Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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315 Religion auch für die jüdischen Kinder zu denjenigen Gegenständen, in denen eine Unterweisung gesetzlich gefordert wird, mit anderen Worten: ist der Religionsunterricht auch für die jüdischen Kinder ein Teil der allgemeinen staatlichen Schulpflicht, so ist sein Empfang nach der Entscheidung des Kammergerichts gegebenenfalls auch durch Schulversäumnisstrafen zu erzwingen. Endlich ist zu der Entscheidung des Kammergerichts, ganz abgesehen von den Rechtsirrtümern, von denen sie ausgeht, dasselbe, zu bemerken, was oben unter Ziffer 4 zu der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts gesagt ist, daß nämlich für die Stellungnahme der Unterrichtsverwaltung sich aus ihr in keinem Falle etwas Zwingendes ergeben würde. Denn auch vom Standpunkt des Kammergerichts aus würde der jüdische Religionsunterricht nur deshalb nicht obligatorisch sein, weil die Unterrichtsverwaltung ihn nicht dafür erklärt hat und nur so lange nicht, als eine derartige Erklärung auch weiterhin nicht erfolgt. Mit dem Augenblick, wo durch einen neuen Erlaß auch der jüdische Religionsunterricht in den Lehrplan der Volksschule ausgenommen wäre, würde er nach der Entscheidung des Kammergerichts ein obligatorischer Lehrgegenstand sein, dessen Besuch durch Schulversäumnisstrafen zu erzwingen wäre. Eine derartige Bestimmung zu erlassen, wäre aber die Unterrichtsverwaltung rechtlich jeden Augenblick in der Lage. Es ergibt sich somit, daß ein rechtliches Hindernis für die Unterrichtsverwaltung nicht besteht, den Empfang von Religionsunterricht bei den jüdischen Kindern in gleicher Weise zu erzwingen wie bei den christlichen. Mr Woche. Berlin, den 4. Juli 1916. n vier Wochen, dann dauert der europäische Krieg zwei \ volle Jahre. Noch ist kein Ende abzusehen und selbst die nicht allzu pessimistisch Gesinnten sprechen von einem dritten Winterseldzuge. Doch jetzt hat sich -die Lage für uns gebessert. Die russische Offensive ist zum Stillstand gelangt, die Italiener rücken trotz verfrühten Siegesgeschreis nicht vorwärts, die W e st m ä ch t e haben zwar einen großen allgemeinen Angriff begonnen, doch ist der Erfolg gegenüber ihren Erwartungen sehr mäßig, wenn auch für uns bedauerlich genug. Auch spricht man von einer neuen Seeschlacht, da eine feindliche Flotte gesichtet worden, doch ist bisher keine Nachricht zu uns gelangt. Hoffen wir, daß unsere braven deutschen Truppen überall imstande sind, die Angriffe abzuschlagen und daß uns in absehbarer Zeit die Segnungen des Friedens zuteil werden. Unterdessen fahren die Engländer fort, die Neutralen zu bedrängen. Ihr Streben ist darauf gerichtet, das gegen Griechenland erfolgreich durchgesührte Experiment auch anderweitig zu üben. Gegen Griechenland ist die Drohung ausgesprochen, den Piräus und Athen zu besetzen, wenn nicht die Partei des Venizelos bei den Wahlen zum Ruder kommt. In Rumänien wird die Ernte aufgekauft; Holland wird bedroht, wenn es wage, für die Zentralmächte etwas zu liefern. Wir hoffen auf eine treffliche Ernte, um die Gefahren einer noch gewaltsameren Einschnürung siegreich zu überstehen. * Unsere Mitarbeiterin M. M. berichtet von einer sehr beachtenswerten Kundgebung für die H o ch st e l l u n g d e r Juden in Frankreich: Am 29. Mai fand in Paris eine Trauerfeier für gefallene Gerichtsbeamte statt: in der Sainte-Ehapelle »für die Katholiken, im Oratoire für die Protestanten und in der stattlichen Synagoge in der Rue de ln Bictoire für die Juden. Allen drei Zeremonien wohnten Herr und Frau Poincare mit großer amtlicher Suite bei. Der erste Rabbiner von Frankreich