Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Pllge um pugp. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) te]e Worte drangen auf ihn wie einschneidende Peitschenhiebe. Er stieß einen heiseren, unartikulierten Laut aus und sprang voller Entsetzen auf. Ja, sie wird halten, was sie angedroht hat, und er wird dadurch grenzenlos unglücklich werden. Er fürchtete nicht, was sie zu Gabriel sagen, sondern daß sie zu ihm niemals wieder sprechen würde. Er kannte Malka. — Darum Gabriel oder nicht Gabriel; jeder Mensch hat eine Seele für sich selbst, und seine stand aus dem Spiele, höllentief in den Abgrund geschleudert zu werden! Malka wird nie mehr zu ihm sprechen! — Nein! Er will nicht im Höllenmeer der Verzweiflung versinken, ohne vorher einen Versuch zur Rettung gemacht zu haben. Vielleicht, daß er sie doch ein ivenig milder für sich stimmt, wenn er ihr alles offenbart. — Und Wort für Wort, dabei aber bebend vor Wut und Scham, berichtete er ihr seine Unterredung mit Gabriel. Sie hörte ihm verständnislos zu und schüttelte erstaunt den Kopf. „Irgendeinen Plan, um den gewaltsamen Tod der Eltern zu rächen," sagte sie sinnend; „aber worin besteht denn dieser Plan?" „Das, Malka, weiß ich wirklich selbst nicht," erwiderte er mit flehender Leidenschaft; „das wollte er mir auch nicht sagen. Er hat mich vertröstet, bis der Plan fertig sein wird." „Diesmal glaube ich dir," sprach sie gnädig; „aber hast du denn gar keine Ahnung, was er beabsichtigt? Ich habe ihn doch genau beobachtet, aber nichts Ausfälliges in seinem Benehmen bemerkt. Er ist zu allen sehr freundlich und bewegt sich mit leichtem Herzen und frohem Gemüt, als habe er keinerlei Sorgen auf Erden. — Baruch, du mußt dich irren; ich glaube, er plant nichts, er kümmert sich um nichts, weder um Tote noch uni Lebende, er denkt nur an sich selbst." Ihre Stimme war allmählich lauter geworden und jetzt brach sie mit einem schrillen Kreischen ab. Baruch war ausgesprungeu und in seinen Mienen war ein Gemisch von Zurückhaltung und Verlangen. „Vielleicht hast du recht, Malka," flüsterte er heiser; „vielleicht kümmert er sich wirklich um keinen Menschen — und darum wäre es nur gerechtfertigt, wenn auch andere sich nicht um ihn kümmern —" Sie schien gar nicht zu hören, was er sprach. „Malka," fuhr er leise fort, schüchtern ihren Arm berührend. „Was willst du?" fragte sie scharf. „Ich wollte dich etwas fragen." Sie sah ihn wieder mißtrauisch an. „Ich wollte dich nur fragen, Malka, falls ich nicht das geworden wäre, was ich hier bin; wenn ich draußen in der Welt etwas erlangt hätte, wert dir anzubieten, sagen wir, wenn ich als Doktor, als feiner Herr zurückgekehrt wäre — würde — das einen Unterschied zwischen dir und — mir gemacht haben?" „Auch dann nicht, wenn du als König zurückgekommen wärst!" Wieder entrang sich ein leiser Seufzer seiner Brust. „Ich danke dir. Nur das wollte ich wissen. Oft habe ich mich gefragt, ob der Grund meines Elends in meiner Person oder in meiner Lebensstellung liegt. Es ist nur gut, daß es in meiner Person liegt; denn das Geschick wird dem Menschen oft von anderen bereitet, und er selbst kann es kaum ändern; über seine Person aber, da kann jeder Herr seiner selbst werden." „Deine überklugen Worte verstehe ich nicht. Oder rasest du?" „Durchaus nicht, Malka. Ich rase nicht. Und vorhin habe ich ja auch deinen Dank abgelehnt, weil es mich danach