Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229258--72316-3284751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 - Sein literarisches Arbeitsfeld hat sich Philippson sehr weit abgesteckt, denn es umfaßt den Zeitraum vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, ganz davon abgesehen, daß er, noch viel weiter zurückliegende Perioden durchstreifend, erst in der Folge seinem eigentlichen Ziele zusteuerte, wie aus der schon 1867 veröffentlichten, seit kurzem in zweiter Auflage erschienenen „Geschichte Heinrichs des Löwen, Herzogs von Bayern und Sachsen" hervovgeht. Hierbei lassen sich drei Hauptgebiete unterscheiden: 1. Die französisch-spanische Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts. Als die wichtigsten Schriften wären da anznführen: „Heinrich IV. und Philipp III. die Begründung des französischen Uebergewichts in Europa 1598 bis 1610", 3 Bände! „Das Zeitalter Ludwig XIV."; „Westeuropa im Zeitalter von Philipp II., Elisabeth und Heinrich IV."; „Ein Ministerium unter Philipp II. .Cardinal Granvella am spanischen Hofe" und das auch im Französischen veröffentlichte dreibändige Werk über Maria Stuart. — 2. Die brandenburgisch-preußische Geschichte im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Hierzu wären vor allem zu zählen: „Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg", 3 Bände.; „Geschichte des preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Freiheitskriegen", 2 Bände; die beiden dem Lebcnsgang Kaiser Friedrichs III. gewidmeten Schriften und eine biographische Studie über Max v. Forckenbeck, den früheren Berliner Oberbürgermeister und Politiker. — 3. Die neuere Geschichte, wobei neben der „Geschichte der Neueren Zeit" namentlich die drei Bände umfassende „Neueste Geschichte des jüdischen Bolkes" zrr nennen ist, aus die wir noch später zu sprechen kommen werden. Die Biographien Kaiser Friedrichs und Max v. Forckenbecks sind keine rein wissenschaftlichen Arbeiten. Der Verfasser steigt hier vom Kothurn strenger Wissenschaftlichkeit hinab, um, als Popularschriftsteller, die Ergebnisse exakter Forschung einem weiteren Kreise zugänglich zu machen. Denn was er an seinem Vater besonders rühmt, daß er mit tiefdringendem Verstaube einen eminent praktischen Geist verband und „vom Allgemeinen der Theorie stets zum Besonderen der örtlichen und zeitlichen Ausführung strebte"^), ist ihm selbst auch im hohen Grade eigen. Und damit komme ich zu dem Punkte, der uns vorwiegend im folgenden noch beschäftigen soll. Das Treten in den „Ruhestand" bedeutete für Philippson nicht den Eintritt eines Zustandes der Ruhe, eines Zustandes pioeul negotiis. Wohl hatte er Muße, aber deswegen blieb er lange nicht müßig. Im Gegenteil setzte jetzt erst recht für ihn eine Periode rührigster und eifrigster Tätigkeit ein. Vor allem konnte er nunmehr in ganz anderer Weise sein Interesse den Tagesfragen, seine Aufmerksamkeit praktischen Dingen zuwenden. In der Tat entfaltete er auch in der Folge — unabhängig von einer erstaunlichen Fülle rein wissenschaftlicher Leistungen - neben einer vielseitigen journalistischen Produktion eine ebenso reiche wie fruchtbare Tätigkeit aus organisatorischem Gebiete. Was letzteres anbetrisft, galten freilich seine Bemühlrngen in erster Linie jüdischen Interessen. Sv trat er 1896 dem Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums bei, in welchem er eine Zeitlang den zweiten Vorsitz führte und dem er seit drei Jahren jetzt wieder angehört. Längere Zeit war er auch erster Vorsitzender des Deutsch-Israelitischen Gcmeindebundes und des im Jahre 1904 ins Leben gerufenen Verbandes der deutschen Juden. Besonders Verdienste erwarb er sich um die Schaffung des Gell In einem ln der Loeiete des ctudes juives gehaltenen Vortrag bemerkt Al. Philippson: Toni« Llillippsoii ne kut pas seulenient un tlieologien et un penseur, il kut aussi un homme pratique. fonjours pret ä faire