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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-07 · Heft 27 (7.7.1916) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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822 Unerschrocken trat sie dicht zu ihm, so daß seine Fäuste fast ihr Gesicht berührten. Blitzartig überlegte sie, was zu tun sei, und entschloß sich, dem Unzurechnungsfähigen einige Zugeständnisse zu machen. „Aber, Karol," sprach sie mit süßsaurem Lächeln: „Sie schlagen einen eigenartigen Weg ein, um meine Liebe zu gewinnen." Er ließ den erhobenen Arm wieder sinken und geriet wieder in eine rührselige Stimmung, während das Gurgeln und Schlucken sich aufs neue einstellte. „So gefällst du mir schon besser. Du bist eine listige Katze und du verstehst dein Gewerbe vortrefflich. — Du bist für Petersburg ganz wie geschaffen." „Ja, ja; Petersburg oder Odessa," murmelte sie gedankenvoll. „Nun aber, Karol, laß mich los und komm nach Hause." „Erst wollen wir unseren Vertrag durch einen Kuß besiegeln." Er spitzte sinnlich seine dicken Lippen. „Nein! Heute nicht, ein anderes Mal." Sie war fest entschlossen, daß dieses andere Mal nie kommen sollte. Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, hatte er sie schon im nächsten Augenblick fest umschlungen und bedeckte ihren Mund mit lautschmatzenden Küssen, während sie wie leblos in seinen Armen hing. „Ach, das hat geschmeckt!" rief er wollüstig. „Myrrhe und Narzisse aus dem Osten und Milch und Honig aus Kanaan! Du mußt nämlich wissen, daß ich Kenner bin und mich daraus verstehe. Meine Erfahrungen unter den Töchtern Sems sind ganz gewaltig! — Es war gerade am Ostern vor zwei Jahren, da hatte ich das Pech, zufällig ein Stück von eurem Osterkuchen zwischen die Zähne zu bekommen. — Brrrrr! Pfui Deixel! Sügespreu mit abgestandenem Regenwasser gebacken! Um aber den häßlichen Geschmack wieder aus dem Munde zu bekommen, ging ich mit einigen Kameraden nach der Judengasse, wo wir alle Mädchen und jungen Weiber nach Herzenslust abgeküßt, während deren langbärtige und krummnastgc Ehemänner und Väter vor Wut mit Händen und Füßen zappelten. Es waren verteufelt schöne Weiber! Du aber bist die Schönste von allen. Sv, jetzt kannst du gehen. Wir dürfen nicht zusammen gesehen werden, es könnte meinem Rufe schaden." Mit tölpelhafter Zärtlichkeit stieß er sie von sich, daß sie an einem hinter ihr stehenden Bamn aufschlug. Eilig raffte sie sich auf, und schamrot und knirschend vor Wut stürzte sie davon. XIH. Während die beiden älteren Ehepaare bei dem üblichen Kartenspiel saßen, konnte Alma ein lautes, gelangweiltes Gähnen nicht unterdrücken. Ihr Vater bemerkte es, und da er schon den ganzen Abend gute Karten bekommen hatte, war er jetzt in sehr guter Laune. Er rief ihr scherzend zu: „Geh nach der Veranda, Alma; dort kannst du ja die Sterne zählen. Das ist ein ganz interessanter Zeitvertreib für junge Mädchen." Ter Baron stimmte ihm heiter bei und fügte noch hinzu: „Schmulikof hat nur noch zwei Briefe zu schreiben, und schließlich wird wohl auch Karol bald wieder zum Vorschein kommen." „Seid nur ganz unbesorgt meinetwegen," erwiderte Alma ein wenig schnippisch. „Ich kann ja das Sternezählen auch ganz allein besorgen." Schmulikof, der eben das Zimmer unbemerkt betreten und Almas letzte Bemerkung gehört hatte, blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Er wollte warten, bis Alma sich nach der Veranda begeben, ehe er ihr dahin folgte, um ihr aus diese Weise den Rückweg abzuschneiden. Ihr Benehmen ihm gegenüber in den letzten Tagen ließ eine derartige Absicht bei ihr