Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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295 das lehtc Ziel des Judentums ist. »Daß Körper und Geist nach dem Tode getrennt werden könnten," wird in ik>r behauptet, »war eine den Hebräern unmögliche Vorstellung, da sie eine dualistische Natur des Menschen ihrer ganzen Lehre nach nicht denken konnten. Nur Gott war das Bleibende." Diese Motivierung wird durch die Schöpfungsgeschichte, nach welcher Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen hat, ad absurdum geführt. Am deutlichsten bekundet sich der Dualismus von Geist und Körper in Num. 16, 22, wo Gott der Gott der Geister alles Fleisches genannt wird. Eine eigentliche Leugnung der Unsterblichkeit ist übrigens nirgends nachzuweisen, und es finden sich vielmehr Andeutungen, daß die Verstorbenen iir irgendeiner Weise fortdauernd gedacht werden. So heißt es Gen. 15, 15: „Gott sprach zu Abraham: Und du wirst kommen zu deinen Vätern in Frieden." Der Vater Abrahams, Terach, starb in Eharan (Gen. 11, 32) und wurde wahrscheinlich auch dort begraben; die Familiengruft Abrahams dagegen befand sich in der Höhle Machpeläh in Hebron (Gen. 23, 19). Wenn nun Abraham, wie es in jener Stelle heißt, nach dem Tode mit seinen Vätern vereinigt werden soll, so müßte er bei seinein Vater Terachbeigesetzt werden. Daß dies nicht der Fall ist, ergibt sich aus Gen. 49, 30, 31. Jener Satz kann daher nicht physisch, sondern nur Psychisch gefaßt werden. Gen. 37, 35 heißt es von Jakob, der seinen Sohn Joseph beweint: „Denn ich gehe hinab zu meinem Sohne trauernd in den Scheol." Nun glaubte aber Jakob, nach dem Berichte seiner Söhne, daß Joseph von wilden Tieren zerrissen sei; er konnte demnach nicht daran denken, daß sein Körper mit dem seines Sohnes zusammenkommen würde, sondern nur, daß seine Seele mit der im Scheol fortlebenden Seele Josephs vereint werden würde. Samuel verkündet dem König Saul (1. Sam. 28, 19): „Morgen wirst du und deine Söhne mit mir sein." Saul und seine Söhne kamen in der Schlacht um, wurden dann verbrannt und zu Jabes begraben (1. Sam. 31, 12, 13), während Samuel zu Ramah beerdigt wurde (1. Sam. 25, 1). Die Verkündigung Sankels kann sich daher nicht aus die Vereinigung der Körper beziehen, vielmehr liefert sie einen Beweis für die Fortdauer der Seele nach dem Tode. Klarer tritt die Unsterblichkeitside-e in den Psalmen hervor: „Denn du wirst meine Seele nicht dem Scheol überlassen und nicht zugeben, daß deine Frommen Verwesung schauen" (16, 10), „Aber -Gott wird meine Seele erlösen aus der Macht des Scheol, so er mich hinwegnimmt" (49, 16). Noch bestimmter begegnet sie uns in dem Schlußwort des Predigers: „Der Staub kehrt zur Erde zurück, wie er gewesen, und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben" (12, 7). Man hat also keineswegs die wissenschaftliche Berechtigung zu der summarischen Erklärung, daß der Glaube an ein Jenseits in Israel völlig gefehlt habe, und daß es von seiner Religion bloß auf das Diesseits verwiesen worden sei. Damit drängt sich aber um so unabweislich-er die Frage aus, warum unsere heiligen Bücher sich nicht ausführlich über die Unsterblichkeit und das jenseitige Leben aussprechen. Daß diese Zurückhaltung eine absichtliche -war, tut M. Güdemann im 4. Kapitel seines Buches „Das Judentum in seinen Grundzügen lind nach seinen geschichtlichen Grundlagen" überzeugend dar. I. B. Münz. Krof. Dr. Martin sshilippson. 