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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-07 · Heft 27 (7.7.1916) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 323 (sequence 11)
Language
German
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323 Er wich einen Schritt zurück, doch sie winkte ihn durch eine Handbewegung wieder näher zu sich heran. „Ich weiß alles, Herr Schmulikof. Ich hatte schon von Anfang an einen leisen Verdacht, daß sich etwas Besonderes im Walde ereignet hatte. Ihr Bericht über den Unfall stimmte nicht überein mit dem meines Vetters. Durch meine zufällige Anwesenheit in der Apotheke an demselben Tage ist mein Verdacht zur vollen Gewißheit geworden." „Dabei aber begreife ich immer noch nicht, warum Sie mich für die Torheit Ihres Vetters büßen lassen, indem Sie mir absichtlich aus dem Wege gehen." „Weil ich meinem Vetter keinen Anlaß zu weiteren „Torheiten", wie Sie es zu nennen belieben, geben will. Vielleicht haben Sie es bemerkt, daß ich, ungewollt, das Vergnügen habe, die Aufmerksamkeit meines Vaters erregt zu haben." Schmulikof nickte schweigend. „Er glaubt sich berechtigt, ein gleiches Interesse für seine Person auch meinerseits vorausfetzen zu dürfen, und in dieser irrigen Annahme ist er zu allen „Torheiten" fähig, wenn sich der Erfüllung seiner Wünsche ein Hindernis entgegenstellen sollte." Sie schauerte leicht zusammen und fuhr dann schneller fort: „Der Gedanke, einen Verwandten zu haben, der seine Hand mit Menschenblut besudelt, könnte mich rasend machen. Es wäre für mich gräßlich, unerträglich." Er beugte sich zu ihr nieder und sprach langsam und deutlich, als wollte er ihr jedes Wort noch besonders einprägen: „Wenn ich aber doch entschlossen wäre, im Bewußtsein eines höheren, heiligen Zweckes auch ferner die „Torheiten" Ihres Vetters nicht zu scheuen, könnte dieses Sie geneigt machen, Ihre Kälte gegen mich fallen zu lassen?" „Nein, auch dann nicht!" war ihre entschiedene Antwort. Sein Schreck wurde durch seine Ungläubigkeit ein wenig gemildert. „Ist es vollständig ausgeschlossen, daß Sie Ihre Ansicht ändern werden, Fräulein Torakow?" „Vollständig. Ich werde überhaupt nicht mehr daran denken." „Sollte ich auch das Recht verwirkt haben, Ihre Gründe dafür zu erfahren?" rief er, erregt durch ihre Beharrlichkeit. „Weil jede Freundschaft zwischen Ihnen und mir ganz unmöglich ist. Soll ich noch mehr sagen, Herr Schmulikof?" „Durchaus nicht, Ihr Wort genügt mir vollständig. Und nun habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen." Er verbeugte sich leicht und tat, als ob er sie verlassen wollte. Sein Herz schlug dabei zum Zerspringen. Er wußte, daß der nächste Augenblick die Entscheidung bringen mußte. Er wußte, daß er jetzt alles aufs Spiel gesetzt. Er sah ihr in die Augen und er wußte, daß er gewonnen hatte. „Bitte, bleiben Sie," hörte er wie einen leisen Hauch von ihren Lippen. Er stellte sich kalt, als bemerke er ihre Unentschlossenheit nicht. „Ich weiß es, daß ich Ihnen durch mein Benehmen das Recht gebe, mich für ein launisches Weib zu halten. Unglücklicherweise blieb mir kein anderer Ausweg, wenn ich nicht als Narr in Ihren Augen dastehen sollte." „Sie gebrauchen starke Ausdrücke," sagte er etwas freundlicher. „Sie sollen es selbst beurteilen, ob diese berechtigt sind. Sie