Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
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316 Bedingungen zum britischen Heere anwerben lassen wie britisch geborene Untertanen. Alle Ausländer von militärischem Alter, die einige Zeit in diesem Lande gewohnt haben und die gern Helsen möchten, sollten auf das nächste Werbebureau gehen! Russische Untertanen jüdischen Glaubens sollten entweder auf ihr eigenes Rekrutierungsbureau gehen oder nach New St. Siwithins Laue. Das jüdische Kriegsdienstkomitee wir>d ihnen z-um Eintritt verhelfen und sie in ein Regiment schieben, wo sie Freunde finden." Der Aufruf endet: „Widersteht nicht, sondern kommt sofort und tut Eure Pflicht gegen das Land, das ihr zum Aufenthalt erwählt habt!" Man kann sich nur wundern, daß es tatsächlich in England noch Menschen gibt, die bis jetzt so „pflichtvergessen" waren, nicht für England zu sterben oder wenigstens in den Krieg zu ziehen. Der Zweck der Plakate ist, durch den Druck der öffentlichen Meinung auch die Unbeteiligten zu zwingen, sich zu opfern, und das Ganze ist ein lehrreicher Beitrag zur Erkenntnis der englischen Auffassung der Rechte und Pflichten der einzelnen Nationen. * Ueber die Verhältnisse der Juden in Rußland geben wir zunächst dem „Berliner Tageblatt" das Wort: Die korrigierten Dumareden. Stockholm, 27. Juni. Wie der „Djen" mitteilt, entspann sich in der letzten Sitzung des Seniorenkonvents der Duma eine Debatte über die Zensurierung der Abgeordnetenreden durch den Dumapräsidenten. Der Sozialist S kobelew riet dem Präsidenten, sich des ihm zugesprochmen Rechtes, die Reden in der Duma zensurieren zu dürfen, lieber nicht zu bedienen. Scherzend antwortete daraus Rodzianko, Skobelews und Tschenkelis Reden würden durch seine U m r e d i g i e r u n g nur vorteilhaft gewinnen, was im Konvent allgemeine Heiterkeit hervorrief. Skvbelew erwiderte, er zöge es dennoch vor, daß die talentvolle Stilisierung des Präsidenten künftig ausbliebe. Markow II einigte sich mit Skobelew dahin, daß der Dumapräsident wiederholt seine Befugnisse überschritten habe. Markow war sogar der lleberzeugung, daß Rodzianko mit sozialistischen Dumamitgliedern ein Uebereinkommen getroffen hätte, wonach aus den Stenogrammen kritische Stellen, die inan als Majestätsbeleidigung betrachten könnte, gestrichen würden. Dadurch käme die äußerste Linke um die nach Gesetz und Recht ihr zustehende Strafe, wogegen er, Markow, ganz entschieden protestiere. Ihm stimmte der nicht unbekannte Pogromist Zamyslowski bei. Darauf erklärte Skobelew, was ihn angehe, so sei er immer bereit, für sein Wort einzustehen und fürchte keine Verantwortung. Dasselbe Blatt schreibt an anderer Stelle: Ein Jahr ist bald um, seitdem die S p r a ch e der jüdischen Bevölkerung Rußlands, die sechs Millionen Seelen zählt, als mißfällig erklärt wurde und die Juden aller Zeitungen in ihrer Sprache beraubt wurden. Infolgedessen hat die jüdische Presse überhaupt aufgehört zu erscheinen. Das „Nowojo Wremja" meint nun, es wäre an der Zeit, auch eine Hetze gegen gesprochenen jüdischen Jargon in Szene zu setzen. Ein Mitarbeiter schlägt an derselben Stelle vor, die jüdische Bevölkerung sollte unmittelbar und vollständig ihre Muttersprache gegen die russische Umtauschen. Er begleitet seinen Rat mit der zynischen Bemerkung, die russische Negierung werde aller Wahrscheinlichkeit nach den Juden durch Ausfertigung eines entsprechenden Sprachverbotes „helfen". Dazu fügen wir eine Notiz der „Frankfurter Zeitung": Die I u densrage vor der Reichsduma. Stockholm, 29. Juni. Bei der Beratung der Anträge zur Beseitigung der Beschränkungen der Juden in der Reichsduma sprachen alle sozialistischen Abgeordneten. Tschenkeli stellte fest, daß die Arbeiter jüdischen Glaubens in den Putilow- Werken neuerdings aus Petersburg ausgewiesen werden. Das Paßsystem, erklärte der Redner, sei bezeichnend für die Unterdrückung der Hälfte des Volkes. Kerenski berichtet, nach dem „Journal" (Verhandlungsprotokoll) des Ministerrats habe der Reichskontrolleur Babrolvski ausdrücklich den Auftrag erhalten, an der Pariser Konferenz die von England gewünschte Aufhebung aller Beschränkungen der Nationalitäten nicht zuzugeben. Die Regierung verrate die Unlauterkeit ihrer diplomatischen Phrasen, wenn sie trotzdem fernerhin behaupte, den Krieg