Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-30 · Heft 26 (30.6.1916) · p. Seite 303

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 26 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
Seite 303 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229259--72328-3284764
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

303 Wicklung durchgemacht. Die Ausführungen des gelehrten Rabbiners Rosenthal (Breslau) auf der vorletzten Rabbinerversammlung legen davon Zeugnis ab. Man braucht dabei nicht einmal wie dieser an Maimonides zu denken, der die Annahme einer Besoldung für eine Entweihung der Thora und des heiligen Amtes erklärt, auch nicht an Mahril, der es vorzog, seinen Bedarf durch Heiratsvermittlung 31t decken als durch Honorierung des Amtes, sondern es genügt schon der Hinweis auf die veränderte Tätigkeit des Heutigen Rabbiners. Dieser ist heute an erster Stelle Lehrer. Seine erfolgreiche Arbeit hängt von dem Maße ab, in dem er imstande ist, auf die Heranwachsende Jugend zu wirken. Mit Recht sagt Rosenthal in seinem vorhin erwähnten Vortrage: „Das Ansehen, das sie (die Rabbiner) genießen, hängt von ihrer Persönlichkeit, von ihrem Charakter, von ihrer Klugheit und ihren Tugenden und namentlich von ihrer selbstlosen Hingabe an ihre Ausgabe ab, das religiöse Leben und die Liebestätigkeit durch Wort und Tat zu fördern und lilmaud ulelamed zu lehren und zu lernen." Und weiter sagt er in Anknüpfung an das Wort des großen Raw Scherira Gaon: „Bedeutender als Raw ist Rabbi, die Würde des zum Shnedrialrichter ordinierten Gelehrten, größer als Rabbi ist Rabban, die Würde des Rast Doch größer und wirksamer als alle Aeußerlichkeit von Titel und Stellung ist der Name, die Würde der Persönlichkeit." Solche Anschauungen werden sicherlich den Berliner Gemeindevorstand geleitet haben, als er die Bestallung eines Schulinspektors auch für die von seinen Rabbinern geleiteten Religionsschulen geplant hatte. Es lag keineswegs in seiner Absicht, die Würde und das Ansehen seiner Rabbiner zu beeinträchtigen. Lediglich die Sorge um die Heranwachsende Jugend hat ihn dazu bestimmt. Er wird seinen Plan ausführen müssen zum Segen seines gesamten Schulwesens. Auch der Rabbinerverband in Deutschland wird seine Ansicht über die Inspektion des jüdischen Religionsunterrichts ändern müssen. In demselben Augenblick, in dem er vom Staate die Gleichstellung des jüdischen Religionsunterrichts mit dem christlichen verlangt, beansprucht er für sich eine Ausnahmestellung, die weder in der Sache noch in der Person begründet ist. Auch der christliche Religionsunterricht wird vom Staate beaufsichtigt. Die jüdische Lehrerwelt wird es mit Recht nicht verstehen, daß ihr Unterricht vom Rabbiner inspiziert wird, daß die Rabbiner aber für sich selbst jede Aufsicht ablehnen. Die Autorität auch des gelehrten Direktors hat noch nicht darunter gelitten, wenn sein Unterricht von einem jungen Schulrat inspiziert wurde. Auch die Rabbiner sollten sich in die allgemeine Ordnung einstigen, nur dann dürfen sie erwarten, daß die Schulaufsichtsbehörde ihnen die entsprechende Stellung einräumt. Der Ausschuß des Rabbinerverbandes sollte daher noch einmal die Frage ernstlich erwägen und sich den Beschlüssen des Verbandes der Deutschen Juden und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes anschließen zum Heil unserer jüdischen Jugend. Sie Woche. Berlin, 27. Juni 1916. ie allgemeine Kriegslage hat sich wenig geändert. Die Russen können ausschließlich in der Bukowina ihren Vormarsch fortsetzen, werden aber an "Den anderen Stellen sowohl von den ihnen im Südosten entgegenstehenden Gegnern als auch neuerdings von Hindenburgs Heeresgruppen stark bedrängt; in Italien und Frankreich steht es ziemlich beim alten; die zahlreichen von unseren Feinden versuchten Vorstöße sind siegreich und blutig für unsere Feinde abgeschlagen worden. Die Feste Thiaumont, das