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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-23 · Heft 25 (23.6.1916) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 25 (23.6.1916)
Date
1916-06-23
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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eine Gewaltmaßregel gegen Rumänien und als ein Versuch betrachtet, auch diesen Staat in den Krieg hineinzuziehen; nun hat es sich herausgestellt, daß seitens der geographieunkundigen Russen ein Versehen vorlag, das durch Zurücknahme der Truppen gutgemacht wurde. So kann Rumänien einstweilen seine Neutralität bewahren. Ebenso Griechenland, das aber in weit üblerer Lage ist als Rumänien. Konnte es sich auch dem Andringen der verbündeten Mächte entziehen, ofsen auf ihre Seite zu treten und gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, so mußte es, dem Druck der Blockade nachgebend, zu dem ihm gewiß schwer gewordenen Entschlüsse schreiten, seine Armee und seine Marine zu demobilisieren. Man sieht dies in gewisser Weise als eine Niederlage der Ententemächte an, weil es ihnen nicht gelungen ist, Griechenland vollständig für sich zu gewinnen. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß durch diesen erzwungenen Schritt Griechenland endgültig in der Hand der wider uns verbündeten Gegner ist. Denn sie haben mm die griechische Macht nicht mehr zu fürchten und können, wenn es ihnen beliebt, in den planmäßigen Knebelungsversuchen, die ihnen eigen sind, über das unglückliche Land herfallen. Im Zusammenhang mit den Kriegsereignifsen steht der Sturz des Ministeriums Salandra in Italien. Diesen Kriegshetzer und verräterischen Gesellen hat das verdiente Schicksal getroffen. Der unglückselige Ausgang der italienischen Angriffe, der Einmarsch der Oesterreicher in Italien hat in der italienischen Kammer einen Sturm nicht gegen die Heeresleitung, die doch meist an dem Verhängnis schuld ist, sondern gegen das Ministerium heraufbeschworen, dem man die eigentliche Verantwortung zuschreibt. Für uns ist es im Grunde gleichgültig, da Herr Sonnino, der zweite Haupträdelsführer, Minister des Auswärtigen bleibt, wie die neuen Männer heißen, denen Italiens Geschick anvertraut wird. Als Leiter des Ministeriums wird Boselli genannt, neben ihm Bissolati. Man spricht davon, daß der letztere als Bedingung gestellt hat, der Krieg gegen Deutschland müsse erklärt werden. Bisher ist eine solche Kriegserklärung noch nicht erfolgt. Man kann jedoch sagen, daß sich auch durch die neuen Männer das Wesen der italienischen Politik nicht ändern wird, daß sie die ehrgeizigen Pläne ihrer Vorgänger nicht im mindesten aufgegeben haben, und daß sie ebensowenig wie jene geneigt sind, einen Separatfrieden abzuschließen. Freilich hat sich auch die Hoffnung, die in Italien mannigfach verbreitet war, daß durch die russische Offensive die Kraft ihrer österreichischen Gegner geschwächt und deren Angriff erlahmt sei, nicht verwirklicht. Gerade in den letzten Tagen sind vielmehr manche erfolgreichen Vorstöße der Oesterreicher geschehen und Versuche der Italiener, die verlorenen Positionen wiederzugewinnen, abgewiesen worden, so daß die Befürchtungen in Italien ebenso groß sind wie früher und die Eroberungen, von denen sie träumten, in sehr weite Ferne gerückt sind. In Amerika werden die Nominierungen der Präsidentschaftskandidaten fortgesetzt. Daß Herr Wilson aufs neue die Leitung der Vereinigten Staaten erhält, ist, wenn auch ein Teil der demokratischen Partei an ihn: festhält, höchst zweifelhaft; Roosevelt, der Berliner Ehrendoktor, dem Deutschland noch vor wenigen Jahren einen unverdienten Triumph bereitete, ist unterlegen; Herr Hughes ist von einer großen Mehrheit als Kandidat ausgestellt, hat, wie man hört, auch die Unterstützung des unterlegenen Herrn Roosevelt gefunden und erscheint gegenwärtig als der aussichtsreichste Kandidat. Da auch die Deutschamerikaner ihm zustimmen, so ist Hoffnung vorhanden, daß, wenn wirklich seine Wahl im November erfolgt, damit kein Deutschenfeind ans Ruder kommt; von einigen amerikanischen Blättern wird diese Nominierung geradezu als ein Triumph Deutschlands gefeiert, und die Wirt mancher englischen Zeitungen läßt daraus schließen, daß sie in dieser Kandidatur eine Niederlage für sich betrachten. * Aus den neuesten Berichten des Herrn Rabbiner Dr. Ba eck, die wie allmonatlich