Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
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293 gewisse Eigentünrlichkeiten des Stils, daß sich hinter dem Schleier des Geheimnisses Lord Salisbury verberge. Andere wieder glaubten steif und fest, der Artikel sei vom Fürsten Gortschakow selbst inspiriert. Indem die Nowikow die Engländer für eine Allianz mit Rußland einzunehmen suchte, ward sie nicht müde, ihrem Daterlande die Palme der Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit zu reichen. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir uns bemühen, den Nachweis dafür zu erbringen, daß der Preis auf den Altruismus des heiligen Rußland vor dem Forum der Weltgeschichte nicht standhält. Diese zeigt uns zur Evidenz, daß Rußland beileibe nicht in seiner religiösen und völkerbefreienden Mission aufgeht, sondern sehr weltliche Gelüste hat. Objektivität ist also nicht gerade die starke Seite der Frau v. Nowikow. Ihre Bewunderung für Rußland ist überschwenglich. Es rächt sich eben an ihr, daß Katkow und Aksakow ihre Lehrmeister waren. Nichts weniger als objektiv ist auch ihr Urteil über die Juden und das Judentum. Sie bricht über sie in den in den „Times" veröffentlichten Protestbriefen gegen das zugunsten der grausam verfolgten russischen Juden veranstaltete Guildhall-Meeting den Stab, weil der Gott des Alten 'Testamentes ein Gott der Rache ist, weil sich die schreckliche lex talionis wie ein roter Faden durch Dasselbe zieht. Statt mich in eine — übrigens schon gründlich besorgte — Entkräftung dieser uralten Anklage einzülassen, möchte ich bemerken, daß sie sich als fromme Christin geriert und nicht einmal den Ausspruch Jesu kennt, daß das Heil von den Juden herkommt. Sie hätte von unserem vielverheißenden, leider allzufrüh verblichenen Kronprinzen Rudolf lernen können, der sich 1880 in seiner „Orientreise" sehr sinnig vernehmen ließ: „Besondere Gefühle haben sich meiner bemächtigt, als ich die Erde des Heiligen Landes betrat. Bor allem kamen mir die heiligen Erinnerungen an die geordnete Macht des Judenreiches und an den weisen König Salomo; hier lebte einst Abraham, der Stammvater des edlen jüdischen Volkes. Die Zeiten haben sich seitdem geändert, die Religionen wechselten in ihren Formen, und aus den alten Stämmen hat sich nur ein Stamm rein erhalten, der die reine Lehre seines Gottes verbreitete. Das Volk, das auSerwahlte Volk der Juden, es hat Heimat und Staatsgewalt verloren; aber der jüdische Stamm ist unsterblich sowie sein Glaube, den er unverfälscht erhält, und ist in alle Länder der Erde verteilt. Der scharfe Geist des Morgenlandes bleibt den Juden erhalten, und mit diesem seinem scharfen Geiste durchkämpfte sich der Jude immer durch alle Verfolgungen. Die Christen in Europa haben den Juden alles genommen, sie nach allen Richtungen getrieben und zerstreut; doch die Juden auszurotten, waren sie nicht vermögend, und so lebt das alte, vielgeprüfte Volk noch heute und hat Anspruch aus die Gerechtigkeit der Weltgeschichte. Selbst das Christentum ist ja auch nur eine Fortsetzung der alten morgenländischen Religion." Die Nowikow spielt auch ihren grimmen Feind, den „alten Juden" Lord Beaconsfield, gegen die Juden aus, indem sie sagt: „Wenn ein Mann von seiner Urteilskraft den Glauben, in dem er geboren wurde, aufgab, mußte er sicherlich seine guten Gründe dafür haben." Und als der Herzog von Westminster, der ihre Proteste gegen die Protestversammlung in einem Briefe an die „Times" energisch zurückwies, sie darauf aufmerksam machte, daß Disraeli im Knabenalter getauft wurde, gebrauchte sie die Ausflucht: „Ich spielte weniger auf seine Taufe an, als aus seine ausgesprochenen Sympathien für die christliche Kirche." Diese schließen jedoch nicht aus, daß er in den verschiedensten Phasen seines Lebens der Lobredner des jüdischen Volkes war. Kaum hat ein Jude in solchen begeisterten Worten und in solcher glühenden Rede die Hoheit der jüdischen Ethik und die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Volkes geschildert, wie dieser politische Führer der stolzen englischen Aristokratie und dieser mächtige Minister des großbritannischen Reiches. Er wies den Juden den ersten Rang in der Stufenleiter der Rassen und Stämme an und begnügte sich nicht bloß, ihre Vergangenheit zu verherrlichen, sondern er erkannte ihnen auch eine entscheidende Rolle in der Zukunst der Menschheit zu. Einen weiteren Grundton in seinen vielfachen Aeußerungen über das Judentum bildet der Gedanke, daß „Christianity is Judaism kor the multitude, but still it is Judaism“. Dieses popularisierte Judentum führt in der Form des Christentums das ethische Zepter über die zivilisierten Nationen der Alten und der Neuen Welt und zwingt sie, einem Sohne Judas göttliche Verehrung zu zollen; denn die christliche Moral ist mit der jüdischen identisch. „Die Männer," eine jüdische Dame in dem Romane „Tancced" argnmentieren, „welche heutzutage von der Moral des Evangeliums als von einer besonderen, durch neue Offenbarung entstandenen Sittenlehre sprechen, würden wohl daran tun, zu begreifen, welche gefährlichen Jrrtümer sie verbreiten. Es können nicht zwei Sittenlehren existieren, und die Behauptung, daß die zweite Person der heiligen Dreieinigkeit eine Moral hätte lehren können, die von der verschieden war, welche schon von der ersten Person offenbart worden, ist ein so entsetzliches Dogma, daß man es vielleicht als die unaussprechlichste Sünde gegen den heiligen Geist, betrachten kann. Als der Schriftgelehrte Jesns in Versuchung führte und ihn fragte, was er tun solle, um das ewige Leben zu gewinnen, verwies der große Meister Galiläas ihn auf die Bücher MoseS; da würde er Arifklärung über alle feine Pflichten finden." Diese Anschauungen entivickelt Disraeli aber nicht nur unter fremder Maske in seinen Dichtungen, sondern auch mit offenem Visier als Mann der hohen Politik Seminardirektor Gombrich. (Nachträglich zur Feier seines 70. Geburtstages.) läßt er