erinnern sich vielleicht noch, was ich Ihnen damals im Gartenhäuschen von Eindrücken gesagt, die Sie auf mich gemacht. Ich gab mir redliche Mühe, meine damalige Ansicht als Scherz auszusassen; aber eS war vergeblich. Ich konnte jene unheimliche Empfindung nicht los werden. Sie haben es bemerkt, daß ich Ihnen ift den letzten Tagen aus dein Wege ging; aber — verzeihen Sie die Offenheit — Sie haben es nicht bemerkt, daß ich Sie sehr viel beobachtet habe." „Und Ihre Folgerung?" fragte er gespannt. „Ihr Benehmen in diesem Hause ist ein beständiges, wachsames Lauern und Aufpassen, es ist ein arrisre-penss. Sie sehen, ich suche mein Französisch wieder ein wenig zu lüsten. Vor wenigen Minuten erst sprachen Sie — allerdings mit ausgesuchter Höflichkeit — doch in unverkennbar gehässiger Weise von den Pflichten, die ich meinem Vater schulde. Und als ich vorhin meinen Abscheu gegen jemand zum Ausdruck brachte, der seine Hände mit Menschenblut besudelt, da war es ein böses Lächeln, das sich auf Ihre Lippen gedrängt. — Soll ich sortfahren, Herr Schmulikof?" „Ich bitte darum. Es wäre mir lieb, alle meine Sünden zu erfahren," erwiderte er mit scheinbarer Ruhe, eisenfest entschlossen, seine innere Erregung nicht durchschimmern zu lassen. „Vielleicht liegt es im weiblichen Empfinden, drohende Gefahren schon vorher zu ahnen. Und Sie tragen oft eine Miene zur Schau, als wollten Sie mir eine tödliche Wunde beibringen, wobei Sie aber bemüht sind, dieses so schonend wie möglich zu tun." „Das haben Sie mir aber früher schon einmal gesagt," warf er ein. „Das weiß ich; ich wiederhole es aber dennoch, um die Frage daran zu knüpfen: Herr Schmulikof, wodurch habe ich Ihren Haß herausgefordert?" Sie hatte die Frage so unvermittelt gestellt, daß er, trotz seiner gewaltigen Anstrengung, fast seinen Gleichmut verlor. „Durch nichts," erwiderte er schnell gefaßt; „doch haben Sie mir jetzt die Ueberzeugung beigebracht, daß Sie keine längere Unterhaltung mit inir wünschen." (Fortsetzung folgt.) Drei Tate! eim Schanzen warf eine Granate sie um, Sie fragte nicht nach Evangelium, Fragt' nicht, ob dem Papst oder Luther treu. Und ob der dritte ein Jude sei. Am selbigen Hange man bettet die drei. Sie schlafen dort oben in einer Reih', Ein einzig Gebet gab ihnen Geleit, Dem Jud', den Ehristen zur Ewigkeit! Die gleichen Blumen schmücken ihr Grab, Und sehen wir auf diese drei hinab, So scheinet uns müßig und winzig -und klein Der Zank um Glaube und Lehre zu sein. Wir glauben doch alle an einen Gott, An dem wird ein jeglicher Feind zum Spott, Uns machte die Not hier draußen gleich. So mög' es bleiben, daheim auch im Reich! Schrammen (Rechtsanwalt in Köln a. Rh.), Leutnant d. L„ zurzeit im Felde. Literarilchr Mitteilungen, — Na ch Oste n. Von S v e n He d i n. Leipzig, F. A. Brockt) au H A.-G. Das Büchlein Sven Hed-ins zeigt dieselben Vorzüge wie seine frühere Arbeit, die dem westlichen Kriegsschauplatz gewidmet ist: den frischer, lebendiger Schilderung und den mutiger Anteilnahme an -deutschem Wesen und an deutschen Erfolgen. Der Autor besitzt die Fähigkeit, zu sehen und zu beobachten und das Erschaute glücklich wiederzugeben. Es sind keine gewaltigen Schilderungen, sondern Bilder: Darstellungen verlassener Städte, kleiner Gefechte und

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