Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Schmnlikvf sich ins Bett legen sollte, um sich durch Kraftsüppchen wieder gesund Pflegen zu lassen. Alma verhielt sich schweigend; nur als Karol, der etwas später nach Schmulikvf das Zimmer betrat, die Kopfwunde durch einen Sturz über eine Baumwurzel erklärte, da blickte sie forschend von einem zum anderen, und eine jähe Blässe bedeckte ihre Züge. Die heitere Stimmung, die sie vom Ausfluge nritgebracht hatte, war bald verschwunden; sie schützte Müdigkeit vor und begab sich gleich in ihr Schlafzimmer. Karol befand sich noch weiter in guter Laune, und sie wäre noch viel besser geworden, Hütte er ahnen können, wie sehr er seit vorhin in Schmulikofs Achtung gestiegen war. In der Tat, Schmulikvf bewunderte Karol als einen Mann, der trotz seiner Oberflächlichkeit genau wußte, was er wollte, und ohne zu schwanken auf sein Ziel losging. Karol setzte sich nicht hin, um über alle möglichen Verwicklungen nachzugrübeln, die etwa entstehen könnten, sondern er handelte schnell, mit raschem Griff, mit fester Hand. Karol würde gut zu Baruch Passen, der auch bald mit Keulen dreinschlagen will. Und wer weiß, ob nicht das tatsächlich besser ist; denn er, Gabriel, war bisher noch nicht über das Plänemachen hinausgekommen, und hatte er schon zwei Hindernisse herausgegrübclt: Malta mit ihrer phantastischen und fanatischen Jugendschwärmerei für ihn und Karol mit seiner rücksichtslosen Liebe für Alma. — Es war gut, daß er noch nicht das dritte und weit größere Hindernis kannte, das bereits im Anzuge war, um seine Rachepläne zu vereiteln, um sich schützend vor Torakow zu stellen. XI. Einige Tage später, an einem herrlichen Svmmerabend, saß Baruch wie gewöhnlich auf einem Baumstumpf vor seiner Hütte und wartete, ob nicht ein verspäteter Hausierer noch seine Dienste in Anspruch nehmen würde. Aber auch ohne diese Amtspflicht pflegte er halbe Nächte im Freien zu verbringen anstatt in der dumpfen, schwülen Blechbaracke, die ihm als offizielle Wohnung angewiesen war. Mechanisch hatte er sich aus dem Schilfrohr eine Flöte zurechtgeschnitten, aus der er leise monotone Töne blies, die von seinen heißen Lippen und von den fieberhaften Schlägen seines Herzens deutlich Kunde gaben. So pflegte er die halben Nächte mit der Flöte zu verbringen, während seine Phantasie in allerlei Gedanken sich erging, die immer wieder zu demselben Ausgangspunkt zurückkehrten. Es war dieses ein Zeitvertreib, den er sich seit Gabriels Rückkehr angewöhnt hatte. Der seichte Optimismus, noch mehr aber der erkünstelte Pessimismus des römischen Sonderlings, der bisher sein Lieblingsschriftsteller gewesen, der Horaz, er hatte schon längst anfgehvrt, einen Widerhall in seinem Innern zu finden; ja, er sing bereits an, ihm zum Ekel zu werden. Durch einen Zufall lvar Baruch aus dieses spielerische Heilmittel gekommen, um seinen mächtig flutenden Gefühlen irgendeinen Abfluß zu verschaffen. Der Anblick der unendlichen Menge Schilfrohr in seiner nächsten Nähe, mit dem er unzählige, endlose Melodien in die Welt hinaussenden konnte, war für ihn eine loohltuende Beruhigung. Jeden Abend konnte er sich ja eine Pfeife schneiden und die alte mit dem lvollüstigen Behagen zerbrechen, wenigstens in einer Hinsicht die selbstauferlegte Fessel der Entbehrung sprengen zu können. Vielleicht auch, daß die neue Pfeife wirksamer und zauberischer als ihre Vorgängerin sich erwies und mehr Anziehungskraft besaß, um die Erfüllung seines einzigen, großen Verlangens näher zu bringen, ein Verlangen, das seine Seele mit ihrer ganzen Kraft herbeisehnte. Heute