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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-07 · Heft 27 (7.7.1916) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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317 lose Aussicht in die Zukunft eröffnet und von dem man leider nicht einmal sagen kann, daß er die Lage zu schwarz malt. Er lautet: D i e I u d e n - T r n g ö d i e i n N u s; l a it d. Rotterdam, 23. Juni. lieber die Verhandlung der Juden in Rußland wird dem „Nieuwen Rotterd. Courant" geschrieben. „Die letzten Berichte, die aus Rußland kommen, zeichnen die Lage der Juden noch trostloser, als man erwartete. In zahlreichen großen und kleinen Städten war man dieses Jahr beim Osterfest aus Pogrome vorbereitet. Die Pogrompropaganda wurde eifrig und in aller Öffentlichkeit geführt. Eine große Anzahl Rituellmordbeschuldigungen wurde in Petersburg und in der Provinz erfunden und verbreitet. Verrat, Preistreibereien, Spekulationen in den notwendigen Lebensmitteln waren die Anklagen, die nebenher liefen. In Moskau, wo man mit aller Sicherheit mit Ostern einen Pogrom erwartete, wurde in tausend Exemplaren eine Ansichtskarte verbreitet, worauf auf der einen Seite die bekannten Worte Kaiserin Elisabeths, wodurch die Juden als Feinde des christlichen Glaubens gebrandmarkt werden, standen, während auf der anderen Seite zwei Juden zu sehen waren, die einen großen Geldbeutel schleppten. Zll gleicher Zeit wurde voll den Moskalier Behörden unter den Juden eine große Drei bj a g d abgehalten, wobei 4500 Inden verhaftet und verbannt wurden. Die Juden bekommen keine Pässe, um in das Ausland zu reisen. Einenl Juden, der eine große Holzlieserung an die englische Admiralität zu erledigen hatte und dafür nach England reisen wollte, konnte, trotz der Vorstellungen der englischen Gesandtschaft in Petersburg, feinen Paß bekommen. Die Juden werden systematisch von jedem Amt im Heer zlirückgehalten. Nur als einfache Soldaten werden sie geduldet. A l l e Berichte über di e B efö r d er u n g von Juden zu Offizieren sind Lügen. Auch aus dem Gesundheitsdienst werden sie entfernt lind man bemüht sich, selbst die jüdischen Aerzte loszuwerden. Den Inden ist in der Kriegszone jede Beweguilgsfreiheit verboten. Dabei muß man in Betracht ziehen, daß diese Kriegszone einen großen Teil der Gouvernements hinter der Front umfaßt. Jetzt hat lnan eine neue Beschuldigung gegen die Juden erfunden: In letzter Zeit mehrt sich in gewaltiger Weise die Zahl der Desertionen, Tausende desertierter Soldaten sind in den Dörfern verborgen; besonders unter den polnischen Soldaten scheinen Desertionen massenhaft vorzukommen. Auch hrersür sollen nun die Inden verantwortlich gemacht werden. Zwei Schriftstücke, die sich hierauf beziehen, sind bekannt geworden, nämlich ein Schreiben des Chefs des Generalstabs Alexejeff an den Ministerpräsidenten Stürmer und dessen Antwort. General Alexejeff klagt in seinem Schreiben über die Zunahme der Desertionen und gibt als Erklärung die Propaganda der" deutschgesinnten Juden im Heere und hinter der Front an. Er verlangt hiergegen Maßnahmen seitens des Ministerpräsidenten. In seiner Antwort bestätigt Minister Stürmer die Richtigkeit der Angaben und ebenso die Richtigkeit der Beschuldigung, daß die Juden durch ihre gefährliche und verbrecherische Propaganda die russischen Soldaten zur Desertion verleiten. Stürmer erläutert dann auch die Maßnahmen, die getroffen werden sollen. Diese Maßnahmen sind in einem Rundschreiben alten Gouverneuren mitgeteilt worden, die sie allen Zivilbehörden, Eisenbahnbeamten, Gendarmerieposten usw. zu übermitteln haben. Der Ministerpräsident verlangt, daß inan alle Juden genau überwache. Besonders sollen sie in den Zügen und auf den Bahnhöfen beobachtet werden. Diese Aufgabe fällt den Eisenbahnbeamten zu. Beim geringsten Verdacht soll eine scharfe Untersuchung eingeleitet werden. Findet man nur die geringste Annahme der Schuld, so sollen die Verdächtigen dem militärischen Richter überantwortet werden. Gibt die Untersuchung kein Ergebnis, so soll der Jude den Zivilbehörden übergeben werden, die ihn auf administrativem Wege nach Sibirien zu verschicken haben. Das ist das letzte Ergebnis der neuen Richtung in der Judenpolitik der russischen Regierung. Es ist einleuchtend, daß durch dieses Rundschreiben des Ministerpräsidenten die Juden in Rußland für