Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 weil auch die Arbeiter, die früher mit den Demokraten gegangen sind, von ihnen abfallen. * Folgender Zeitungsausschnitt wird uns aus Wien zugeschickt: „Nene Freie Presse", 14. Juni 1916. T ü ch t -i g e Kontoristin, perfekte Maschinenschreiber in und Stenographin (C h r i st i n), wird ausgenommen. Offerten wollen persönlich beim •)il oten Sl r euz , M i n era lw a sierzentrale, Wien, 4. B., Gnßhausstraße Nr. 29, überreicht werden. Es ist höchst bedauerlich, daß das Rote Kreuz derartige Unduldsamkeit zeigt trotz der großen Tätigkeit und der außerordentlich reichen Gaben, die Juden dieser Einrichtung zugewendet haben. * Von sonstigen Nachrichten ist folgendes zu erwähnen: Unter der Ueberschrift „Die wirtschaftliche Zukunft der Türkei und die s p a ni o l -i s ch e n Juden" bringt die „Deutsche Levante-Zeitung" folgenden' beachtenswerten Artikel: Für das erwartete Wiedererstehen wirtschaftlicher Beziehungen zwilchen den Zentralmächten und dem Orient ist es von besonderer Wichtigkeit, daß in diesen Ländern mit vielen Sprachen und mit stark vermischter Bevölkerung ein Element existiert, das infolge seiner natürlichen Tendenzen und seiner besonderen Fähigkeiten dazu geschaffen zu sein scheint, eine Brücke zu bilden, über die die künftigen wirtschaftlichen- Beziehungen ihren Weg finden können. Niemand, der die wirkliche Sachlage kennt, wird leugnen können, daß am Balkan die „Spaniolen" die geborenen Vermittler sind. Ihre bürgerliche Freiheit, verbunden mit den natürlichen Fähigkeiten des jüdischen Geistes, hat dazu beigetragen, ihre Geschäftstüchtigkeit zu entwickeln, und hat sie mit besonderen Gaben für Handel und Industrie aus«- gestattet. So ist während des letzten Jahrhunderts Saloniki dank der jüdischen Patrizier ein türkisches Hamburg geworden. Es ist keine Uebertreibung, wenn inan behauptet, daß für den gesamten Handel von den Gegenden südlich der Donau bis nach Aegypten die jüdischen Handelshäuser die gleiche Bedeutung hatten und haben, die die alten hanseatischen Häuser für den Handel in der Nord- und Ostsee hatten. Die Spaniolen sind die „Amerikaner des Balkans" in viel richtigerem Sinne, als dies von den Griechen und Armeniern behauptet wird. Der gleiche fortschrittliche Geist findet sich in gleichem Maße in allen Klassen, denn man darf nicht vergessen, daß es nicht nur große spaniolische Kaufleute und Kommissionäre gibt, sondern auch sesardische Arbeiter und Handwerker, die nach den besten Methoden arbeiten, wie die Arbeiter der entwickeltsten europäischen Großstädte. Außer der Konsumtionsfähigkeit der spaniolischen Juden können diese von bedeutendem Wert für den deutschen Markt werden, dessen Exportartikel sie gern kaufen und deren Absatz sie erleichtern. Ein modernes Stahlwerkzeug, ein Tuch aus einer nordeuropäischen Fabrik, irgendein Artikel, an den wir seit langer Zeit gewöhnt sind und ihn alltäglich verwenden, all dies verwandelt sich in den Händen der Spaniolen in eine Sache, die eine große Attraktionsimöglichkeit erlangt. Aus diesem Grunde hat man sich seit langer Zeit gewöhnt, besonders unter der Provinzbevölkerung, die Juden als führend in allen kommerziellen Dingen anzusehen. In jeder Hinsicht werden die Spaniolen als Muster genommen, und das neue Instrument, das neue Tuch, das neue Möbelstück, das sie aus den Markt bringen, wird immer gekauft. Außerdem kann auch die Arbeit der Spaniolen als eine Bermittlungstätigkeit im Balkanhandel angesehen werden. In den Nachrichten von den Kämpfen in Serbien und an den Dardanellen ist mehr als einmal der hervorragenden Rolle Erwähnung getan worden, die die Spaniolen als Dolmetscher zwischen den verschiedenen Sprachen spielen. Eine gleiche „Parlamentärstellung" ist ihnen auch in den Handelsbeziehungen Vorbehalten. Sie besitzen ein außerordentliches Talent für die Erlernung fremder Sprachen, welches sie sorgfältig pflegen vermöge eines wohlausgebauten Schulsystems, das sie tu der Hauptsache der Unterstützung der westlichen Juden verdanken. Wenn man diesem Sprachentalent die große intellektuelle Aktivität der