Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-07 · Heft 27 (7.7.1916) · p. Seite 319

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229260--72349-3284786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

319 So ist es nicht nur bei dem einzelnen, so ist es auch bei den Völkern. Die Liebe scheint jetzt in der Welt verlorengegangen zu sein. Mars und sein Schreckenskind, der Haß, regieren die Stunde. Vielleicht werden nach dem Kriege die jetzt in unheilvollem Zwiespalt liegenden Völker sich wieder näher kommen, wenn sie sich bemühen werden, einander zu verstehen, der Eigenart des anderen gerecht zu werden. Nicht zum wenigsten gilt dies gegenüber den Juden, die am schwersten und tiefsten von dem Leid des Krieges betroffen worden sind. Die Juden haben mit den Deutschen das gemeinsame Schicksal, daß man sie in der Welt nicht liebt. Das liegt wohl daran, daß man beide verkennt und in Vorurteilen gegen sie verstrickt ist. Wie die Juden sagen: „Zur Liebe und zur Mildtätigkeit kann man keinen zwingen", so heißt es bei den Deutschen: „Die Liebe ist ein freies Geschenk; man kann sie nicht erzwingen." Wenn man aber erst Juden und Deutsche in dem, was ihr wahres Wesen ausmacht, richtig erkannt und verstanden hat, wird man sie, wenn schon nicht lieben, so doch wenigstens achten, würdigen und gerecht zu behandeln lernen. Bezeichnend und sehr zeitgemäß ist das Wort des Ovid in seinen „Tristia" (Klageliedern) aus Tomi am Schwarzen Meere: „Barbaros Ine ego sum, quia non intelligor ulli.“ (Ein Barbar bin ich hierzulande, da mich keiner v e r st e h e n kann.) — Und gilt nicht dasselbe von den jetzt als „Barbaren" verschrienen Deutschen, die niemand in ihren innersten Gefühlen und in ihren Beweggründen verstehen will? Gilt es nicht auch von den Crossen Juden, bei denen man als Charaktereigenschaften und „Rassenmerkmale" anklagt, was lediglich Produkt einer langen Leidenszeit und der geschichtlichen Entwicklung ist? Würde man die Deutschen und die Juden nicht anders beurteilen, wenn man sich i n i h r e L a g e versetzen, wenn man sich bemühen würde, sie nur als Menschen zu sehen, die sich ihre Existenzberechtigung in der Welt und die höchsten Lebensgüter der Freiheit und Gleichheit erringen und erkämpfen wollen! Ist aber der Kampf erst zu einem für uns siegreichen Ende gekommen, waltet wieder die ruhige Vernunft auf Erden, dann mögen alle Friedens- und Kultursreunde sich zusanunenschließen, daß nie wieder so Schreckliches über die Welt hereiubreche, daß die Sonne des Friedens und Glückes nicht untergehe, daß Liebe, Duldung und Menschlichkeit walten unter den Völkern, und neues Leben wird aus den Ruinen erblühen, nach dem hüten alten Hausspruche: „Wo Liebe, da Friede, wo Friede, da Segen, wo Segen, da Gott, wo Gott, keine Not!" II. Die Andersgläubigen bezeichnen gern den Gott des Alten Testaments als den „Gott der Rache", das Neue Testament aber ist ihnen das „Evangelium der Liebe". Der Stifter der christlichen Religion, so sagen sie, hat das Gebot der Liebe verkündet, die größer sei als Glaube und Hoffnung; er hat den dem tönenden Erz oder der klingenden Schelle verglichen, der ohne Liebe ist, selbst wenn er mit Engelszungen predigte. Paulus von Tarsus, der eifrigste Verkünder des Christentums, erklärte: „Wenn ich allen Glauben hätte, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts." Neunzehnhundert Jahre sind seitdem vergangen, sie sind erfüllt von Haß und Krieg, die Liebe erstickt in einem Meer von Blut und Tränen. Und vergeblich fragt man sich: „Wodurch zeichnet sich nun der Mensch, der Träger der Gottesidee, vor dem Tier aus, das nichts weiß von Glaube und Religion, von Gesetz und Recht, das niemals gelernt hat, die Dinge der Welt unter dem Gesichtspunkte der Ewigkeit zu betrachten? Soll man auch hier, wie es in dem Morgengebet heißt, sagen: .Der Vorzug des Menschen vor dem Vieh schwindet^?" — Der bekannte Wiener Psychologe und Nervenarzt Dr. Wilö.f©.: Israelitischer Gängerchor. | Helm St ekel sucht in seinem neuesten Werke „Unser Seelen-! leben im Kriege"^) diese Frage zu beantworten. Er behauptet,! daß dem uns allen innewohnenden Bedürfnis nach Liebe ein ebenso starkes Bedürfnis nach H a ß entspricht, und daß auch die Massen das Bedürfnis haben zu hassen. Leichtsinnige, gewissenlose Politiker hätten diesen Haß immer schlau für ihre eigenen Zwecke auszunutzen verstanden. Wer Liebe predigt, wird immer weniger Anhänger finden als der Apostel des Hasses. Der gemeinsame Haß aber kittet ebenso stark wie die gemeinsame Liebe. Wir glauben, daß dem Menschen noch ein anderes Bedürfnis innewohnt, und das ist: einen S ü n d e n b o ck zu suchen. Dieses Gefühl aber entspringt aus der Selbstsucht. Stekel hält den Urmenschen für absolut egoistisch und den Haß für das primäre Gefühl desselben. Deshalb wittert er in jedem anderen einen Feind, der ihm die Macht und seinen j y Verlag von Otto Salle in Berlin W 57. Das in fesselnder j Weise geschriebene Buch enthält psychologische Betrachtungen über den ' Krieg und seine Wirkung aus das Seelenleben der Menschen. Es ist i sehr zeitgemäß und klärt so manches auf, was uns in dem Weltkriege rätselhaft erscheint, so die Gesaugeneuliebe, die Prophezeiungen usw. Es istbestens zu empfehlen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.