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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-23 · Heft 25 (23.6.1916) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 25 (23.6.1916)
Date
1916-06-23
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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in der Schrift „Political Biograpliy of Lord George < Bentinck“ (London 1852), deren 24. Kapitel der Sache der Juden und des Judentums gewidmet ist. Ihr entlehnen wir folgende markante Stellen: „Der Germane, der Slawe und der Kelle haben die meisten Gesetze und Sitten, die ganze Literatur und Religion des hebräischen Volksstammes angenommen. Europa verdankt demselben also so vieles, was das Leben ordnet, so vieles, was es verschönert, und so vieles, was es tröstet. Die arbeitende Menge ruht jeden siebenten Tag kraft eines jüdischen Gesetzes, sie holt sich ihre Vorbilder aus den Aufzeichnungen jüdischer Geschichten und singt die Gesänge und Elegien der jüdischen Dichter, und täglich anerkennt sie auf den Knien mit andächtiger Dankbarkeit, daß die jüdische Ueberlieferung Mittler zwischen ihr und dem Schöpfer ist. Und dennoch behandeln wir das Volk der Hebräer als Parias und, anstatt sie logisch richtig als den Teil der Völkerfamilie zu betrachten, welcher am meisten zur allgemeinen menschlichen Entwicklung beigetragen hat, überhänfen wir es mit jedem Ausdruck der Schmach und jeder Form der Verfolgung." „Die Juden waren nie so verderbt, als es die Griechen im ganzen Orient vor ihrer Befreiung waren, und doch wurde ihre Verderbtheit durch eine Verfolgungsperiode hervor- ‘ gerufen, welche sich in der Intensität ihrer Leiden nicht mit denen der Kinder Israels vergleichen läßt. Doch begleitet eine Eigentümlichkeit die Juden unter den ungünstigsten Umständen: andere erniedrigte Rassen nutzen sich ab und verschwinden, der Jude bleibt so geschickt, so tatkräftig, so ausdauernd, so voller Hilfsmittel und Entschlossenheit als je. In diesem Lichte betrachtet, erscheint die Erniedrigung des jüdischen Volkes als ein schlagender Beweis seiner Vortrefjlichkeit, denn nur eine bevorzugte Rasse kann die erduldeten Prüfungen überdauern. Aber obgleich eine überlegene physische Organisation eine so außerordentliche Tatsache erklären kann, so wird doch der verfolgte Stamm der Hebräer auch noch durch andere Mittel erhalten. Es unterstützt ihn eine erhabene Religion. Verstockt, boshaft, widrig und empörend, wie uns der gemeine Jude erscheint, ist er doch selten demoralisiert. Unter seinem eigenen Dache öffnet sich sein Herz dem Einjlusse ° seiner schönen Traditionen. Alle seine Feierlichkeiten, seine Gebräuche, seine Feste verherrlichen noch immer die Gaben der Natur und die Gnade Jehovas. Ein patriarchalisches Gefühl schwebt noch immer um seinen Herd. Ter Mensch, der seine Häuslichkeit liebt, wie tief er auch gefallen sein mag, ist nicht verloren. — Die Posaune Sinais tönt noch immer in den Ohren des Hebräers, und nie sieht man einen Juden auf dem Schafott, es sei denn zu einem Autodafe." „Aber nachdem wir diese teilweise Erniedrigung des jüdischen Namens vollkommen zugegeben haben, können wir nicht damit übereinstimmen, daß diese teilweise Entartung die Vorurteile und Verfolgungen rechtfertige, welche in barbarischem und mittelalterlichem Aberglauben wurzeln. Im Gegenteile, wenn wir den Einfluß der jüdischen Rasse auf die jetzige Gesellschaft betrachten, ohne Beziehung aus die vergangene Geschichte oder künftige Verheißungen Israels, wenn wir aus unserem Geist und Gedächtnis, wenn dies überhaupt möglich ist, alles verbannen, was die Hebräer für die Menschheit in alter Zeit getan haben und was noch in ihrer Bestimmung liegen mag: so behaupten wir, daß sie, statt ein Gegenstand der Abneigung zu sein, alle Ehre und Begünstigung von den nördlichen und westlichen Völkern empfangen sollten, welche zivilisierte und verfeinerte Stationen denjenigen zollen, die ihnen ästhetische Genüsse verschaffen und den Geschmack verfeinern. Wir stehen nicht an zu jagen, daß die Gegenwart, und zwar seit einem langen