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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-07 · Heft 27 (7.7.1916) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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320 Besitz entreißen könnte. In seinen rudimentären Formen und unbewußten Aeußerungen lasse sich der Haß auch in der Psyche des feinsten Kulturmenschen Nachweisen. Aus ihm haben sich dann Mißgunst und Neid entwickelt, und diese bösen Eigenschaften spielen nun nicht nur im Leben des einzelnen, sondern im sozialen Leben überhaupt und im Leben der Völker die größte Rolle. Seit jeher war es ein beliebtes Mittel schlechter, unehrlicher Staatsmänner, den Haß des Volkes nach außen abzulenken, um es seine innere Nöte vergessen zu machen, für die sie kein Heilmittel mehr tvußten. So wurden verhängnisvolle Kriege vom Zaune gebrochen. Schillers Wort: „Es kann der Beste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt", ist heute mehr wie je zu einem traurigen Wahrwort geworden. Für wie vieles haben die Juden in der Weltgeschichte schon als Sündenbock dienen müssen! An allem sozialen Elend, an Cholera, Pest, Hungersnot sind sie schuld gewesen, und man ist über sie hergesallen. In Rußland wurden sie in Friedenszeiten dem unwissenden, ausgebeuteten und ausgesogenen Volke zu Pogromen preisgegeben, und nach den Niederlagen dieses Krieges zittern sie für ihr Leben und ihr Eigentum, weil man sie für diese Niederlagen verantwortlich macht und sie des Verrats und der Begünstigung des Feindes anschuldigt. Die Fackel des Panslawismus hat den Weltbrand entzündet, aber der Sündenbock sollen Deutschlands „Militarismus" und „Herrschsucht" sein. So hat dieser Krieg die niedersten Triebe der Menschen und der Völker aufgedeckt, und die Liebe steht trauernd beiseite und verhüllt weinend ihr Haupt. Ob nach dem Friedensschlüsse die Künstler, wie Stekel meint, die ersten sein werden, welche das Evangelium der Liebe predigen werden, und ob die Völker es dann gern hören werden, wir wollen es erhoffen und wünschen. Sagt doch auch Schiller, daß „je mehr der Mensch den stillen Siegen der Kunst folgt, je kleiner wird er selbst, je größer seine Lieb e". Noch tobt der Krieg vor unseren Mauern, und diejenigen, die hinausgezogen sind, um die Heimat zu verteidigen, sind, wie der Weltschachmeister Dr. Emanuel L a s k e r in seiner Schrift „Die Selbsttäuschungen unserer Feinde^) sagt, unsere Liebe. In ihnen erblicken wir die Zukunft einer freieren, wahreren, schöneren Menschheit. Sie helfen dazu, daß der Satz „Gewalt geht vor Recht" zuschanden wird, sie helfen, die Herrschsucht überwinden und die wahre Freiheit und edle Menschlichkeit wieder auf den Thron zu setzen. Lächelt die Sonne des Friedens aber wieder durch das düstere Gewölk, welches dieser ungeheure Krieg über die gesamte bewohnte Erde heraufbeschworen hat, dann soll versöhnende, beglückende Liebe die tiefen, schweren Wunden zu heilen suchen, welche er der Menschheit geschlagen hat. Vielleicht daß dann die Erkenntnis bei allen Völkern heraufdämmert, daß es kein größeres Unglück gibt als den Krieg, der unersetzliche Menschenleben und unschätzbare Kulturgüter vernichtet, und daß es nur ein Glück gibt: in Frieden, Liebe und Duldung zu den Höhen der Menschheit vorwärts zu schreiten. Urarlitilche kriegskürlorge in Selterreich. er soeben erschienene Jahresbericht der Israelitischen Allianz in Wien bildet, wie alljährlich, ein wichtiges Tokunrent der Zeitgeschichte und enthält unter anderem eine bis Anfang Mai dieses Jahres reichende ausführliche Darstellung der umfassenden Kriegshilfsaktionen des genannten Vereines zugunsten der Flüchtlinge in Westösterreich, sowie für die notleidenden Juden in Galizien und in den von öster- Verlag