Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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287 „Herr Schmulikof, haben Sie Erbarmen mit zwei alten Frauen und stützen Sie uns mit Ihrem starken Arm." Es war die Baronin, die ihm diese Worte zurief, als sie seine Absicht merkte, sich Alma anzuschließen. Die Worte klangen heiter, neckisch, aber es war auch eine gewisse Unruhe herauszuhören. Sie erachtete es als ihre Pflicht, ihren Freunden Kummer zu ersparen, der durch Schmulikofs Anwesenheit entstehen könnte. Sie war fest entschlossen, jedes Beisammensein dieser beiden jungen Leute pt verhindern. Allerdings hatte auch sie nicht den geringsten Zweifel, das; Karol Mannes genug sei, sich seiner Haut zu wehren; allein ein gelegentlicher hilfreicher Stotz konnte ihm durchaus nicht schaden. Jetzt war ihr dieses Vorhaben gelungen, und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen, als Alma und Karol sich zusammenfanden. „Nun, Herr Brummbär," sprach Alma, als Karol eine ganze Weile schweigend neben ihr herging. „Die Damen haben den Vortritt. Ich warte, bis du den Anfang machst," sprach er mürrisch. „Was erwartest du von mir?" fragte sie scharf. „Daß du mich aufforderst, euch zu begleiten." „Das hatte doch Mama schon getan und du lehntest es ab." „Wenn du es tust, werde ich es nicht ablehnen." „Ich gestehe dir offen, daß es nicht meine Absicht war." Mit einem leisen Zornruf wendete er sich von ihr. Sie aber hob beschwichtigend ihren Arm, und er verstummte. „Bitte, vielgeliebter Vetter, fasse die Sache nicht allzu tragisch auf. Du weißt doch, daß solche Einkäufe einen wesentlichen Bestandteil, ein großes Ereignis im Leben der Frauen bilden; aber es ist sehr peinlich, einen Mann neben sich zu haben, der hinter einem höflichen, aber gelangweilten Lächeln ein ungeduldiges Fluchen verbirgt. Das macht einen ganz nervös, und die ganze Freude wird einem dadurch zerstört." „Sehr klug gesprochen, Cousinchen," spöttelte er; „ich finde, daß du in den letzten Tagen sehr klug geworden bist." „Seit wann hast du es herausgefunden?" „Eigentlich erst seit heute, als du mich zur Fähre schicken wolltest, damit ich dir nicht im Wege bin." Ohne ein Wort zu sprechen, wendete sie sich von ihm und ließ ihn allein gehen. Er war bald wieder an ihrer Seite. „Natürlich kenne ich auch den Grund, warum du jetzt meine Begleitung ablehnst," beharrte er weiter in seinen Vorwürfen; „weil Schmulikof auch nicht dabei ist." Sie blickte ihn mit weitgeöffneten Augen erstaunt an. „Wäre er mitgekommen, dann wärest du freilich gezwungen, auch meine Begleitung zu dulden, um keine unliebsamen Bemerkungen herauszufordern. Da er also nicht kann, so darf ich auch nicht," schloß er schadenfroh. Ihre Antwort bestand darin, daß sie ihre Schritte beschleunigte, um die anderen einzuholen und das Alleinsein mit Karol abzubrechen. Doch zur rechten Zeit ergriff er ihren Arm und hielt sie fest. „Nein, sortlaufen sollst du mir nicht," sprach er hämisch; „wenigstens nicht eher, bis ich -dir alles gesagt habe. Siehst du, Cousinchen, trotz deiner Superklugheit bist du doch etwas ungeschickt zu Werke gegangen. Du hättest dein Interesse für Schmulikof besser unter Verschluß halten sollen. — Uebrigens, sage mir nur, Alma," er versuchte einen väterlich-morakisierenden Ton anzuschlagen, „was ist aus deinem