Vogelfrei erklärt werden. Die Angabe des niedrigsten Beamten genügt, einen Juden zu verhaften. Und daß die Verhaftung nicht ergebnislos verläuft, dafür wird nach den bekannten russischen Methoden wohl gesorgt werden. Und wenn man trotzdem keine Anklage zurechtzimmern kann, wird der Jude doch noch verbannt. Die jüdische Bevölkerung Rußlands ist also der Willkür preisgegeben. Aber wie trostlos die Lage schon heute ist, die Verzweiflung, die sich der russischen Judenwelt bemächtigt hat, ist auf der Sorge für die Zukunft begründet. In den tonangebenden Kreisen des russischen Judentums herrscht die Ueberzeugung, daß das Ende des Krieges für die Juden Rußlands ein Ende mit Schrecken sein wird. Man ist allgemein überzeugt, daß die russische Regierung ihr Schuldkonto auf die Schultern der Juden abladen wird und daß sie bereits jetzt ihre Verteidigungsmaßnahmen trifft. Es ist in Rußland eine ganze Literatur bekannt geworden, die dieser Aufgabe gewidmet ist: mehr als zweitausend Rundschreiben an die Militär- und Zivilbehörden, Briese von den verschiedenen Behörden an die Führer der antijüdischen Organisationen usw. Alle diese Kundgebungen dienen dem einen Zweck: zu beweisen, daß die Juden Landesverräter sind, daß sie deutschgesinnt sind und den Deutschen alle möglichen Dienste erweisen, daß sie in Lebensmitteln wuchern und zu Aufständen, Unruhen und Desertion aufwiegeln, daß, in einem Wort, die Juden die Ursache aller Mißgeschicke dieses Krieges sind. Diese systematische Arbeit hat bereits Erfolg gehabt; das russische Volk ist durch diese Propaganda vergiftet worden und nach dem Kriege werden überall in Rußland Pogrome von solcher Ausdehnung und Grausamkeit erstehen, wie sie die Leidensgeschichte der russischen Juden noch nie zu verzeichnen hatte. Es herrscht die Ueberzeugung unter den Juden, daß das Ende des Krieges für sie in einen: Blutbad enden wird. Die Stimmung in den jüdischen Kreisen wird nur von dem einen Gedanken beherrscht: flüchten zu können, um das nackte Leben zu retten! Tausende itnb abermals Tausende würden ihr ganzes Besitztum hergebeu, nur um aus Rußland flüchten zu können, aber alle Wege sind ihnen abgeschnitten, sie können sich nicht aus Rußland entfernen. S o lebt eine Bevölkerung von Millionen in steter T o d e s a n g st! Und keine Aussicht auf Hilfe, denn England und Frankreich scheinen nach den letzten Erfahrungen nichts tun zll können oder tun zu wollen." ftus deutschen lkriegsseksugenenlasern. ^E^ürzlich sind zwei Heftes erschienen, aus denen wir zwei Bilder folgen lassen. In dem ersten Schriftchen werden juristische, hygienische und sanitäre Zustände dargestellt, von der Post gesprochen und Gefangenenbriefe mitgeteilt; in dem zweiten gibt ein Pfarrer die Eindrücke des Seelsorgers wieder, die er beim Besuche von Gefangenenlagern erhalten hat. Das Wichtigste aber für unsere Zwecke ist ein Kapitel der ersten Schrift, in dem über die Seelsorge im allgemeinen gehandelt wird. Darin kommen drei Geistliche zu Wort: der schon angedeutete evangelische Pfarrer, der in der zweiten Schrift über die Seelsorge seiner Konfession spricht, ferner ein katholischer Geistlicher und ein Rabbiner (im Anhänge wird von Mohammedanern erzählt). Was uns besonders interessiert, ist der Bericht des Herrn Rabbiners Munk. Daß er von seinem Standpunkte aus das Hauptgewicht auf die rituelle Beköstigung legt, ist ihm nicht zu verargen; uns erscheint das von ihm Vorangestellte von geringerer Bedeutung. Bedeutsamer ist, was er über die Befreiung der Gefangenen von Arbeit an den hohen Feiertagen, von der Feier der Festtage selber und von der Seelsorge berichtet. Es ist bedauerlich, daß der Verfasser gerade über den letzteren Punkt, der uns der wichtigste erscheint, am kürzesten berichtet und daß er meint, die wirklich individuelle Seelsorge weise keine besonderen Merkmale gegenüber der der anderen Konfessionen auf. Ich bin über diesen Punkt ganz anderer Meinung. Was der Verfasser darüber sagt, erscheint mir recht oberflächlich, wenn man das von ihm Gemeldete mit den *) „Eindrücke eines Seelsorgers." Von Pfarrer Ch. Correvon. Herausgegeben vom „Ausschuß für Rat und Hilfe" (Vermißten-Suche für Ausländer) in Frankfurt a. M., Zeit 114. „Aus deutschen Kriegsgefangenenlagern." Zweite und dritte Folge. 1916. Literarische Anstalt Rütten u. Lüning, Frankfurt a. M.

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