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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-30 · Heft 26 (30.6.1916) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 26 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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310 aus einem Briese von Beer (14. April 1845) hervor, in welchem der Dresdener Gelehrte sich sehr abfällig über die Berliner und über die früheren Frankfurter Bemühungen für die Reform des Judentums ausspricht. Und nun mögen die Stellen des Beer scheu Ehepaares über Gutzkow folgen: Beer an Zunz. 17. Dezember 1846. . . . Hier ist alles geistig erstarrt, wenn nicht einmal ein Uriel Acosta von Gutzkow etwas Leben in die Leute bringt. Das Stück hat außerordentlichen Applaus gehabt. Es ist ein vorzügliches dramatisches 'Kunstwerk, wie nicht zu leugnen; ob aber dessen Darstellung dein Iudentnme günstig sei, möchte ich bezweifeln, obgleich manche anderer Meinung sind. Acosta stand bekanntlich über jede Positive Religion: in dem. Stücke darf er (wegen der äußeren Rücksichwn) aber nur gegen das Juden tum sprechen. Die große Menge, welche nicht gleich daran denkt, daß das Ehristentum mit einem H u ß, Servet und vielen arideren weit strenger verfuhr, wird nun gehässig auf das Judentum, „als welches einen Gott des Hasses und des Zornes anbetet", wie Gutzkow den Acosta sagen läßt und wähnt, das Ehristentum sei engelrein! . . . 18. Dezember. Soeben höre ich, daß die Wiederholung der Darstellung von llriel Acosta auf kgl. Befehl verboten worden sei. Man mag doch den Braten gerochen haben rind nun fühlen, „was eigentlich des Pudels Kern fei!" . . . Frau Beer au Frau Zn uz. 18. Dezember 1846. . . . lieber Gutzkows llriel Aeosta hat Ihnen mein Mann schon geschrieben. Dieses Stück hat einen außerordentlichen Eindruck gemacht und ist in künstlerischer Hinsicht das Beste, was ich seil langer Zeit gehört und gesehen habe. Aber für die jüdische Religion (ich sage nicht für die Jude n) wäre es doch besser, wenn das Stück nicht zur Aufführung gekommen wäre. Alles was zu stark gegen die christliche Religion wäre, ist natürlich gestrichen; wenn daher Acosta gefragt wird, warum er bei seinen Gesinnungen nicht Ehrist wird, gibt er nur halbe Antworten und Gründe an. Um jedoch ein richtiges Urteil über das ganze Werk und Gutzkows Absicht zu haben, müßte man das Original ohne Zensnrlücken lesen. Die Verlobung von Verthold Auerbach erfuhr ich erst durch Sie; doch später wurde uns die Bestätigung von mehreren Seiten; ich freue mich darüber, wahrscheinlich wird er doch nun dem Jndentume erhalten. Ist dies nicht st o ck j ü d i f ch gedacht? Beer an Zunz. Dresden, 22. November 1848. . . . Gutzkow hat soeben ein Buch über „Denischlands Verfall oder - Größe" geschrieben; ich habe es zur Hälfte schon durchgesehen, es ist manches Gute darin, doch spricht er für Politik zu viel als Dichter und ist trotz seiner radikalen Haltung im Buche ein Ouasi-Rosche. So sind die Herren, auch die von der Linken! Er nennt die Juden „beidlebig" (welch ein Wort!). Sie wollten „Juden und wieder Deutsche" sein! . . . * 2. P rote st e gegen die R a b b i n e r - V e r s a m mlun g. Wie weit die Orthodoxen in früherer Zeit in ihren- Bemühungen bei der Regierung gingen, erhellt aus einer ausführlichen Bittschrift eines Herrn A. Ochs ans Köln vom. 24. September 1845. Der sonst unbekannte Verfasser dieser Bittschrift, der, soweit ich sehen kann, literarisch niemals hervor getreten ist, wettert in seinem Schreiben gegen den Rabbinerverein, der schon mehrere Versammlungen gehalten habe (gemeint sind die Rabbinerversanunlnngen in Brnnnfchweig 1844 und irr Frankfurt a. M. 1845), und bemüht sich darznlegen, daß diese Versammlungen eine große Gefahr für das Jndentiim und für den Staat bedeuten. Daher bitte er „die Versammlung des unheilvollen Vereins, die dieses Jahr in Breslau gehalten werden soll, zu verhindern". Der Bittsteller wurde abschlägig beschieden, weil das Ministerium erklärte, keine Veranlassung zu haben, sich um die inneren Verhältnisse der Juden zu kümmern. Die Veranstalter dieser Versammlung -- von einem Verein ist natürlich keine Rede - haben offenbar von dieser Denunziation keine Ahnung gehabt. Eine Mitteilung an die Breslauer Regierung erfolgte seitens des Ministeriums nicht. Tie Denunziation beweist aber, mit welcher Verwegenheit (natürlich hu geheimen) die Orthodoxie schon damals gegen den Liberalismus