Sesardim, ihre Fähigkeiten ans kommerziellem Gebiete und besonders die Integrität ihres Charakters hinzusügt, kann man sich eine Idee von den Eigenschaften machen, die es für den deutschen Handel im Orient als wertvoll erscheinen lassen, die Mitarbeit der Spaniolen zu besitzen. Die spaniolischen Juden und insbesondere die türkischen Inden werden, gern die ihnen vorbehaltene Nolle der Vermittler zwischen der Türkei und Deutschland übernehmen. Das hat seinen Grund nicht nur in ihren natürlichen Fähigkeiten, sondern in ihren politischen and kulturellen Ansichten. Es ist vor allem von deutscher Seite ans notwendig, den nationalen Eigenschaften der Sesardim Achtung entgegenzubringen. Besonders darf nicht vergessen werden, daß der Spaniole einen außerordentlichen- Stolz besitzt, und daß er in diesem Punkte s-ehr empfindlich ist. * lieber Juden und Deutsche enthält die neueste Nummer der „Zeitschrift für Bücherfreunde" in ihrem Amsterdamer Brief einen sehr interessanten Beitrag. Der Korrespondent M. D. Henkel spricht über einen Artikel des angesehenen holländischen Schriftstellers Carel Scharten im „Telegraaf" und führt dabei folgendes aus: „Schartens Betrachtungen bilden die Einleitung zu einem kleinen Aufsatz über das Judentum in der niederländischen Literatur, speziell über die Gedichte eines neueren jüdischen Dichters Jac. Jsr. de Haan. Mit den Juden werden wir hier nämlich verglichen und zu leicht befunden. Nach der Stimmung in der ganzen Welt rings um uns scheint es fast, als ob auf uns Deutsche heute jenes odium generis humani übergegangen sei, das seit Tacitus ans den Juden geruht hat. Scharten gesteht in dem Artikel ganz offen, daß er von Jugend an immer eine instinktive Abneigung gegen Juden und Deutsche empfunden habe, was ihn aber nicht verhindert hätte, mit einzelnen Angehörigen dieser Nassen in freundschaftlichen Verkehr zu treten; und merkwürdigerweise seien es bei beiden Völkern dieselben Charaktereigenschaften gewwsen, die ihn abgestoßen hätten, nämlich die aufdringliche und übertriebene Liebenswürdigkeit, die nur als Deckmantel für Anmaßung und Rücksichtslosigkeit diene. Diese Antipathie geht bei ihm so weit, daß ihn sogar die Ansdrucksweisen und Redensarten der beiden Völker irritieren. „Das Schmeicheln der deutschen Sprache (Scharten gebraucht hier das deutsche Wort „schmeicheln") habe ich nie ertragen können, ebensowenig wie den süßen Wortschwall (wörtlich: Wortgespucke) des jüdischen Händlers. Beide, Juden wie Deutsche, zeigen sich äußerst untertänig, aber wenn sie sich einmal die Macht erschlichen haben, dann ist ihr Griff gleich mitleidslos." Doch verbirgt sich hinter einem ähnlichen Auftreten bei beiden Völkern eine völlig verschiedene Psyche. Tenn mögen sich die Deutschen mit dem Fleiß und der Tüchtigkeit brüsten, womit sie die Erfindungen der Franzosen, Engländer und Italiener weiter ausgebaut und systematisiert haben, die Juden besitzen den viel feineren Stolz, das am wenigsten geehrte und doch das eigenste, unter allen Völkern das letzte und doch das erste zu sein. Scharten denkt hier wie auch im übrigen in erster Linie an den Deutschen im Ausland, mit dem ihn sein langjähriger Aufenthalt in Paris und Italien hauptsächlich in Berührung gebracht. Dieser Deutsche gibt im Gegensatz zu dem Juden, der sich in seiner Art und sogar seiner äußeren Erscheinung durch die Jahrtausende hindurch in zäher Weise immer behauptet hat, seine nationalen Eigenheiten und Eigenschaften bald aus und verschmilzt mit dem Volke, unter dein er lebt. Heber den Deutschen im eigenen Lande urteilt Scharten günstiger; dort im eigenen Kreise öffnet sich sein besseres Ich (das sich aber außerhalb der Reichsgrenzen nach seiner Meinung verschließen soll). Etwas Gutes wird uns also noch gelassen, und die „klangreichen Tiefen der deutschen Seele" will Scharten ebensowenig leugnen wie „das tiefe, verborgen glimmende Feuer der jüdischen". * Aus Rußland liegen zurzeit keine Nachrichten von neuen Bedrückungen vor. Dagegen wird nun von der Liga der Fremdvölker in Rußland, die sich schon an den Präsidenten Wilson gewendet hatte, ein Aufruf an alle