der Tätigkeit der Rabbiner selber. Was zunächst die Verwaltung anbetrifft, so wissen Sie, daß nach dem Gesetz der Vorstand verpflichtet ist, in allen rituellen und religionsgesetzlichen Angelegenheiten ein Gutachten der Gemeinderabbiner einzuholen. Wenn es bisher schon schwer gewesen ist unter den Gutachten der zwölf Rabbiner die Diagonale zu finden, wie soll es erst werden, lvenn die Entscheidung von 20 eingeholt werden muß. Die finanzielle Bedeutung der Anstellung von etwa 20 Rabbinern brauche ich nicht eingehend auseinanderzusetzen. Für das Jahr 1915 sah der Haushalt bereits an Gehältern 148 000 Mark vor. Da die jetzige Vorlage zehn neue Stellen verlangt, so kämen lvir auf eine Summe von 250 000 Mark. Angesichts der Zeiten, in denen lvir leben, und der Zeiten, denen wir entgegengehen, müssen wir aus Ersparnisse bedacht sein, damit unsere Gemeindemitglieder nicht mit allzu großen Opfern belastet werden. Die Vorlage setzt für die Prediger, die in der Hauptsache jüngere Männer sein sollen, ein Gehalt von 5000 bis 9000 Mark fest. Das ist sehr reichlich bemessen. Mit christlichen Geistlichen dürfen wir bekanntlich die unsrigen nicht vergleichen. Aber vielleicht dürfen wir zum Vergleich die anderen akademischen Berufe, die Richter und Oberlehrer, heranziehen. Diese beziehen in Berlin ein Gehalt von 4000 bis 8500 Mark. Aber während sie das Höchstgehalt in 21 Jahren erreichen, sollen die jungen Prediger das Höchstgehalt mit vier Zulagen von je 1000 Mark in zwölf Jahren erreichen. Mit dieser Liberalität des Gemeindevorstands bin ich neidlos einverstanden. Den neuen Predigern wird die Verpflichtung auserlegt werden, neben ihrem Predigeramt eine größere Zahl von Religiousstundeu an den höheren Lehranstalten zu erteilen. Es ist in dieser Versammlung zu wiederholten Malen rühmend hervorgehoben worden, welchen Aufschwung das Unterrichtswesen in unserer Gemeinde genommen hat; aber welche Sorgen und welche Schwierigkeiten die Schulverwaltung mit der »steigenden Entwicklung des Unterrichtswesens durchzumachen hatte, das wissen nur diejenigen, die in dieser Verwaltung tätig sind. Eine Vorstellung von unserer Ausgabe werden Sie bekommen, wenn ich Ihnen sage, daß gegenwärtig in Groß-Berlin au 71 höheren Lehranstalten Religionsunterricht erteilt wird und daß zu diesen noch 16 Privatschülen hinzukommen. Immer brennender wurde die Frage, wo bekommen wir die notwendigen Lehrkräfte her. Die Besetzung der Stellen wird noch dadurch besonders schwierig, daß viele Direktoren die Unterrichtszeit für den jüdischen Religionsunterricht auf diejenigen Stunden beschränken, die dem christlichen Konfirmandenunterricht und dem katholischen llnterricht Vorbehalten sind. Wie oft sind wir genötigt gewesen, schulfreie Nachmittage zu Hilfe zu nehmen, was dem Besuch des Unterrichts bei den großstädtischen Verhältnissen immer abträglich ist. Zu meinem Bedauern muß ich erklären, daß unsere Gemeinderabbiner uns in unseren Nöten in Stich gelassen haben. Als-ich vor zwölf Jahren in die Schulverwaltung eintrat, gab es keinen Gemeinderabbiner, der an den höheren Schulen Unterricht erteilte. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß dieselben Rabbiner, die in früheren Stellungen bis zu 20 Stunden Unterricht erteilen mußten, sobald sie nach Berlin tarnen, für den Unterricht an höheren Lehranstalten nicht zu haben waren. Sie begnügen sich mit der Leitung der Religionsschulen, die sie in der Regel an zwei Nachmittagen irr der Woche irr Anspruch nehmen. Und doch muß man sagen: Wenn ein Rabbiner vor die Wahl gestellt wird, ob er eine Religionsschule leiten oder Unterricht in den oberen Klasserr der höheren Schulen erteilen soll, so müßte er unbedingt die letztere Tätigkeit lvähleu. Hier kann er vor den künftigen Akademikern sein ganzes Wissen und Können betätigen. Hier hat er die künftigen Führer des Judentums vor sich, deren Denken und Fühlen er beeinflussen kann. Das Niveau unserer Religionsschulen ist von Jahr zu Jahr gesunken. Denn mit der Eröffnung jeder neuen Station au einer höheren Schule verschwanden Knaben und Mädchen ans den Religiousschuleu, in denen nur diejenigen zurückbliebeu, die entweder an ihrer weltlichen Schule keinen Religionsunterricht hatten oder auf einen verstärkten Betrieb des Hebräischen Wert legten. Ich weiß sehr wohl, daß unsere Rabbiner durch die Ausübung der Kasualien mehr oder weniger in Anspruch genommen sind. Diesem Kasualwesen gegenüber nehme ich persönlich, abweichend von anderen, eine besondere Stellung ein. Ich schütze den religiösen Wert der Kastrat-

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