Hans Joseph, Berlin, Bülowstraße 75. reichisch-ungarischen Truppen okkupierten Gebieten Russisch- Polens und Wolhyniens. Der Bericht hebt hervor, daß der Verein trotz der besonderen Spendensammlungen, welche er auch im verflossenen Jahre veranstaltet hat und die ein in Anbetracht der schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht unbedeutendes Ergebnis erzielten, in keinem Falle auf eine auch nur halbwegs befriedigende Lösung der Riesenaufgabe hätte hoffen dürfen, wenn nicht ein besonders bedeutsames Ereignis das Werk erleichtert hätte. Dieses Ereignis, das in der Geschichte des Judentums der Neuzeit mit Bewunderung verzeichnet werden wird, fei die rührende Hilfsbereitschaft unserer Brüder in Amerika und die wahrhaft fürstliche Freigebigkeit, mit welcher sie ihre Unterstützung gewährt haben. Durch Heranziehung der großen Znwendungen seitens des „American Jewish Relief Komitee" in New Jork ist es der Wiener Israelitischen Allianz möglich gewesen, für die Flüchtlinge, sowie zur Linderung der Not der jüdischen Bevölkerung in den befreiten Gebieten Galiziens und im österreichischen Teile Russisch-Polens in ungesähr 300 jüdischen Gemeinden nahezu 3 Millionen Kronen zu verwenden. Fortlaufend werden noch weiter Unterstützungen im Gesamtbeträge von durchschnittlich 200 000 Kronen monatlich gewährt. Eine statistische Uebersicht der Flüchtlinge zeigt, daß in Wien 137 000, davon 77 090 Inden, in Böhmen 96 607, davon 54159 Inden, in Mähren 57 501, davon 18 429 Juden, geweilt haben. In den anderen Kronländern waren verhältnismäßig kleinere Gruppen zerstreut. Der staatliche Unterhaltsbeitrag betrug in letzter Zeit in Wien eine Krone, in den Provinzorten 90 Heller pro Kopf und Tag. Fast alle jüdischen Gemeinden in Böhmen und Mähren, welche Flüchtlinge beherbergten, nahmen sich derselben mit großer Menschenfreundlichkeit an und ergänzten, soweit die lokalen Mittel reichten, aus Eigenem die nur für das Mmimum der Existenz berechnete Regierungshilse. Die Allianz betrachtete es nun als ihre Aufgabe, den Hilfskomitees, welche sich in fast allen Orten gebildet hatten, auf Grund periodischer Berichte über den Personenstand und die Bedürfnisse den notwendigen moralischen und materiellen Beistand zu gewähren. Diese Zuschüsse, die zum staatlichen Unterhaltsbeitrag und zu den Sammlungen der zahlreichen, lokalen Komitees gewährt wurden, betrugen bis Anfang Mai insgesamt 56 5 94 8 Kronen. Der Bericht schildert sodann die trostlose Lage, in welcher sich die jüdische Bevölkerung in den befreiten Gebieten Galiziens nach dem Abzug der Russen befanden, und teilt Auszüge aus einzelnen authentischen Schilderungen über den unsäglichen Jammer mit. So wird aus B e l z berichtet: „Im September 1914 waren Kosaken plündernd von Haus zu Haus gezogen. Sie begossen dann 450 jüdische Häuser mit einer feuerfangenden Flüssigkeit und zündeten sie an. Wer sein Haus retten wollte, wurde blutig geschlagen. Geplündert wurde in der ganzen Stadt. Drei Thorarollen wurden verbrannt. Die meisten Juden wohnen in Höhlen, Kellern und in den Ruinen ihrer Häuser. Die Zähl der Waisenkinder übersteigt 200. Der Delegierte des Komitees sah mit eigenen Augen die Höhlen, wo Leute an Typhus krank daniederlagen, von denen mehrere starben. 291 Familien sind vollkommen der Existenz beraubt." Aehnliche Schilderungen sind aus Gologorh, Rohatyn, Sniatyn, und zwar nur als Beispiele aus einer großen Anzahl von Spezialberichten veröffentlicht. Der Verein organisierte seine Hilfe in der Weise, daß er das jüdische Hilfskomitee in Lemberg als Zentralstelle für eine große Anzahl kleiner Gemeinden Ostgalizens benützte, ferner besondere Komitees in Brody, Stanislau, Kolomea, Przemyst, Jaroslau,

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