1846 — 27. Juni — 1916. Von Dr. Alphons I. Lußnitzki. icht von der Gesamtschöpfung des Jubilars will im folgenden handeln. Nur von einem Ausschnitt, allerdings sehr wichtigen, seines Lebenswerkes soll hier die Rede sein: von seiner Stellung zur Wissenschaft des Judentums. Da bin ich nun freilich in der angenehmen Lage, das, -wasich zu sagen habe, gleichsam auf eine Formel bringen zu können und so für meine Ausführungen die von selbst gegebene Richtlinie zu gewinnen: denn er erwies sich in allem, was er in dieser Hinsicht tat, als der w ü r d i g e Sohn seines Vaters. Daß Martin Philippson den Schriftsteller- und Gelehrtenberuf ergriff, war natürlich. Denn er entstammt einer alten Gelehrtenfamilie, und Literatenblut fließt in seinen Adern. Familienspuren lassen sich bereits auf Jacob Joschua, den Verfasser des scharfsinnigen „Pene Jehoschua" (1754), zurückführen. Der Großvater des Jubilars, Moses Philippson, der an der Franzfchule, einer angesehenen jüdischen Unterrichtsanstalt in Dessau, Lehrer war, hat sich schriftstelle-risch erfolgreich betätigt und sich vor allem um die geistige Entwicklung der deutschen Juden erhebliche Verdienste erworben. Als Leiter einer hebräischen Druckerei und Buchhandlung gab Moses Philippson von ihm selbst verfaßte Lehrbücher, Katechismen, hebräische Grammatiken sowie eigene Uebersetzungen gewisser Teile der Bibel in deutscher "Sprache heraus. Ein Onkel Martin Philippsons, Phöbus Philippson, hat sich, obwohl von Hause aus Arzt, nicht nur als medizinischer, sondern auch als historischer und belletristischer -Schriftsteller einen guten Namen erworben. Der Bruder des Jubilars, Alfred Philippson, ist als Geograph und Geologe rühmlichst bekannt. Vor allem aber gilt es natürlich, seines Vaters, Ludwig Philippsons, zu gedenken, dessen überragende Persönlichkeit nach mannigfacher Richtung bedeutsam in die Erscheinung trat. War doch dieser „der eigentliche Begründer und Führer der historisch-gemäßigten Reformp-artei in Deutschland". Und wie er es verstanden hat, durch, die von ihm 1837 ins Leben gerufene „Allgemeine Zeitung des Judentums" der jüdischen Publizistik erst den richtigen Boden zu schaffen, so war es ihm in -gleicher Weise auch gegönnt, aus dem Gebiete der jüdischen Religion, Politik und Kultur schöpferisch und bahnbrechend zu wirken. Zunächst einige Daten aus Philippsons Leben und ein paar Worte über seine Schriften. Martin Philippson ist am 27. Juni 1846 in Magdeburg geboren. Er kam -dann nach Bonn, wohin sein Vater im Jahre 1862 seinen Wohnsitz verlegte. Nach Absolvierung seiner Universitätsstudien wirkte er von 1866 -bis 1870 als Lehrer an der Jüdischen Knabenschule und der Lehrerbildungsanstalt in Berlin. 1870 machte er den Feldzug gegen Frankreich als Freiwilliger mit. Im Jahre 1871 habilitierte er sich an der Universität zu Bonn, wo er -auch 1875 eine außerordentliche Professur für Geschichte erhielt. Drei Jahre darauf an die Freie Universität zu Brüssel als ordentlicher Professor berufen, fand er dort, der französischen Sprache in Wort und Schrift völlig mächtig, reiche Gelegenheit, nicht nur eine ausgiebige Lehrtätigkeit, sondern auch eine umfassende literarische Produktion zu entfalten, wie mehrere von ihm in französischer Sprache veröffentlichte Werke beweisen. Aus seine Initiative ist auch die Schaffung eines historischen Seminars an der Universität erfolgt. In Anerkennung seiner Verdienste wurde er im Jahre 1886 zum Mitglied der belgischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Als Rector magnificus der Universität geriet er jedoch mit den radikalen und deutschfeindlichen Elementen der Brüsseler Studentenschaft in Konflikt, die sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen zu können glaubten, daß ein Deutscher die oberste Behörde der Hochschule bilden sollte. Seine Hörer, denen er stets ein außerordentlich beliebter Lehrer war, überreichten ihm zwar eine warm gehaltene Adresse, in der ihm die Bitte geäußert wurde, seine ersprießliche Wirksamkeit an der Universität nicht aufzugeben. Ende 1890 legte er indessen seine Professur nieder und siedelte nach Berlin über, wo er seitdem seinen ständigen Wohnsitz hat.