von dem „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde", Berlin, veröffentlicht werden, die ebenso wie die aus den früheren Berichten herausgehobenen Stellen eigenartige und sinnige Betrachtungen enthalten und zum Selbstdenken anregen, sei folgender Passus mitgeteilt: Die neuere Geschichtsloisscnschaft legt einen Wert auf den Einfluß, den die Umgebung aus das Wachstum und die Gestaltung des Charakters ausübt. Auch -die Juden Rußlands haben unzweifelhaft ihn erfahren. Die wirtschaftlichen und ganz besonders die staatlichen Verhältnisse in diesem Lande, in welchem einer seiner echtesten Dichter erklärte, daß der Staat nur unrecht hm kann, haben dem Handeln und Schassen des einzelnen oft eine bestimmte Richtung gegeben. Und da der Weg, den einer geht, allmählich auf sein Denken auch einwirkt, so ist auch dieses nicht selten mitbestimmt worden. Während bei uns der gerade Weg zum Ziele führt, ist in Rußland leider mtr zu häufig der krumme Pfad der kürzeste, er ist gegenüber den gebietenden Mächten, zumal für den Armen und Geringen, nur zu oft der einzige, der offen bleibt: der gerade Schritt ist hier so manchmal nicht der vergebliche nur, sondern der gefährliche und verhängnisvolle. Der russische Staat, wie er zumal in den letzten Jahrzehnten geworden ist, stellt sich als ein Gebiet gewundener Wege dar; sie haben zum gewundenen Denken oft geführt. Hierin liegt Grund und Schuld für so manche unerquickliche Erscheinung. Die jüdische Bevölkerung hat, wie gesagt, das erfahren: aber ihr ist etwas doch auch gegeben, wodurch sie sich jenes Einflusses erwehren kann. Die Fähigkeit innerlichen Widerstandes liegt in dem Bewußtsein von der eigenen Art, in dem religiösen Selbstgefühl. Je stärker dieses ist, je mehr es nicht nur im verschwimmenden Empfinden wohnt, sondern in der klaren Einsicht, die den Willen bestimmt, desto sicherer ist der Schutz gegen jene verhängnisvolle Einwirkung der äußeren Verhältnisse. Dieses Selbstgefühl bildet einen starken Wall um die Gesamtheit, so daß jeder einzelne darin geborgen sein kann. Aber auch er selbst trügt etwas in sich als sein besonderes seelisches Besitztum, oder was dasselbe ist, als seinen Stolz, in welchen: er an sich festhalten kann, um das Fremde abzuweisen. Es ist seine Gewißheit, daß er seine Stelle hat, die ihm gehört, sein Heim, in welchem er waltet und wohnt, so daß er, wie der alte Ausdruck lautet, ein „Baal Habajis", ein freier Mann in der Gemeinde ist. Es läßt sich kaum hoch genug einschätzen, was dieses Bewußtsein inmitten dieser Umgebung bedeuten kann. In einer Form offenbart es sich wohl nur bezeichnendsten. Derselbe Mann, der um geringen Gewinnes willen unrhergeht und mnherspürt und sich vielleicht beugt, um zu erwerben und zu gewinnen, richtet sich sofort auf, sowie man ihn in seinem Hause aufsucht: hier fühlt er sich als den „Baal Habajis", der den Fremden als seinen Gast empfängt. Aus dem, der erhaschen und verdienen wollte, wird nun alsgleich der, welcher gewähren und schenken will. Es hat oft etwas Rührendes, diese Wandlung zu beobachten, und erst sie läßt den Charakter ganz begreifen. Wenn so oft davon gesprochen wird, wie stark der Drang zr. erwerben, in diesen Menschen hervortrete, so sollte man doch nicht vergessen, daß ebenso stark die Fähigkeit zu geben hier ausgebildet ist. Der Vorzug, den die alten Römer als die beste Tugend des freien Mannes oft rühmten, die hbemlitas, d. h. eben -diese Fähigkeit, Herr über seine Habe zu bleiben, nicht nur zu erwerben, sondern auch geben zu können, dieser Vorzug ist diesen Menschen in hohem Maße eigen. Er gewährt dem, der sich oft beugen muß, eine Freiheit und lleberlegeuheit: er verleiht inmitten der Gefahren, mit denen die bestehenden Verhältnisse sich an den Charakter herandrängen, doch immer eine innere Würde. Der Mensch, der sie besitzt, hak ein Innerstes seiner Seele bewahrt. * Zwei sehr merkwürdige Notizen seien aus der „Weser- Zeitung" und aus der „Frankfurter Zeitung" hier wieder? gegeben: A b s ch i c b u n g j ü d i s ch e r F l ü ch t l i n g e. Nachdem England aus ben von Palästina nach Aegypten geflüchteter: Juden die Männer zum „Kampf für Freiheit und Kultur" allsgehoben mld aus ihnen eine besondere jüdische Legio n gebildet hatte, sind die ü b x i g e n Mitglieder dieser Familien n a ch Zypern abgeschobeu

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