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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-30 · Heft 26 (30.6.1916) · p. Seite 305

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 26 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
Seite 305 (sequence 5)
Language
German
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30S Stammesgenossen und ihre Freunde verbreitet, der nach den Ausführungen der schwedischen Presse nachstehenden Wortlaut hat: Wir Bewohner Finnlands, der baltischen Provinzen und Litauens, wir Juden, U k r a i ne r und Weißr u t h e n e n, Mohammedaner, Georgier und unter russischer Herrschaft stehenden Polen haben uns vereint an den ersten Mann des größten neutralen Landes, in welchem die Freiheit als vornehmste Grundlage der Verfassung gilt, an den Präsidenten der Bereinigten Staaten gewandt. Wir haben ihm unsere Not geklagt, unsere unerläßlichen Leiden, die Rußland über uns gebracht hat, und haben ihn um Hilfe angerufen. Noch haben wir eine Antwort nicht erhalten; wir drängen nicht, wissen wir doch, daß es ihm nicht leicht sein fnmt, den rechten Weg zu finden. Aber wir zweifeln auch nicht, daß dieser Mann, ausgezeichnet und berufen vor allen anderen in der Welt als Vorkämpfer für Humanität und Gerechtigkeit, uns helfen will. Unb diese seine unzweifelhafte Absicht zu erleichtern, soll unser Bestreben sein. Darum wenden wir uns jetzt an alle unsere.Stammesgenosseu in der weiten Welt und besonders an die, welche selbst oder deren Voreltern die geknechtete russische Heimat verlassen haben und in einer neuen, freien Welt Aufnahme fanden. Alle, die fühlen wie wir, die wissen, was sich in Rußland in früheren Zeiten ereignet hat und was sich heute zuträgt, alle, die Abscheu empfinden vor nationaler Entrechtung und religiöser Bedrückung, vor geheimer Verleumdung und offener Bestechung, vor ungezügelten: Rauben und Brennen, vor dem Morden und Vergewaltigen Unschuldiger, vor absichtlichem Hinsiechenlassen der Armen und Elenden — sie alle rufen wir an und fordern sie auf, unserer Liga beizutreten und an unserem Werke teilzunehmen.. Unser Ziel ist nur, die Menschheit offen und ohne Scheu die Wahrheit über unser Schicksal wissen zu lassen. Wir werden zu diesen: Zwecke D o k u rn e n t e und Korrespondenzen veröffentliche n, welche über die furchtbaren Bedrückungen berichten, denen wir Fremdvölker Rußlands ausgesetzt sind. Wir fordern die Unseren auf, diese Nachrichten überall durch Druck und Schrift zu verbreiten und dadurch zu begründen, warum unsere Lage unerträglich ist. Wir vertrauen auch auf die oft bewiesene Gerechtigkeit der Nationen, die heute mit Rußland verbündet sind. Sie wissen es nicht, daß Rußland das Bündnis nrit ihnen mißbraucht und, gedeckt durch dasselbe, u nn en u b ar e Frevel an den eigenen Untertanen b e g e h t, u nr die A u s r o t t u n g und Vernichtung der e i gen e n Fremdv ö lke r zu betreibe u. Darum ist es unsere Pflicht, vor allem der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Ist dies erst geschehen, dann werden in der ganzen Welt Kräfte lebendig werden, die uns zu Hilfe eilen. Dazu helft uns! Wir rufen allen in der Welt, die stammverwandt mit uns sind und in deren Adern unser Blut fließt, alleil denen, die unsere Freunde sind, zu: Seid eins mit uns! Schützt unsere Liga! Schließt euch zusammen zu einen: die Welt umfassenden Bunde und helft uns zur Freiheit! Liga der F r e m d v ö l k e r Rußlands. * Der in dem vorigen Abschnitt erwähnte Aufruf, der an den Präsidenten Wilson gerichtet war, ist Gegenstand der Beratungen in einer Kommission der russischen Duma gewesen. Dort wurde ein von Maklakow ausgearbeiteter Gesetzentwurf über die Gleichstellung der Bauern beraten. Darüber berichten die Zeitungen: Es soll Maklakow gelungen sein, für seine Fassung des Gesetzes eine Mehrheit zu gewinnen. Der Entwurf Maklakows stellt die Bauern allen anderen Klassen gleich. Die Kadettenfraktion hat beschlossen, einen Zusatzantrag dahin zu stellen, daß sämtliche Nationalitäten Rußlands das Recht zum Eintritt in den Staatsdienst erhalten. In der: betreffenden Sitzungen der Kadettenfraktion sprach ein Bauernabgeordneter die Befürchtung aus, daß durch diesen Zusatzantrag, der die Verleihung des Rechtes zum Staatsdienst a it d) a n d i e I u d e n vorsieht, der Gesetzentwurf für die anderen Parteien und für die Negierung unannehmbar werde und deshalb feine Ablehnung zu befürchten