Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-30 · Heft 26 (30.6.1916) · p. Seite 307

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 26 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
Seite 307 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229259--72332-3284768
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

307 besonders aber der Schule und dem Lehrerstandc, stets mit Verständnis und Wohlwollen gegenübersteht. Der Lehrer ist hier kein Spielball in der Hand der Gemeinde. Er untersteht dem Landrabbincr als dem staatlich eingesetzten Schulinspektor, und dieser betrachtet die Lehrer nicht als Untergebene, sondern als eifrige Mitarbeiter im Gotteshause und an dem hehren Werke der Jugenderziehung. Und so hat sich denn bei uns im Laufe der Jahre das schöne Verhältnis herausgebildet, daß die Lehrer in dem Landrabbiner nicht bloß ihren Vorgesetzten achten, sondern gleichzeitig in ihm ihren treuen Freund und Berater verehren. Und dieses Hand-in-Hand-Gehen zwischen Landrabbiner und Lehrern zeigt naturgemäß seine wohltätigen Folgen auch i» allen Zweigen des Gemeindelebens. In keinem Orte des Landes bleiben jüdische Kinder ohne Religionsunterricht, und von der Schule ist die Neubelebuug ausgegangen, die sich hoffentlich auch für die Dauer erhalten wird. Die gegenwärtige ernste Zeit ist allerdings zu. prunkvollen Jubiläumsfestlichkeiten nicht geeignet! doch Anerkennung und Dankbarkeit erscheinen am schönsten in schlichtem, anspruchslosem Gewände. In einfacher und bescheidener Form werden die Juden im Herzogtum Oldenburg am 2. Juli ihrem Landrabbiner zeigen, daß sie seinem Wirken Verständnis und Würdigung entgegenbringen. Jüdische Oberlehrer in Kreutzen. ©chon seit mehreren Jahren haben wir es unterlassen, in dieser Zeitung statistische Angaben über die jüdischen Oberlehrer in Preußen zu veröffentlichen. Aber mit Rücksicht auf die jungen Leute, die etwa geneigt sein sollten, sich dein Studium einer „Schulwissenschaft" in der Erwartung einer späteren Anstellung an einer öffentlichen Schule zu widmen, scheint es uns doch geboten, die gegenwärtigen Verhältnisse klarzulegen. Am 1. Mai 1913 waren in Preußen an öffentlichen nichtjüdischen höheren Knabenschulen 76 jüdische Oberlehrer angestellt, darunter 7 an staatlichen Anstalten; am 1. Mai 1915 gab es 77 Oberlehrer, aber nur noch 6 an staatlichen Anstalten, da ein königlicher Oberlehrer in Allenstein (Ostpreußen) sich hatte pensionieren lassen. Zum letzten Male ist am 1. April 1919 ein Jude an einer staatlichen Anstalt angestellt worden, ein klassischer Philologe, der am Tage seiner Anstellung ungefähr 38 Jahre alt war. Er ist nach sehr kurzer Amtstätigkeit wieder pensioniert worden, und es ist sehr wahrscheinlich, daß das körperliche Leiden, um dessentwillen er so frühzeitig wieder dem Amte entsagen mußte, eine Folge der langen Wartezeit war. Von den königlichen Oberlehrern sind je zwei in Westpreußen (Graudenz und Strasburg), in der Provinz Brandenburg (Berlin, Französisches Gymnasium, und Wittstock) und in der Provinz Posen (Bromberg und Posen), von beit städtischen Oberlehrern 1 in Westpreußen (Danzig), 58 in der Provinz Brandenburg (53 in Berlin, 4 in Charlottenbnr§, 1 in Crossen), 5 in Schlesien (3 in Breslau, 2 in Kattowitz), 1 in der Provinz Sachsen (Magdeburg), 6 in Hessen-Nassau (1 in Kassel, 1 in Dillenburg, 4 in Frankfurt). Außerdem sind an den beiden israelitischen Realschulen in Frankfurt a. 2)!., die mit höheren Mädchenschulen verbunden sind, 18 jüdische Oberlehrer. Dazu kommen die jüdischen Lehrkräfte an höheren Mädchenschulen. Seit dem 1. Oktober 1912 wird das städtische Lyzeum IV in Charlottenburg von einem jüdischen Mathematiker geleitet; an Oberlehrern sind an Mädchenschulen 7 Juden tätig, darunter einer an der Königlichen Augusta - Schule in