fructifier, ä Tusage de la vic reelle. Ies resultats de ses reflexions et de ses etudes. samtarchivs der deutschen Juden, dessen Seele er bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Wie dort hat er auch den ersten Vorsitz in der Leitung der 1902 von ihm gegründeten Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und ist Ehrenvorsitzender des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur. Das größte Verdienst, das sich Philippson um die Angelegenheit des Judentums erworben hat, bildet jedoch seine Abfassung der „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes". Bei dieser Arbeit darf ohne Einschränkung und ohne Uebertreibung von einem echt jüdischen Geschichtswerk gesprochen werden. Was im praktischen Wirken Philippson schon immer als Maxime seines Handelns ansah: nicht zerstören, sondern ausbauen, niemals einer Partei zuliebe, stets nur im Dienste des Ganzen — das galt ihm nun auch da als Richtschnur bei seinem Unternehmen: eine Universalgeschichte, die des jüdischen Volkes Diaspora lückenlos umfassen und dennoch als Einheitsgebilde sich kennzeichnen sollte! Dabei ist die geschichtliche Darstellung universell nicht nur in dem Sinne, daß die Juden auf dem ganzen Erdenrund in weit umfassenderer Weise als bisher Berücksichtigung gesunden haben, sondern auch indem die ökonomischen, biotischen und soziologischen Momente zum erstenmal in beträchtlichem Maße herangezogen und verwertet worden find, so daß zutreffend vom Verfasser auf die Bemühung, „ein bisher in seiner Gesamtheit und in vielen Emzelgebieten noch ganz unbekanntes Feld anzubauen", hingewiesen wird. Erwägt man nun noch die Frische des Stils, die lichtvolle Klarheit der Darstellung, die von verhaltenem Pathos und ehrlicher Begeisterung getragene Schilderungsweise, die überall große Liebe zum Volke und treue Anhänglichkeit zu seiner Tradition verrät, so wird man in der Tat von einem Volksbuche im besten und wahrsten Sinne des Wortes reden dürfen. Was Philippson den einzelnen Organisationen (wie dem D. I. G. B., dem Verband der deutschen Juden, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, dem Gesamtarchiv und dem Literaturverein) bedeutet hat und zum Teil noch bedeutet, das wird, wie wohl zu erwarten, an seinem Jubiläumstag von maßgebender Instanz kundgetan werden. Mir liegt es an dieser Stelle nur noch vb, mit einigen Worten zu sagen, was er der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums ist und war. Eine Pflanz- und Pflegestätte für die Wissenschaft des Judentums zu schaffen, war ein Lieblingsgeidanke Ludwig Philippsons, dem er schon 1835 Ausdruck verlieh. Abraham Geiger griff 1836 die Idee auf, schlug, unter einiger Modifizierung des Planes, für ein derartiges Institut den Namen einer „jüdischtheologischen Fakultät" vor. Im Oktober 1837 veröffentlichte Philippson in der kurz zuvor ins Leben gerufenen „Allgemeinen Zeitung des Judentums" einen warmen „Aufruf zur Begründung einer jüdisch-theologischen Fakultät". Auch auf den Rabbinerversannnlungen trat er mit großer Begeisterung für seine Idee ein. Als dann 1872 endlich der Plan zur Ausführung kommen konnte und an die Schaffung einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums geschritten wurde, nahm Philippson an allen Vorgängen den lebhaftesten Anteil. Zur Statutenberatung eilte er nach Berlin und trat auch, als einziges auswärtiges Mitglied, dem Kuratorium bei, in welchem er bis zir seinem im Jahre 1889 erfolgten Tode verblieb. Es war nur zu natürlich, daß an die Mitwirkung des Sohnes gedacht wurde, sobald er seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hatte. Dieser zögerte auch nicht, seine Kraft in den Dienst der Lehranstalt zu stellen, als 1896 der Ruf an ihn erging, dem Kuratorium beizutreten. In seinem Antwortschreiben bemerkt er: „Die Ziele, die die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums verfolgt, erscheinen auch mir als so wichtige