für die kleinen Nationalitäten, die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu führen. Auch auf dem „Kongreß der unterdrückten Nationen", der in Lausanne tagt, ist die jüdische Frage in Rußland zur Sprache gekommen. Darüber wird berichtet: Der Redner der jüdischen Gruppe verstand es, den Saal zu ungeheurem Beifall fortzureiben. Es war der Genfer Gelehrte Aberson, der die Leiden der polnischen Juden und die Grausamkeit der Russen mit tief ergreifender Wucht und Beredsamkeit schilderte. Das Opfer an Kindern und Frauen, das dieser Krieg den Juden auferlegt habe, beschrieb er und richtete schließlich einen glühenden A p p e l l an die polnische Nation, die bald wieder ihre nationale Unabhängigkeit erreicht haben würde. Dann mögen die freigewordenen Polen auch der jüdischen Nation, die unter ihrer Macht wohnen würde, die langentbehrte, unter der russischen Herrschaft niemals enrpsangene nationale Freiheit zurückgeben. Die Türkei, die Macht der Toleranz im asiatischen- Osten, hat diese Aufgabe schon zum Teil an den jüdischen Kolonisten Palästinas erfüllt. * Damit in Zusammenhang steht folgende Ausführung, der wir gern Raum geben: Zrl der Adresse amerikanischer Juden an bcn Papst schreibt die „Jüdische Presse" in Berlin: Die schönen Worte des Papstes werden wertvoll sein bei und nach dem Friedensschluß, wenn er ihnen durch seinen Einfluß auf die Gewissen Nachdruck verleihen wird. Die Kundgebung des Papstes ist mit Dank zu begrüßen. Schade ist aber, daß der „Temps" zu der Bittschrift des amerikanisch-jüdischen Ausschusses nicht auch noch nähere Kenntnis voll dem ihr beigefügten Verzeichnis der beglaubigten, an den Juden begangenen Grausamkeiten gibt. Daraus hätte man mit Bestimmtheit ersehen können, gegen welche kriegführenden Nationen insbesondere der Ausschuß seine Anklage hierüber richtete und welcher Nation die Katholiken angehören, denen er auch.den Vorwurf macht, sich daran beteiligt zu haben. So kann man nur annehmen, daß seine Anklage sich zunächst gegen Rußland richtet, dessen Heere allein sich solcher Planmäßigen Verfolgung der Juden in seinem und im österreichischen Gebiete schuldig gemacht haben. Weshalb aber, so schreibt mit Recht das „Jüdische' Volksblatt" in Breslau, hat der jüdische Ausschuß von New Bork sich wegen dieser planmäßigen an den Juden begangenen Grausamkeiten, von denell er ein Verzeichllis beglaubigter Fälle in Händen hatte, nicht an bcn Präsidenten des eigenen Landes, Herrn Wilson, gewandt, der doch sonst als Präsident der großen amerikanischen Republik es für seine erste Pflicht hält, die „Gebote der Menschlichkeit" bei den Kriegführenden, wo er sie planmäßig für verletzt hält, ebenso spontan wie hartnäckig zur Geltung zu bringen? Der „Tenrps" weiß zu der Bittschrift mitzuteilen, daß sie zunächst der Genehmigung der Bundesregierung in Washington Vorgelegen habe und erst abgesandt worden sei, als Staatssekretär Lansing erklärt habe, daß er nichts dagegen einzuwenden habe. Welch merkwürdige Gleichgültigkeit hat «um also notwendigerweise bei dem Auswärtigen Anrt in Washington und dem Präsidenten Wilson gegenüber dieser ihnen in tatsächlichen Beweisen von den Bürgern des eigenen Landes vorgelegten fürchterlichen Verfolgung der Juden festzustellen! Sollte sie nur darin ihre Ursache haben, daß diese namenlosen Grausamkeiten in Rußland begangen wurden und die russisck)e Regierung, der Bundesgenosse Englands, dafür verantwortlich zu machen wäre? Herr Wilson, der seine Pflicht der Menschlichkeit entdeckt und mit den spitzfindigsten Begründungen zu betätigen strebt, wenn Deutschland sich durch Unterseeboote gegen die englische Unmenschlichkeit verteidigt, das ganze deutsche Volk durch den wirtschaftlichen Weltboykott dem Verhungern zu überliefern, der seine eigenen amerikanischen Bürger aber an den Papst verweist, wenn diese sich über denselben wirtschaftlichen Boykott beschweren, der in Rußland die Juden dem Verhungern überliefert, möge sich über diese seltsame Verschiedenheit seines Pflichtbewußtsems gegenüber dem Gegner und dein Bundesgenossen Englands erklären. * So gern wir auch diese Uebersicht mit einer trostreichen Nachricht oder wenigstens einer harmlosen Mitteilung schließen, — diesmal geht es nicht an. Vielmehr müssen wir an den Schluß einen Artikel fetzen, der eine geradezu trost-