Berlin, außerdem 3 in Berlin, 1 in Frankfurt a. M., 1 in Kattowitz und 1 in Körligsberg i. Pr. An dein städtischen Oberlyzeum (nebst Studienanstält) in Kattowitz ist auch die einzige jüdische Oberlehrerin an einer öffentlichen Schule tätig. So erhalten wir, wenn wir die Direktoren der beiden jüdischen höheren Schulen in Frankfilrt a. M. hinzurechnen, 112 fest angestellte jüdische Akademiker an preußischen höheren öffentlichen Schillen. Das entspricht lrngesähr dem Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zur christlichen, da insgesamt am 1. Mai 1915 an höheren Schulen 11 325 akademische Lehrkräfte tätig waren. Wie sind aber die Aussichten für die Zukunft? Um dies festzustellen, müssen wir uns mit den Schicksalen der jüdischen Lehramtskandidaten etwas näher befassen. Am 1. Mai 1912 waren 13 anstellungsfähige Kandidaten vorhanden (insgesamt 874), davon sind 8 als Oberlehrer angestellt worden (5 inBerlin, 1 inDillenburg, 1 an der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M., 1 in Hamburg am Wilhelm - Gymnasium), 1 ist ausgeschieden irnd 4 sind als Hilfslehrer tätig. Von den Probanden des Jahres 1912 ist einer am 1. April 1916 an einer städtischen Oberrealschule angestellt worden, außerdem ist ein Kandidat, der vorübergehend ausgeschieden war, am 1. Oktober 1913 in Berlin Oberlehrer geworden. Von den 17 übrigen jüdischen Lehrkräften, die bis zum 1. Mai 1915 anstellllngsfähig geworden sind, ist keiner angestellt worden. Es sind in Preußen in der Zeit nach dem 1. Mai 1912 bis zum 1. Mai .1915 einschließlich an höheren Knaben- und Mädchenschulen insgesamt 1529 angestellt worden, darunter also nur 8 Juden (der in Hambllrg angestellte kann natürlich hier nicht in Betracht kommen). Von den 22 anstellungsfähigen Kandidaten, die am 1. Mai 1915 vorhanden waren, stehen 9 im Heeresdienst, 1 im Sanitätsdienst, 10 waren vollbeschäftigte Hilfslehrer in Preußen, 1 nichtbeschäftigt und 1 ist am jüdischen Lehrerseminar in Jerusalem tätig. Von den 8 Probanden am 1. Mai 1915 stehen 4 im Heeresdienst, 1 ist aus dem Heeresdienst entlassen worden irnd nun als vollbeschäftigter Hilfslehrer tätig; auch die übrigen sind vollbeschäftigte Hilfslehrer. Von den 11 Seminarmitgliedern am 1. Mai 1915 ist einer am 28. Mai 1915 gefallen; außerdem stehen 8 im Heeresdienst, einer, der aus dem Heeresdienst wieder entlassen ist, ist vollbeschäftigter Hilfslehrer in Berlin, der letzte war am 1. Mai 1915 noch nicht beschäftigt. Wenn auch während des Krieges die nicht zum Heeresdienst einberufenen Lehramtskandidaten wegen des Mangels an Lehrkräften fast sämtlich vollbeschäftigt sind, so ist doch nicht daran zil denken, daß nach dem Kriege die Verhältnisse für die Juden günstiger werden. Sie werden auch für Christen keinesfalls allzu rosig fein, da am 1. Mai 1915 bereits 2627 anstellungsfähige Kandidaten vorhanden waren und jährlich schwerlich mehr als 600 Oberlehrer ernannt werden (in der Zeit vom 1. April 1914 bis zum 1. April 1915 sind nur 236 Oberlehrer an Knaben- und Mädchenschulen ernannt worden). Im Heeresdienst stehen außer den nicht angestellten jüdischen Lehrkräften nicht allzuviel. Das erklärt sich aus dem hohen Lebensalter der jüdischen Oberlehrer. Während bei den Christen die Zahl der Professoren etwas geringer ist als die der Oberlehrer, ist es bei den Juden wesentlich anders. Unter den 198 jüdischen Oberlehrern an Knabenunb Mädchenschulen haben 79 den Charakter als Professoren mit dem Rang der Räte vierter Klasse, von den 29 übrigen sind 4 über 40 Jahre alt. Von diesen stehen 5 im Heeresdienst, 2 im Sanitätsdienst. Schon vor dem 1. Mai 1915 sind außer dem bereits erwähnten Seminarmitglied zwei Juden gefallen, ein Berliner Oberlehrer und ein Göttinger Seminarmitglied, beide im November 1914. M. G.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.