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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-16 · Heft 24 (16.6.1916) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 24 (16.6.1916)
Date
1916-06-16
Page
Seite 288 (sequence 12)
Language
German
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Gebüsch hervortreten und auf Frau Torakow zuschreiten. Gabriels Unbehagen nahm zu. „Allergnädigste Frau Gräfin," flehte Malta, ein Bild bebender Unterwürfigkeit in ihrer ganzen Gestalt. Die Gräfin raffte eilig ihre Kleider zusammen, als scheue sie sich, etwas Unreines zu berühren. „Hinweg mit dir!" rief sie barsch. „Du kannst nicht mit uns fahren; du mußt warten, bis der Kahn zurückkommt!" „Ich will ja gar nicht mitfahren. Ich bin eine arme Näherin und möchte um etwas Arbeit bitten." „Und darum muht du mir hier auflauern? Eine solche Unverschämtheit ist mir noch nicht vorgekommen! Warum kommst du uicht ins Schloß?" Malta stand da, ein Bild stummer Verzweiflung. „Ich habe es schon oft versucht; aber ich habe doch kein Geld, um den Diener zu bestechen." „Ist das aber eine vorlaute Person! Was meinst du. Adele? Na, was hast du denn dort?" wendete sie sich wieder an Malka, auf das Päckchen in ihrer Hand deutend. „Einige Proben meiner Handarbeit. Wollen Eure Hoheit es nicht wenigstens ansehen?" Ohne eine Antwort abzuwarten, hatten ihre flinken Finger schon die Hüllen entfernt. „Wie doch diese Menschen einen belästigen und quälen," sprach die Gräfin resigniert. „Hoffentlich sind die Sachen sauber." Alma war näher getreten, um ebenfalls die Arbeit in Augenschein zu nehmen. „Haben Sie dieses wirklich selbst gemacht?" fragte sie erstaunt. Malta nickte nur, dem Mädchen mißtrauische Blicke zuwerfend. „Wunderbar!" rief Alma begeistert. „Und noch dazu bei dem groben Stoff, den das arme Geschöpf verwenden mußte. Sie scheint wirklich eine Künstlerin zu sein." „Ja, sehr hübsch," sprach auch Frau Torakow herablassend; „komm morgen ins Schloß, und ich werde dir Arbeit geben." Baruch tauchte die Ruderstange ins Wasser, und der schwerfällige Kahn setzte sich in Bewegung. Gabriel tvar das Herz schwer geworden, da er Baruchs versteinerten, rätselhaften Blick beobachtete, der zu sagen schien, daß das geringste Interesse, welches man diesen Menschen entgegenbringe, einem Verbrechen gleich zu achten sei. — Vielleicht belustigte er sich innerlich über den großen Betrug, den er diesen hohen Herrschaften gemeinsam mit seinem Freunde Gabriel spiele, mit Gabriel, der ja auch nichts anders sei als er selbst, der ebensooft gehungert, ebensooft die zerrissenen Schuhe sich selbst geflickt, den sie aber jetzt doch in ihrer Mitte dulden, dem sie dennoch gestatten, dieselbe Lust einzuatmen, die ihre aristokratischen Lungen füllt! Er wendete sich ab und sah, wie Karol eifrig im Gebüsch herumsuchte. „Haben Sie sie auch gesehen, Schmulikof?" fragte dieser aufgeregt. „Wen meinen Sie?" „Das prachtvolle Judenweib. Wo mag sie nur hingekommen sein? Haben Sie ihre Augen gesehen?" „Nein," war Gabriels kurze Antwort. „Das wundert mich; dabei hat sie doch die ganze Zeit nur Sie angeblitzt, daß man hätte schwören können, Sie seien ihr nicht fremd . . ." Gabriels Unbehagen nahm zu. Malkas Erscheinen war sicherlich nicht zufällig, darauf deutete ja schon Baruchs Ausspähen nach ihr. Doch welchen Zweck mochte sie dabei verfolgen? Warum will sie sich durch List Zutritt in dieses Haus verschaffen, wo er jetzt weilt? Er wünschte aufrichtig, daß l ihr Beweggrund tatsächlich kein anderer sein möchte, als sich Arbeit zu verschaffen. Seine