Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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318 herrlichen Berichten des Herrn Rabbiner Baeck vergleicht. Aus den letzteren erkennt man, was der jüdische Seelsorger wirklich zu leisten vermag; denn es handelt sich, was man einem Rabbiner doch eigentlich nicht zu sagen brauchte, nicht in erster Linie darum, daß man den Gefangenen koscher zu essen gibt und daß man chnen jüdische Zeitungen, vermutlich orthodoxe, nach dem Standpunkt des Herrn Munk zu urteilen, in die Hände bringt, sondern daß man Einsluß auf ihre Seelen gewinnt. Hierin erblicke ich die eigentliche Tätigkeit des jüdischen Seelsorgers: er hätte die Aufgabe, die inneren Qualen zu beschwichtigen und eine tiefe Einwirkung auf die Herzen zu üben, die die kurze Zeit des Krieges und die kürzere der Gefangenschaft zu überdauern und in die Seelen dieser Unglücklichen Keime zu legen hätte, die auch für spätere Geschlechter fruchtbar sein müßten. Aber wenn ich mit den Darlegungen des Herrn Munk mich auch in keiner Weise einverstanden erklären kann, so empfehle ich beide Schriftchen meinen Lesern und bin der Ueberzeugung, Hammerstein: Israelitischer Gottesdienst. daß sie an dem übrigen Inhalt der beiden Hefte und an den an dieser Stelle wiederholten Bildern ihre Freude haben werden. L. G. Liebt. Von Smntntsrat Dr. Sch erbet in Lissn i. P. I. 3n einer Abhandlung über die „Liebe" für die in Amerika erscheinende „Jüdische Enzyklopädie" weist der gelehrte und belesene Dr. Gotthard Deutsch aus Cincinnati das Vorkommen der Liebe in der Bibel, im Talmud und in dem sonstigen jüdischen Schrifttum nach, und zwar sowohl der Geschlechtsliebe im allgemeinen als der Liebe in der Ehe im besonderen, der Eltern- und Kindesliebe, der Liebe zwischen Geschwistern, Freunden usw. und der Liebe im übertragenen Sinne, zumal der Liebe zu Gott und der Liebe Gottes zu den Menschen. Man ersieht daraus, daß die Liebe seit jeher bei den Juden und in der jüdischen Literatur eine große Rolle gespielt hat. Interessant sind dabei manche Gegenüberstellungen zu der mittelalterlichen und neueren deutschen Literatur, so wenn Deutsch die Erzählung von der Liebe Amnons zu seiner Stiefschwester Tamar in Vergleich stellt zu Max Halbes Trauerspiel „Jugend", oder wenn er Davids Tötung von zweihundert Philistern aus Liebe zu Sauls Tochter Michal mit den Heldentaten der Troubadoure vergleicht. Man kann Deutsch wohl zustimmen, wenn er in der ganzen Weltliteratur kaum einen edleren Ausdruck von Anhänglichkeit und Liebe findet, als die Worte, die Ruth zu ihrer Schwiegermutter Naomi spricht: „Wo du hingehst, gehe ich hin; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, sterbe ich, und dort will ich begraben werden. Der Tod allein scheide zwischen mir und dir!" Und wenn er hinzusügt, daß die beglückwünschenden Worte der Frauen zu Naomi, als Ruth von Boas einen Sohn geboren, daß Ruths Liebe zu ihr größer sei als die von sieben Söhnen, eine tiefe, ewige und heute mehr als je geltende Wahrheit enthalten, daß die wirkliche Verwandtschaft die der Seelen sei. Nur sie allein hat Wert im Leben. Hat nicht der gegenwärtig noch tobende Krieg an den Herrschern von England und Rußland bewiesen, wie wenig der Name Verwandtschaft bedeutet, wie er Schall und Rauch ist gegenüber den Gefühlen und Beweisen wahrer, echter, treuer Freundschaft! Der innerste Kern, das Wesen der Liebe beruht eben in der Seelenverwandtschaft, in dem' seelischen Gleichklang, in der Hinneigung von Herz zum Herzen. Sind diese seelischen Beziehungen nicht vorhanden, bestand das Band nur in sinnlichen Regungen, so folgt bald die bittere Enttäuschung, und„Laune löst, was Laune bindet". Wir finden im Altertum so manches schöne Wort über die Liebe. Antigone spricht: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Im Vergil heißt es: „Alles besiegt der Gott der Liebe." Ovid preist „der Liebe Tragen und Dulden". Am höchsten aber steht wohl die Vorschrift des Alten Testaments, die aus ihm erst in das Neue hinübergenommen worden ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" Nur der kann wahr lieben, wer fähig ist zur Selbstlosigkeit und Selbstentäußerung, wer sich ganz aus den Standpunkt des anderen zu stellen vermag. Vielleicht ist dies, neben der. Selbsterkenntnis, der Einsicht in die eigenen Fehler, das Wichtigste, aber auch das Schwerste im Leben. Sich in der Stelle eines anderen zu denken, hat schon Immanuel Kant zur Vermeidung des Irrtums empfohlen. Lernet die Kunst, euch aus den Standpunkt des anderen zu stellen, und ihr werdet nachsichtiger, geduldiger werden, ihr werdet so manches verstehen, was euch bisher ein Rätsel war! Ihr werdet euch bemühen, die anderen besser kennenzulernen, und — vielleicht werdet ihr sie dann auch lieben. Eine Kluft trennt oft einen Menschen von dem anderen, aber sie wird überbrückt durch die Liebe, die sich bemüht, „alles zu verstehen und damit alles zu verzeihen".