Dorf Fleurh ist mit Sturm genommen worden, wobei etwa 3000 Gefangene eingebracht wurden. Von unserer Seite und der unserer Verbündeten sind vielfache Fliegerangriffe zu verzeichnen, die namentlich bei Venedig guten Erfolg gehabt haben; die Franzosen ihrerseits haben zur angeblichen Vergeltung unserer Angriffe aus offene Städte Versuche gegen Müllheim und Karlsruhe unternommen, die, wenn sie auch keinen militärischen Schaden angerichtet haben, einige Opfer in der Zivilbevölkerung forderten. Dagegen haben die Vierverbandsmächte bei Griechenland ihr Verlangen erreicht; das Ministerium Skuludis mußte weichen und Griechenland hat die Bedingungen seiner angeblichen Freunde, die in Wirklichkeit seine schlimmsten Feinde sind, annehmen müssen. Diese Forderungen bestehen im folgenden: 1. Tatsächliche und allgemeine Demobilisierung der griechischen Armee; 2. Ersetzung des Ministeriums Skuludis durch ein Kabinett, das alle Garantien hinsichtlich der Beobachtung einer wohlwollenden Neutralität gegenüber der Entente erfüllt, entsprechend den Verpflichtungen der griechischen Negierung; 3. Auflösung der Kammer und allgemeine Neuwahlen; 4. Ersetzung der Polizeibeamten, welche allzuoft auf ausländische Einflüsterungen gehört haben. Falls die griechische Regierung diese Forderungen nicht annehmen sollte, würde sie allein für die Ereignisse verantwortlich sein, die daraufhin eintreten könnten. Ein neues Ministerium unter der Leitung von Zaimis ist gebildet worden, das, wenn man es auch nicht vollkommen deutschfeindlich nennen kann, immerhin ententefreundlicher als das vorige genannt werden muß; bisher ist glücklicherweise von Herrn Venizelos, unserem schlimmsten Gegner, nicht die Rede, gegen den auch Italien protestiert hat. Aber das unglückliche Griechenland hat jedenfalls die Freiheit seiner Bewegung vollständig verloren. Die Verhältnisse in Amerika gestalten sich schwierig. Bisher hat England noch immer nicht auf die Klagen über die unberechtigte Zurückhaltung oder Durchsuchung der Post geantwortet, Amerika hat eine solche Antwort aufs neue energisch gefordert. Der Konflikt der Vereinigten Staaten mit Mexiko spitzt sich immer mehr zu. Mexiko hat amerikanische Heerestruppen angefallen, ihnen Verluste beigebracht; eine wirkliche Schlacht hat stattgefunden, so daß der Krieg mit Mexiko zur Tatsache geworden ist. Das Wichtigste für uns sind die Vorbereitungen zur Präsidentenwahl. Darüber bringt die „Schlesische Zeitung" nachstehende Mitteilung: H it g h e s u n d Wilson. Amsterdam, 16. Juni. In eingeweihten amerikanischen Kreisen rechnet man mit großer Sicherheit darauf, daß der republikanische Kandidat Charles Evans Hughes im November als Lieger aus dem Wahlkampfe hervorgehen wird. Denn wie die Dinge heute stehen, kann Hughes auf folgende Elemente in der Wählerschaft rechnen: 1. Die große Mehrheit der republikanischen Partei, von deren sechs Millionen Stimmen Noosevelt höchstens eine Million für sich abtrennen wird gegen 4^ Millionen, die er noch 1912 erhielt. Fortan ist Noosevelt aber als abgetane Persönlichkeit zu betrachten. 2. Die zwei Millionen Stimmen der Deutschamerikaner und Jrischamerikaner, welche für Hughes stimmen werden, weil er versprochen hat, im Falle der Krieg unter seiner Präsidentschaft wider Erwarten noch fortdauern sollte, eine wirkliche Neutralität Zu beobachten. 3. Die halbe Million israelitischer Stimmen, denn die israelitischen Wähler begrüßen das Versprechen Hughes', dafür zu sorgen, daß Rußland die Juden besser behandle, womit die Politik des Präsidenten Taft wieder angenommen würde. Diese 7^4 Millionen Wahlstimmen bilden die absolute Mehrheit der sämtlichen amerikanischen Wahlstimmen und sichern daher die Wahl Hughes. Wilson könnte demgegenüber bestenfalls sechs Millionen Stimmen aufbringen, aber er dürfte nicht einmal diese Stimmenzahl erreichen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.