vermuten. Sie wurde ihm immer unbegreiflicher und ihr ganzes Gebaren immer rätselhafter. Damals im Sommerhaus, da glaubte er einen bleibenden Eindruck auf sie gemacht zrt haben, und er war froh, dadurch seinem Ziele einen Schritt näher zu sein. Seit damals aber war er auch nicht um einen Zoll weiter gekommen. Im Gegenteil, er konnte es sich nicht verhehlen, daß sie mit auffallender Aengstlichkeit bemüht war, ihm auszuweichen. Ja, sie ging so weit, seine Anwesenheit vollständig zu ignorieren. Dieses aber erfüllte ihn mit großer Besorgnis. Wie, wenn sie diese Kälte noch weiter beibehielt? Ueber eins war er sich klar geworden, sie war nicht die Puppe, für die er sie anfänglich gehalten: sie hatte schon oft unzählige Beweise von der Kraft ihres Scharfsinnes gegeben. Ein einziger Monat ivar daher keine genügende Frist, um über einen solchen Charakter den Sieg davonzutragen. Wie nun, wenn ihr Mißtrauen doch durch irgend etwas wachgerufen war? Er durfte keine Zeit verlieren, um sich Gewißheit zu verschaffen. Er gab sich einen energischen Ruck und trat mit festen Schritten zu ihr hin. Sie stand über eine Blumenvase gebeugt und hatte sein Kommen überhört. Sie fuhr leicht zusammen, als er sie begrüßte, und schickte sich an, nach dem Zimmer zurückzukehren. Ihre Blicke begegneten sich und — sie blieb. Beide bemühten sich, Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen. „So ganz allein, Komtesse," begann er die Unterhaltung in leichtem Tone. „Wo mag nur ihr Vetter hingeraten sein?" „Bis jetzt hat er es noch nicht für angebracht gefunden, mir über sein Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen. Doch wenn es Sie besonders interessiert, so steht es Ihnen natürlich frei, ihn selbst zu fragen." „Offen gestanden, interessiert es mich ganz und gar nicht. Seine momentane Abwesenheit ist nur für mich insofern von Belang, als ich dadurch wieder einmal Gelegenheit habe, ungestört mit Ihnen plaudern zu können." Sie warf ihm einen sprühenden Blick zu und schwieg. „Wenn ich mich recht erinnere, sind es fast zwei Wochen, seitdem ich dieses Vergnügen genossen." „Ich kann mich nicht zu dem Glauben ausschwingen, daß dieses wirklich einen Verlust für Sie bedeutet. In jedem Falle tut es mir leid, daß verschiedene Abhaltungen die Schuld daran tragen." „Etwa die Anwesenheit der Näherin?" warf er sarkastisch ein. „Auch das. Es war für mich eine günstige Gelegenheit, meine Handfertigkeit wieder auszufrischen." „Sicherlich aus demselben Grunde wie damals das Französische im Gartenhaus, mit Rücksicht auf das Schulgeld, das Ihr Herr Vater für Sie bezahlt." „Sie dürfen glauben und annehmen, was Ihnen beliebt, Herr Schmulikof." Er merkte, daß sie den Scherz übel ausgenommen. Um seine Verlegenheit zu verbergen, sprach er unvermittelt: „Das Kartenspiel scheint Sie auch nicht zu interessieren: vielleicht aber interessiert es Sie, zu erfahren, daß ich im Billardspiel große Fortschritte gemacht habe. Mein Ansehen ist dadurch in den Augen Ihres Herrn Vetters gewaltig gestiegen." „Ich habe bereits durch einen anderen Umstand erfahren, daß mein Vetter Sie sehr, sehr hoch achtet." „Hat er es Ihnen selbst gesagt?" war seine überraschte Frage. „Er hat es mir nicht gesagt; aber ich weiß es, daß er Ihnen ein sehr großes Kompliment gemacht, das ein Mann dem anderen machen kann." „Sie gefallen sich in Rätseln, Komtesse." Sie sah sich vorsichtig nach allen Seiten um und sprach dann mit fester Stimme: , „Er hat es Ihnen ja damals in: Walde gezeigt, daß für Sie beide nicht Raum genug in der Welt vorhanden ist."

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