hatte er sich die Pfeife mit ganz besonderer Sorgfalt geschnitten; heute hatte er seinen ganzen einsamen Schmerz in sie hineingehaucht, heute würde es ihn gar nicht überraschen, seine Sehnsucht endlich erfüllt zu sehen; ja, er hätte schwören mögen, daß sie heute komme, und darum lvar er auch gar nich überrascht, als er das Nüherkommen eines leichten, wohl bekannten Schrittes vernahm. Wäre sie heute nicht gekommen, das wußte er ganz genau, wäre sie niemals gekommen. „Guten Abend, Baruch," sprach Malka, von dem schneller Gehen noch ein wenig außer Atem. Er behielt die Flöte an die Lippen gepreßt und nickte nur mit dem Kopf, als Zeichen seines Gegengrußes; er traute sirl> noch nicht zu sprechen, um nicht sein Glück durch das Beben seiner Stimme zu verraten. „Ich bringe dir Nachricht von Gabriel," fuhr sie weiter fort Er nickte abermals, innerlich mit sich grollend, daß fein Herz noch immer einen solchen Hexentanz ausführte. Warna versuchte es immer wieder, ihn zu betrügen? Konnte er denn nicht vorher wißen, daß Malka nie seinetwegen, niemals aneigenem Antriebe zu ihm kommen werde? „Er läßt sich entschuldigen, daß er nicht selbst kommt. E hat keine Zeit; aber ich soll dir sagen, daß er das Ziel fest in Auge behält." „Ist das alles, Malka, was du mir zu sagen hast?" „Alles," wiederholte sie, gedankenvoll in die Ferne blickend „das sind überhaupt die einzigen Worte, die er zu mir ge sprechen." „Siehst du ihn oft, Malka?" „Wie sollte das möglich sein?" brauste sie auf, als sei Baruck der schuldige Teil. „Den ganzen Tag bin ich doch in der Näh stube eingeschlossen, stichelnd, stichelnd, und immer wieder stichelnd, daß es mir bereits zum Halse herauswächst. All« kommen sie ja zu mir und können sich nicht genug tun an Lobeserhebungen über meine Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit sogar das junge Mädchen ist sehr nett zu mir und sitzt stundenlang bei mir. Nur Gabriel hat keine Zeit für mich, nur er allein hat es immer eilig, wenn er mich nur in der Ferne erblickt. Heute kam er das ersteinal in die Nähstube, und kaum hatte er mir diese Botschaft eilig zugeflüllert, da war er aucl schon wieder fort, ohne selbst meine Antwort abzuwarten." Baruch schwieg. Er konnte die Psychologie des Männer nicht verstehen, der das Glück hatte, mit Malka zu sprechen - und nicht einmal ihre Antwort abwartet! War er denn blind oder hatte er keine Seele? Malka blickte wieder auf Baruch und sprach: „Baruch, ich habe dir noch nicht einmal gedankt." „Ist auch gar nicht nötig," erwiderte er kurz. Sie zuckte gleichmütig mit den Schultern. Wann hätte ihr auch daran gelegen, was Baruch sagt oder was Barucl nicht sagt. „Es war sehr freundlich von dir, micl wissen zu lassen, wann die Gräfin nach der Stad? fährt, oder ich hätte noch lange auf eine Gelegenheit wartei' können, sie zu sprechen. Jetzt natürlich bin ich das Schoßkind dort und soll von heute ab sogar auch im Schlosse schlafen damit ich nicht durch den weiten Weg nach meiner Wohnung so viel Zeit versäume und auch mehr Geld verdiene." „Was willst du aber mit dem Gelde machen? Wozn soll es dir?" „Damit ich Gabriel folgen kann, wohin er geht." rief sie glückstrahlend. Baruch zuckte zusammen und ließ einige schrille Töne hören. „Ob er will oder nicht," rief sie mit funkelnden Augen. „Bis ans Ende der Welt! Du, Baruch," fuhr sie weiter fort, und ihre Stimme klang wieder hart, „Von welchem Ziele sprach Gabriel eigentlich?" „Ich weiß es nicht," war seine abweisende Antwort. „Du weißt es nicht, obwohl du der Anstifter bist?" fragte sie mit unverkennbarem Hohn. „Ich, der Anstifter?"