sei. Er ersuchte daher, im Interesse der Bauernschaft das Gesetz nicht durch Aufrollen der Judenfrage zu Falle zu bringen. Als dies abgelehnt wurde, erklärte der Bauernabgeordnete, da die Kadettensraktion die Interessen der Bauern nicht hinreichend wahrnehme, trete er aus der Fraktion aus. Der Zusatzantrag der Kadettenfraktion hat auch scharfe Polemiken in der Presse veranlaßt. Die reaktionären Blätter protestieren gegen den Versuch der Kadetten, durch Schliche Rechte für die Juden durchzusetzen. Inzwischen hat auch der Ministerrat zu dieser Frage Stellung genommen. Nach den neuesten Petersburger Blattermeldungen hält man in Regierungskreisen nicht nur den Zusatzantrag der Kadetten, sondern den ganzen Gesetzentwurf Maklakows für unannehmbar. In der nächsten Dumasitzung, in der dieser Entwurf auf der Tagesordnung steht, soll Ministerpräsident Stürmer namens der Regierung eine entsprechende Erklärung abgeben. * Ein Mitarbeiter schickt uns folgende Notiz: Zwei Dichter. Das sozialistische Tageblatt von Toulouse, der „Midi Socialiste", gibt seinen Lesern mit dem folgenden Nachruf Gelegenheit zum Nachdenken: Er hieß Leon Israel und war revolutionärer Dichter. Er schrieb proletarische Lieder für die „Guerre Sociale", in denen er mit großer lyrischer Begabung die Arbeiter für die Brüderlichkeit der Völker und für den Menschheitsfrieden begeisterte. Am Vorabend des Kriegsausbruchs beteiligte er sich an der Friedensdemonstration des Pariser Gewerkschastsbundes. Als aber Frankreich in Gefahr war, niedergeschlagen zu werden, da eilte er zu den Fahnen. Er wurde zweimal verwllndet, aber er kämpfte weiter wie ein Löwe, bis eine deutsche Kugel seinem Leben bei Verdun ein Ende machte. — Er hieß M aurice Barros und war Romanschriftsteller. Seit fünfundzwanzig Jahren predigte er die Revanche, den Nationalismus und den Antisemitismus. Er gab Lektionen der Energie an die Studenten, die er jedes Jahr zum Grabmal des Kaisers Napoleon 1. und zur Straßburg-Statue führte. Er war Präsident des Bundes der Patrioten, und seine Freunde, seine Bewunderinnen und auch seine Gegner zweifelten gar nicht daran, daß er als erster ins Feuer gehen würde. Er ging tatsächlich ins Feuer, aber doch nur in die Flammen, die von der Rampe des Thoatre Fran^ais ausstrahlten. * Eine bibelkritische Notiz mag den Schluß machen. Wir müssen es freilich kompetenteren Urteilern überlassen, uns darüber zu belehren, wie weit die Forschungen des dänischen Gelehrten begründet sind. Die Notiz, der „Kieler Zeitung" entnommen, lautet so: Wie s i n d d i e Israeliten in K a n n a n eingerwandert? In der Zeitschrift „Memnon" seht sich Peter Asmussen mit der Frage auseinander, wie die Israeliten in Kanaan eingewandert sind und von wo aus sie das gelobte Land betreten haben. Im Gegensatz zu der bisher obwaltenden Anschauung kommt er zu dem Schlüsse, daß eine doppelte Einwanderung Israels in Kanaan angenommen werden müsse, mrd zwar dürfe eine unter Beteiligung der Stämme Simeon, Levi, Juda und Dina (?) von Süden her stattgefunden haben, während die beiden Joseph-Stämme Ephraim und Manasse sowie die Stämme Dan, Asse, Jssaschar, Naphthali und Sebulon von Osten her eingedrungen zu sein scheinen. Rüben, Dan und einige Clans des Stammes Manasse sind nach Asmussens Ansicht im Ostjordanlande sitzen geblieben, und der Stamm Benjamin ist überhaupt erst im Westjordanlande entstanden. Die Einwanderungen, meint er, liegen der Zeit nach etwa zwei Jahrhunderte auseinander, die eine kurz vor der El-Amarna-Zeit, also um 1450 v. Chr., die andere kurze nach der Zeit Ramses III., also um 1250 v. Ehr. Die erste trug trotz mancherlei kriegerischer Reibungen mehr friedlichen Charakter und hatte erst in den Tagen der israelitischen Königsherrschast einen vollen Erfolg. Der Hauptgrund, der Asmussen zu dieser Auffassung veranlaßt, ist die Tatsache, daß einerseits der schon im Deborahliede zum Ausdruck kommende, einer völligen Abschließung ähnelnde Gegensatz zwischen Israel und Juda, wie die Stammverbände kurz bezeichnet werden können, sich nicht gut anders erklären läßt, und daß andererseits das Schweigen der israelitischen Ueberlieferung von den notorischen Zügen der Ramsessiden nach Kanaan unerklärlich wäre, wenn alle Hebräer bereits während der El-Amarna-Zeit in Kanaan eingewandert wären. Den Einwurf, daß eine derartige Ausstellung eine erhebliche Verkürzung

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