Zeitraum, keine Rasse auszuweisen hat, welche so viel für die Veredlung, Verfeinerung und Ausbildung Europas getan hat wie die jüdische." Als Vcrächterin der Juden ist die Nowikow selbstverständlich eine entschiedene Gegnerin der Emanzipation der russischen Juden, denen sie überdies das Kainszeichen von Feiglingen aufdrückt. Sie wirft ihnen vor, daß ihnen der Militärdienst sehr antipathisch ist und daß sie ihm um jeden Preis, sogar um den der Selbstverstümmelung, zu entgehen suchen. Diese furchtbare Anklage ist jedoch völlig aus der Luft gegriffen. Das Märchen von der Feigheit der Juden ist nun gottlob! ein für allemal abgetan; in den braven, wackeren jüdischen jungen Männern, die sich mit blitzenden Augen zur Front drängen, in den Adern der 600 000 jüdischen Jünglinge und Männer, die im Felde stehen, rollt, wie offiziell und von allermaßgebendsten Stellen anerkannt und durch eine Fülle von Auszeichnungen bekundet wurde, das Blut des von keinenr Geringeren als dem Feldmarschall Moltke sehr hoch eingeschätzten Josüa ben Nun und der Makkabäer. Im russischen Heere allein kämpfen über 350 000 Juden, also mehr, als die ganze belgische Armee beträgt. Sie werden hier in einern noch höheren Maße als die Söhne der anderen „Fremdvölker" in das gefährlichste Feuer geschickt, und viele von ihnen haben sich glänzend hervorgetan. Es ist keine Anekdote, sondern eine pure Tatsache und stammt von einem jüdischen Militärarzt in Moskau, der sie seinem jetzt in Kopenhagen weilenden Bruder mitgeteilt hat, daß beim Besuche eines Moskauer Militärspitals durchs den Zaren der Zufall es wollte, daß in allen Sälen die Verwundeten, die er ansprach, Juden waren, so daß er zuletzt den ihn begleitenden Offizier aufforderte, ihn doch in ein christliches Spital zu führen. Die russischen Generale haben gewiß nicht das Bedürfnis, im Lob der jüdischen Kriegstugenden zu übertreiben, und doch haben sie im japanischen sowie im gegenwärtigen Kriege viele Juden zu hohen Auszeichnungen vorgeschlagen. Keiner von ihnen behauptet, daß die jüdischen Soldaten den christlichen Kameraden irgendwelcher Nationalität nachständen. Nur in e i n e m Punkte unterscheiden sich die jüdischen Soldaten von ihren russischen Mitkämpfern: sie plündern nicht und stehlen nicht im Feindesland; daß sie keine Grausamkeiten verüben, ist selbstverständlich. Bei uns haben sich die Juden im Heere, sowohl die Mannschaften als die Offiziere, von denen es -einige in hohen Stellungen gibt, die volle Achtung und die herzliche Anerkennung der Heeresverwaltung in einein so hohen Grade erworben, wie man es nicht zu hoffen gewagt hätte. Die galizischen Juden allein haben ungefähr 80000 Soldaten ins Feld geschickt. Sie bilden im Unteroffizierskorps ein ungemein nützliches, mitunter sogar unentbehrliches Clement; sie stellen auch viele Reserveoffiziere, vom Kadetten aufwärts. Mehrere haben hohe und höchste Kriegsdekorationen erhalten; junge jüdische Offiziere aus Lemberg, Stanislau und Tarnopol habeni vor Lüttichs Namur, Maubeuge und in Ostpreußen die österreichischen Motorbatterien kommandiert; die jüdischen Kadetten werden mit Vorliebe zum Ordonnanzdienst und ähnlichen Leistungen verwendet, die Kaltblütigkeit, Entschlossenheit, Findigkeit, erhöhte Wachsamkeit, unbedingte Vertrauenswürdigkeit erheischen. Bevor Olga v. Nowikow sich der auf die Einkreisung Deutschlands und der Donaumonarchie abziclenden Politik in die Arme geworfen, veröffentlichte sie eine kleine Schrift über die Unsterblichkeitskehre nach der Bibel (Weimar 1873). Interessant ist die Geschichte dieser Broschüre. Sie teilte mir sie in dein Begleitschreiben zu derselben mit: „J’ai fait ce petit travail avec le Comte Alexandre Keyserling (l’ami du Prince Bismarck et curateur de l’universite de Dorpat), mais il nc voulait pas en courir la responsabilite — aussi j’ai tout pris sur moi — la publication, la circulation et la responsabilite.“ Die Schrift sucht nachzuweisen, daß das Alte Testament die Unsterblichkeit nicht kennt, das materielle Wohlergehen mithin

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