anfzutreten sich erkühnte. L. G. Literarische Mitteilungen. — £ u s I nden 1 u m a l s w i s s e n s ch a f t l i ch e s Probte m. Von W. S t a e r f. Sonderdruck aus der Zeitschrift „Der neue Merkur" (München, G. Müller), 2. Jahrg., 10. Heft. Dieser Aussatz des Jenaer Professors der alttestamentlichen Wissenschaft, von dein schon kurz in einer der letzten Wochenübersichten die Rede war, ist von ungemeiner Bedeutung. Denn in ihm wird geradezu ausgesprochen: „Eine der t]i:of$en Aufgaben, die nach dem Kriege in Deutschland in Angriff zu nehmen seien, bestehe darin, sich mit dem Judentum als Wissenschaft zum Knltnrproblem zu beschäftigen." Eine solche Forderung ist wohl noch nienrals von einem christlichen Forscher mit solcher Deutlichkeit und Bestimmtheit ausgesprochen wordell. In dem Aufsatz lvird eine ganz kurze Nebersicht der Wissenschaft des Judentums seit L. Zunz gegeben, wobei das Werk Ellbogens über den jüdischen Gottesdienst mit sehr ausführlichem, gebührendem Lobe erwähnt wird. Es wird sodann ein Lehrstuhl für diese Wissenschaft (am besten cui der Universität Frankfurt a. M.) gefordert. Als wesentliche Arbeitsgebiete werden bezeichnet: Vorgeschichte des Judentums und Bibel; Judentum und Christentum. 'Als die drei Hanptgebiete, auf denen sich die Forschung zu bewegen habe, werden genannt: das sprachlich-literarische, kulturhistorische, religionsgeschichtliche. Die Aufgaben, die hier zu bewältigen sind, werden kurz erwähnt: bei der Charakteristik des Religionsgeschichtlichen lvird meines Vaters in sehr schöner Weise gedacht. Freilich kann ich nicht u'.nhin zu bemerken, daß bei dieser Arbeitsangabe zwei Gebiete nicht genügend berücksichtigt werden, nämlich der Talmud und die jüdische Religionsphilosvphie; aus diesern Grunde leugne ich nicht, daß die Errichtung eines Lehrstuhls nicht genügt, sondern eben eine Fakultät notwendig ist. Anderseits muß man bekennen, daß, wenn'auch im allgemeinen derjenige, der etwas erreichen will, recht viel fordern muß, um etwas zu erhalten, auch das Verlangen nach weniaem als schönes Zeugnis hervvrgehoben werden muß. Ter Verfasser schließt seine Darlegung mit folgenden Worten: „Wie alle geisteswissenschaftliche Arbeit muß auch die im vorstehenden umschriebene ihren Zweck in sich selbst haben. Sie soll nicht Politischen und religiösen Parteien dienen oder polemische und apologetische Dienste leisten, sondern objektive Erkenntnisse fördern. Die geschichtliche Wirtlichkeit ist das einzige Ziel, nach dem sie zu streben hat, auch wenn diese den persönlichen Neigungen und Lieblingsmeinllngen des Forschers entgegensteht. Gelingt es der Wissenschaft vom Judentum darüber hinaus zur Milderung der inneren Spannungen beizntragen, die auch in Zukunft unser innerpolitisches Leben erschweren werden —- vielleicht eine Zeitlang in stärkerem Maße als bisher —, so erwirbt sie sich um die Hebung unserer politischen Kultur ein unermeßliches Verdienst." Gerade dieser Satz ist sehr wichtig, enthüllt freilich nicht ganz deutlich die vorhandenen Schwierigkeiten. Denn bei der eigenartigen Berücksichtigung, der die Orthodoxie, bei der Negierung sich zn erfreuen hat, ist leider zu befürchten, daß der Vertreter jenes Lehrstuhls aus den Reihen der Altgläubigen genommen lvird. Gewiß kann dies ein sehr gelehrter und verhältnismäßig auch unparteischer Mann sein, aber es liegt doch die Gefahr nahe, daß gerade ein solcher, so viel er auch im einzelnen lehren kann, die Wissenschaft im ganzen eher schädigt als fördert. Blau müßte daher zum mindesten fordern, daß bei der tiefen Spaltung, die nun einmal das Judentum durchzieht, eilte Spaltung, die aus wissenschaftlichem Gebiete unendlich viel größer ist als auf dem des Kultus, zwei Lehrstühle statt des geforderten einen gewährt werden. Wie dein aber auch sein mag: der Aufsatz Staerks müßte in unseren Kreisen geradezu Begeisterung erregen. In so wohltuender, schlichter Sachlichkeit ist die Notwendigkeit einer Pflege der Wissenschaft des Judentums und der staatlichen Förderung dieser Pflege wohl noch niemals von einem christlichen Lehrer ausgesprochen worden. Wenn auch in seiner kurzen Nebersicht vieles nur obenhin gestreift, manches gar nicht berührt worden ist, so erkennt man in dem Verfasser nicht bloß den vorurteilslosen Denker, sondern den gründlichen Mann der Wissenschaft, der über das Gebiet, von dem er spricht, wohl Bescheid weiß. L. G.

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