gelüstet, etwas zu haben — und wäre es noch so geringfügig —, wo das Geben auf meiner und das Nehmen auf deiner Seite ist. Dafür müßte ich eigentlich dir dankbar sein. Zu denken, daß ich noch Wohltaten erweisen kann, macht mich wieder zum Menschen, und dieses Bewußtsein wird mir auch noch zustatten kommen, wenn ich — noch länger die Fähre über den Strom führe!" „Aber es ist doch nicht meine Schuld, daß ich dich nicht lieben kann," sprach sie jetzt, von seiner Demut ein wenig gerührt. „Du verteidigst dich zu früh. Warte, bis ich dir Vorwürfe mache." Von einem inneren Drange getrieben, tastete sie nach seiner Hand, die sie leise drückte. „Gute Nacht, Baruch!" sprach sie. „Gute Nacht, Malka! Sage Gabriel, daß ich geduldig warte." Sie war bereits einige Schritte gegangen, als sie wieder nmkehrte. „Wie heißt die Stadt, wo Gabriel jetzt wohnt?" „Odessa. Es ist eine Tagesreise dorthin und kostet achtzehn Rubel," fügte er ungefragt hinzu, da er ihre Gedanken erriet. „Um Gottes willen! So viel kann ich doch gar nicht verdienen!" „Laß cs gnt sein, Malka; gräme dich nicht. Ich werde dir den Rest von meinen Ersparnissen geben." „Das ist nett von dir," sprach sie ruhig. „Natürlich werde ich es dir zurückschickcn." Er blickte ihr traurig nach. Arme Malka, auch deine Hoffnung wird wie dünnes Glas zersplittern! Er fühlte sich müde, wie zerschlagen, und sein Körper war in Schweiß gebadet, als hätte er ein schweres Werk verrichtet. Und so war es auch in der Tat. Für ewig sich von Malka zu trennen, das Bewußtsein, sie für immer aufgeben zu müssen, war für Baruch die schwerste Lebensarbeit. Freilich wußte er es schon seit langer Zeit, daß seine Liebe für sie groß und tief war; wie groß aber, das empfand er erst jetzt. Aber es ist gut, daß er es noch einmal von ihr erfahren, denn das wird ihm Kraft geben, den schweren Kahn über den Strom zu lenken. Von der anderen Seite hörte er den Ruf nach der Fähre, aber er rührte sich nicht. Mögen sie schreien, bis ihnen die Lunge zerspringt. Es war ja eine Wonne zu wissen, daß auch noch andere vorhanden waren, die nicht alles so leicht erlangen konnten, wie sie wünschten. — Jetzt bemerkte er erst, daß er noch immer die Rohrpfeise in der Hand hielt; er zerdrückte sie zwischen den Fingern und schleuderte sie weit von sich. Er hatte keine Flöte mehr nötig. Er war mit allem fertig. XU. Malka beeilte sich nach Hause zu kommen. Vielleicht, daß sich doch noch Gelegenheit bot, mit Gabriel zu sprechen. Die Tage hindurch konnte sie nicht darauf rechnen, aber die Abende boten eher Gelegenheit dazu. Das war ja auch der einzige Grund, weshalb sie sich ins Schloß eingeschlichen. In Gedanken versunken schritt sie dahin, als sie Plötzlich einen festen Griff am Arm fühlte. „Habe ich — ich — dich — er erschreckt, m -mein — Täubchen?" lachte der Alaun, gurgelnd, mit belegter Stimme. „Ach, Herr Leutnant, Sie sind es!" sagte Atalka, deren Angst nur halb geschwunden war, als sie Karol erkannte. „Nicht so eilig, Liebchen," schluckte er weiter, mit der rechten Hand nach einem Stützpunkt suchend, während er das Mädchen mit der linken festhielt; „nicht so eilig. Ich habe etwas sehr Wichtiges mit dir zu sprechen." „Das können wir aber doch zu Hanse besorgen." Er verstärkte den Druck auf ihren Arm und fuhr frivol fort: „Gestatte mir, anderer Ansicht zu sein, Fräulein Astarta, oder Bileam, oder Semiramis — aber nein: jetzt erinnere ich