Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229260--72354-3284791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
824 Situationen aus größeren Schlachten; ferner Besuche bei hervorragend den Heerführern, wobei gute Charakteristiken von Mackensen, Hindenburg°und eine Darstellung Kaiser Franz Josefs von Oesterreich Vorkommen. Daß diese Beschreibungen von Interviews oder Audienzen^ sonderliche Neuigkeiten wären» wird man nicht sagen können. Das Allerwichtigste muß der Berichterstatter verschweigen, so daß es z. B. int Abschnitt über die Audienz bei Kaiser Franz Josef heißt: „<-eine Äußerungen über Italien müssen mein Geheimnis bleiben." Wenn Sven Hedin ferner ben Kaiser sagen läßt (über den Grafen Bothmer): „Es ist merkwürdig, er ist Bayer und befehligt preußische Triuppen", so wird das deutsche Leser nicht so außerordentlich merkwürdig berühren. Alanches von dem, was über ostpreußische Städte gesagt wird, ist grausig genug. Manchmal kmnnrt auch etlvas Humor vor, doch gestehe ich, daß ich über das „Biographische Intermezzo" (S. 07 fg.) nicht so habe lachen können, wie der Autor es t>on sich behauptet. Gelegentlich werden rührende Aktenstücke, Briese von Soldaten und deren Angehörigen mitgeteilt. Die zahlreichen beigefügten Bilder erheben sich nicht über das Durchschnittsmaß. Das Büchlein ist frisch und unterhaltend und svird gewiß viele Leser finden. Da auch diese Nenpublikalian, wie die vornnsgegangene, einem wohltätigen Zwecke gewidmet ist, so ist ihm die weiteste Verbreitung zu wünschen. L. G. O : - Toris Wi tt uer: „Die Geschichte der kleinen fliege." Gin Heine-Roman. Grethlein u. Co. G. m. b. H. in Leipzig. Ich habe, wie ich offen bekenne, eine Abneigung gegen Romane und D ramen, in deren Mittelpunkt deutsche Dichter stehen. Daher griff ich zu dem vorliegenden Roman mit einigem Mißbehagen; dies hat sich bei der Lektüre in gewisser Meise gesteigert, aber auch gemindert. Gesteigert durch die Erkenntnis, daß das Werk eigentlich ein Doppelroman ist, nämlich die Geschichte Heines von 1830 bis zum Ende seines Lebens und die Geschichte jener Mouche, der liebenswürdigen, vielbesungenen Pflegerin von Heines letzter Leidenszeit. Gemindert dadurch, daß die Berfasserin -mitunter trefflich zu erzählen versteht, und daß sie, trotz eines manchmal Preziosen Stils, ihre allsgebreiteten Kenntnisse in den Dienst einer wirklichen Dichtung zu stellen vermag. Daher steht unser Noman turmhoch über der vor einigen Jahren an dieser Stelle besprochenen und verurteilten poetischen Darstellung Stilgebauers. Aber an dem vorliegenden Werke ist zu tadeln, daß die beiden Teile nicht recht organisch miteinander verbunden sind, und daß die große Kenntnis, über welche die Verfasserin verfügt, sie zu unendlich langen Gesprächen verführt hat, in denen freilich der Ton der Zeit und die Art des Heineschen Wesens vortrefflich geschildert sind. Aber es werden gar zu viel Einzelheiten vorgesührt, die im Grunde gar llicht iit den Zusammenhang gehören, z. B. das Duell Heines. Ost geht die Berfasserin frei llnd willkürlich vor, wozu sie als Dichterin das Recht hat. Dazu gehört z. B. die Darstellung des Abenteurers Witt Dörrung und der geistreichen Französin Karolille Joubert. Woraus die Verfasserin wohl den größten Wert legt, ist die Schilderung einer Franenseele: der Camilla Selben (geborenen Else Krienitz), die als zehnjähriges Mädchen in einer Hamburger Gesellschaft Heine sieht, sich sterblich in ihn verliebt und es nun als ihre Lebensaufgabe betrachtet, den Dichter seiner französischen Umgebung zu entreißen und ill feinem Telltschtum zu stärken. Das mag cin recht zeitgemäßer Gedanke sein, heißt aber der Geschichte in Wahrheit ins Gesicht schlagen. Mag Camilla Selben, von der man in Wirklichkeit herzlich wenig weiß, eine Abenteurerin, eine hysterische Frau oder eine Samariterin gewesen sein — eine patriotische Deutsche war sie gewiß nicht. Mt so großer Spannung wir auch ihre innere Entwicklung lesen, ihr Zusammenleben mit dein gemeinen Schuft, Spieler und Wüstling Herrn von Selben, mit so viel Interesse wir ihren Aufenthalt im Jrrenhanse und ihre Befreiung daraus betrachten — das, wovon uns die Verfasserin überzeugen will, vermag sie uns nicht aufzudrängen. Die Art ferner, wie hier die gute, dicke Mathilde, Heines Gattin, die freilich dein Dichter viel zu schassen machte, als eine schamlose, verruchte Person dar gestellt wird, während sie im Grunde nur ein vergnügungssüchtiges, leichtsinniges