Ausgabe war schon schwer genug, auch ohne die Komplikationen, die durch Malkas Spionieren entstehen könnten. Oder soll etwa sein inneres Fürchten eine Vorahnung sein, das ihn vor seinem eigenen Racheplan warnen wollte, da Verwicklungen sich einstellten, die er anfänglich gar nicht in Anschlag gebracht? — „Sie sehen heute gar nicht so brillant aus, Schmulikof," weckte ihn Karols geheucheltes Mitgefühl aus seinem Nachdenken; „aber es ist ja auch kein Wunder, bei diesem herrlichen Wetter sich in den Aktenstaub vergraben zu müssen. Mich freilich könnte diese Art Beschäftigung ganz und gar nicht locken." (Fortsetzung folgt.) Mcherrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Der Tod des Prinzen von Vitala. Drama von M. V a e r t i n g. Berlin ^-Zehlendorf, Hermann Kruder. Heinrich Sontheim. Ein Künstlerleben. Von Leo Adler. 1916. Verlag voll Carl Grüninger in Stuttgart. XLIII. Jahresbericht der Israelitischen Allianz zu Wien, erstattet an die XI.II. ordentliche Generalversammlung am 5. Juni 1916. Wieil 1916. Vertag der Jsralitischen Allianz zu Wien. Druck von Moritz Waizner öb Sohn, Wien IX, Kolingasse 11, Liechtensteinstraße 11. Heinrich Hannner. Traktat vom Samaritanermessias. Stlldieu zur Frage der Existenz und Abstammung Jesu. Bowl, Carl Georgi, Universitäts-Buchdruckerei lind Verlag, G. m. b. H. 1913. Trailerrede zur Einweihung des Grabdenkmals der jüdischrussischen Kriegsgefangenen am 1. Selichothtag des Jahres 5675 zu Schneidemühl, gehalten von Rabbiner I. Nobel, Schneidemühl. Frankfurt a. M., Verlag von I. Kaufsmann, 1916. Sprkchsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie rn-ir eine kurze Bemerkung, zu der redaktionellen Fußnote zn meinen: Artikel in Nr. 22: Der hebräische Stamm r o z a c h kann sowohl mit „ mord e n " als auch mit „töten" übersetzt werden. Es gibt sogar eine ganze Anzahl Vibelstellen, an denen nur die Uebersetzung „töten zulässig ist, so 5. B. M. 4,42: „Der Totschläger, der seinen Nächsten ohne Absicht tötet." Desgleichen daselbst 19, 4 und 6; ferner 4. B. Ni. 35, 6, 11 und 25 sowie Josua 20, 3, 5 und 6. An allen diesen Stellen wird die Vokabel rozacli angewandt, trotzdem sogar von u nvorsätzlicher Tötung die Rede ist. Elberfeld, 4. Juni 1916. DJHt vorzüglicher Hochachtung Rabbiner Dr. N o r d e n. Dieseln müssen wir entschieden widersprechen. Der hebräische Stamm „rozach" muß immer mit „morden" und darf nur m Ailsuahlnesällen mit „töten" übersetzt werden. Zil diesen gehören die von Herrn Rabbiner Dr. Norden -angeführten Stellen, in denen von einem Mord ohne Vorbedacht die R-ede ist, den die Bibel als Totschlag und den ihn Ausübenden als Totschläger bezeichnet. Aus diesen Stellen geht aber nicht hervor, daß „Lo tirzach" „Du sollst nicht töten" heißt. Wir verweisen aus Rabbi Samuel b e u M c i r, „N a s ch b a nt" genannt, und Moses Nt e n d e l s s o h u, die in ihren Erklärungen des sechsten Gebotes den Unterschied zwischen „morden" und „töten" stark betonen und „Lo tirzach" mit „Tn sollst nicht morden" wied-ergeben. Hätte der Verfasser mit seiner Uebersetzung recht, so wäre Moses, der Israel wiederholt in den Krieg geführt, der erste gewesen, der dieses Gebot übertreten hat. Der Krieg ist ein Unglück, aber das Töten im Kriege, das doch immer unter Zwang, aus Notwehr erfolgt, kann und darf nicht als eine Verletzung des sechsten Gebotes betrachtet werden. Die Redaktion. Lusgtz?u Or. 23, S. 276, Sp. 2, 2. 6. Das Vincenz-Lied ist im Verlag von L. Lamm, Berlin 0, Neue Friedrichstraße 61—63, erschienen.

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