war anwesend, der erste Rabbiner von Paris, Herr Dreyfus, hielt die Gedächtnisrede. Der 90. Psallm: „Der du die Menschen lassest sterben und sprichst: kommt wieder, Menschenkinder", und der 130. Psalm, dieses wundervolle de profundis, wurden unter der musikalischen Leitung von Herrn Jules Franck zu ergreifender Geltung gebracht. Die Komposition des erstgenannten Psalms gehört Herrn Samuel Nanmbonrg, des zweiten Herrn Samuel David an. Der „Figaro" knüpft an seine Schilderung die Bemerkung: die dreifache Anwesenheit des Hauptes der Republik am Orte des Kults beweise, daß Herr Poincare trotz der Trennung der Kirche vom Staate die moralische Bedeutung der Religionen für die Wohlfahrt des Landes Alt würdigen wisse. * Derartig erfreuliche Tatsachen kann man leider a u s Deutschland nicht berichten. Freilich ist es angenehm zu konstatieren, daß die wackere Zeitschrift „Die christliche Welt" in ihrer letzten Nummer (22. Juni) ihre Leser in einem Artikel: „Liberales Judentum der Gegenwart" über die „Richtlinien" 1912 in objektiver Art und doch mit unverkennbarer Sympathie für die freisinnigen Bestrebungen unterrichtet, dagegen werden wir mit tiefem Schmerz erfüllt durch folgenden Artikel des „Berl. Tagebl.": „ I ch k c it n 'C k e i it c P a r t e t c u m e h r . . Ein Erl a ß des K u 1 t u s in i n i st e r s. Zu Beginn des Krieges hatte der Kaiser bekanntlich das Wort geprägt: „Ich kenne keine Parteien mehr, ichkenn c n u r T e-u t s ch e!" Selbstverständlich bezog sich dieses Wort nicht nur auf die Parteien, sondern auch auf die Konfessionen. Sehr wenig mit dieser kaiserlichen Verheißung ist ein Erlaß des preußischen Kultusministeriums in Einklang zu bringen, wie aus dem folgenden Schreiben hervorgeht, das eine weibliche jüdische Lehrkraft als Antwort auf eine Bewerbung um eine Stellvertretung erhielt: Bros T >n u , den 12. Mai 1916. Wir haben Sie in die Liste der Vertreterinnen ausgenommen, bemerken. jedoch, das; n a ch e tncut Erlaß des H e r r n M i - n i st e r s de r g e i st l i ch e n u n d U n t e r r i ch t s a it g e lege nh e i t c ii jüdische Lehrkräfte zur vorübergehenden Vertretung christlicher Lehrer und Lehrerinnen nur 'ausnahmsweise, für die Dauer des Krieges., herangezogeu werden dürfen, wenn eine a n d e r e g e eignete Ve r t r e t u n g nicht vorhanden ist. Die Schuldeputation. Beglaubigt: Thiels chRatssekretär. Sollte dieser Erlaß noch ans der Zeit vor dem Kriege stammen, dann ist es höchste Zeit, ihn aufzuhebeu. Ist. er aber neuerdings erst ergangen infolge der Notwendigkeit, zahlreiche stellvertretende Lehrkräfte ft'lr den Schulunterricht zu beschaffen, dann ist er vollends U rt begreifli ch. Wir wollen zunächst annehmen, daß es sich um eine übereilte, aus Mißverständnis entstandene Erklärung eines Breslauer Unterbeamten handelt. Sollte das jedoch nicht der Fall sein, sondern sollte hier wirklich ein neuerer allgemeiner Erlaß des Ministers vorliegen, so wäre damit ein so schwerer Verstoß gegen ein kaiserliches Wort geschehen, daß die Verfügung zurückgenommen werden müßte. Zunächst ist es die Sache der Breslauer Gemeinde, Schritte zu tun, aber die Angelegenheit ist von so einschneidender Bedeutung, daß unsere großen Korporationen hier einschreiten müssen. Sie werden, wie wir hoffen, es nicht an sich fehlen lassen. * Wie England die russischen Juden für sich zu gewinnen sucht, lehrt folgende Mitteilung der „Franks. Zeitung": Die Pflicht f ü r E n g l a n d z u st e r b c n. Die „Times" berichten unter dein 16. Juni, daß in Kürze Plakate in . den Nationalfarben angeschlagen werden sollen, die folgenden Inhalt haben: „Freundlich gesinnte Ausländer können sich jetzt zu denselben