Frauenzimmer war, will uns nicht recht in den Kopf. Auch die zahllosen, allerdings geistreichen Gespräche ermüden auf die Dauer, und das ganze Buch würde unendlich mehr wirken, wenn es auf die Hälfte znfammengedrängt wäre. Gar manche Jrrtüm-er verunzieren das Buch. Die Verfasserin hätte wissen müssen, daß int Jahre 1840 die Prager Juden keinen gelben Fleck mehr trugen; auch die Angaben S. 209 über Heinesche Werke zeigen eine recht -bedauerliche Unkenntnis. Aber vieles in dem Roman, namentlich die Vertiefung in Heines Wesen und die psychologische Schilderung seiner komplizierten- Natur, besonders das Kapitel übeu die Nordsee, beweisen hohen poetischen Schwung. Die Verfasserin har sich in ihren Helden hineingelebt und versieht es, ein lebendiges und fesselndes Bild feiner -Mt und seiner Umgebung hervorzurufen. Und so mag man, obgleich mau -in vielen Einzelheiten mit der Dichterin rechten möchte, doch im großen und ganzen ihre Leistung als eine interessante und poetisch wohlgelungene betrachten. L. G. * H a g a d a h. Lamms „Jüdische Feldbücherei" Nr. 5. Verlag von Louis Lamm, Berlin. 1916. Mit durchgesehenem Texte -und in neuer Uebersetznng von Dr. B. Königsberger, Rabbiner in Berlin. Zwei verschiedene Ausgaben des hebräischen Textes der Hagadah mit deutscher Uebersetznng (das Werk war früher ohne deutsche Uebersetznng erschienen). Die eine Ausgabe ist gebunden, die andere, die der „Feldbücherei", in «kleinerem Formate und ungebunden. Die Uebersetznng ist im ganzen ansprechend; in dem Schlnßgedichte »vollen mir die Phrasen „befreiend im Auftreten" und „ihm zur Zier, ihm nach Gebühr" sehr wenig gefallen. Ueberhaupt kann das, was als deutsche Verse geboten wird, keinen Anspruch auf wirkliche Poesie machen. Doch werden beide Sannnlungen ihren nützlichen Zweck gewiß erfüllen. ~ G li t a ch te n ü b -e r e i n I u g e n d b u ch. Gutachten über das im Berlage von George Westermann in Braunschweig. erschienene Buch „Oliver Twist oder Schicksale eines Genwindekindes" von Charles Dickens. Band 15 der „Lebensbücher der Jugend". Charles Dickens gehört zu den Meistererzählernder Weltliteratur. Es ist aber verfehlt, Erzeugnisse seiner Erzählmrgskunst wie „Oliver Twist" in den Rahmen einer Jngendschrift zu spamrein Dieses mehr als düstere Bild eines -im- Armenhause „erzogenen Kindes", die Wellen Schilderungen der Höhlen des Lasters, die krasse Charakteristik eines verbrecherischen Juden, der eine Hauptrolle in der Erzählung spielt — all das darf kein Lesestoff für die Jugend sein, all das liegt dem Anschauung^ und Erfahrungskreis der. Jugend fern. Wenn auch nach Lessing die Alten nie Furien gebildet, d. h. das Häßliche aus dem Bereiche der Kunst verwiesen haben, so denken doch die Modernen anders. Wir sind der Meinung, daß das Kunstwerk Licht und Schatten gleichmäßig zu verteilen, Wahrheit und Lüge nufznzeigen hat, aber alles Grausige, alle Lasterhöhlen sind von der Jugend -fernzuhalten. „Es ist kein Anblick für Kinder", heißt es auf S. 207 der beredten Schrift. Wir stimmen Jean Paul zu, wenn er in feiner „Levana" erklärt: Einen traurigen Alaun erduld' ich, aber kein trauriges Kind; denn jener kann, in welchen Sumpf er auch einsinke, die Augen in das Reich der Vernunft oder in das der Hoffnung erheben; das kleine Kind aber wird von einem schwarzen Giftkropfen der Gegenwart ganz umzogen und erdrückt. Denkt euch ein Kind, das zum Blutgerüst geführt würde, oder sehet einen Schmetterling nach dem Ansreißen seiner Flügel als Raupe, so fühlt ihr, was ich meine!" — Und nun zum verbrecherischen Inden! Dem- Künstler steht -es zu, einen verbrecherischen Juden oder einen verbrecherischen Christen zu zeichnen. Aber hier in „Oliver Twist" wird der konfessionelle Standpunkt einseitig' hervargehoben, denn ein Jude, mit edlen Charaktereigenschaften ausgestattet, tritt in der Erzählung nicht weiter auf, so daß in dem Kinde die Meinung entsteht: So sind die Juden alle. (Eine ähnliche Bemerkungist übrigens in der Geschichte zu verzeichnen.) Leider ist die Erzählung dazu angetan, altvererbte Vorurteile gegen die Inden bei der christlichen Jugend zu stärken. Aus allen diesen Gründen lehnen wir das Barch „Oliver Twist" nachträglich mit aller Entschiedenheit ab. Dr. Al. Spanier, Magdeburg. Sprkchlaal. Die im Sprechsaal Nr. 25 von Herrn Dr. Schopf erwähnte Angelegenheit ist, tute der Briefschreiber uns mitteilt, durch loyale Erklärungen des Verlages inzwischen erledigt. D. Red.