Mädchenstolz geworden, wenn du dich mit einem solchen Menschen auf gleiche Stufe stellst? Ich weiß auch gar nicht, wie ein solcher hergelaufener Federfuchser sich für einen Edelmann halten kann und sich mit uns an denselben Tisch setzen darf? Für dich scheint er allerdings noch gut genug zu sein! Schämen solltest du dich, du, eine Komtesse Torakow!" Mit einem energischen Ruck hatte sie ihren Arm befreit und sprach ganz gelassen: „Bist du jetzt fertig?" „Ja, wenn bit versprichst. . ." „Dann verbiete ich dir, noch ein weiteres Wort mit mir zu sprechen." Er sah sie wie ein begossener Pudel an. Das hatte er nicht erwartet. „Aber nein," besann sie sich wieder; „so weit will ich es doch nicht treiben, da es Fragen veranlassen könnte, die mich zwingen würden, deine Dummheiten, deine Beleidungen zu erzählen. Doch merke es -dir, sollte sich dieses wiederholen, dann werde ich allerdings Mama bitten, deine Sachen packen zu lassen." Jetzt kam seine feige Natur zum Vorschein. Er mußte ein paarmal nach Lust schnappen, ehe er wieder sprechen konnte. „Aber, Alma, sei doch nicht gleich so ausgebracht," jammerte er demütig. „Auf Ehre und Gewissen, ich wollte dich gar nicht beleidigen; oder glaubst du, daß es mir Vergnügen macht, so unfreundlich mit dir sprechen zu müssen? Du weißt ganz gut, daß ich lieber sterben, als -dir wehtun könnte. Nun aber, sei wieder gut, Alma." Sie nickte schweigend, ohne aber seinen Arm wieder zu nehmen. „Die ersten paar Tage nach meiner Ankunft," fuhr er weiter fort, „da war es Karol hinten und Karol vorn; hin und wieder durfte ich dir sogar auch einen Kuß geben. Jetzt aber scheinst du für mich die Parole ausgegeben zu haben: Drei Schritte vom Leibe!" „Ich habe dich als Vetter heute noch so gern wie sonst," ernüchterte sie ihn mit ihrer Erwiderung; „aber in Zukunft kannst du dir mein Wohlwollen nur erhalten, wenn du zwei Bedingungen erfüllst." „Tausend, wenn du befiehlst," rief er mit Ekstase. „Erstens," sie zögerte eine halbe Sekunde, „erstens darfst du nie mehr so gehässig von Herrn Schmulikof sprechen. Abgesehen von allem anderen, ist er unser Gast, und wir haben die Pflicht, freundlich gegen ihn zu sein." „Gewiß, gewiß," widersprach er sich in seiner kriechenden Unterwürfigkeit; „er ist ja allch ein ganz netter Mensch." „Und zweitens," fuhr sie unbeirrt fort, während ein feines Lächeln ihre Lippen umspielte, „zweitens darfst du nie mehr von deiner Liebe zu mir sprechen." Bestürzt trat er einen Schritt zurück. „Ich soll dir nie mehr von meiner Liebe sprechen! Ich denke doch . . ." „Du darfst auch gar nicht denken, es macht dich ganz häßlich und kleidet dich nicht ein bißchen. -- Ah, da sind wir ja schon am Wasser." Wie ein Fisch auf dein Sande, so klappte auch Karol seinen Mund auf und zu, ohne einen Laut hervvrbringen zu können. Aber das hinderte ihn doch nicht, gerade das zu tun, was sie ihm soeben verboten: zu denken. Und, merkwürdig, es ist gar nicht wahr, daß das Denken so unangenehm ist. Jur Gegenteil, je länger er nachdachte, desto fröhlicher und leichter wurde sein Gemüt, und je mehr seine Gedanken zu einer festen Gestalt sich formten, desto lustiger und behaglicher wurde ihm zumute. Als alle bei der Fähre zusammen waren, betrachtete er Schmulikof mit einer Entschlossenheit, wie er sich eine solche nie zugetraut hätte. Baruch lehnte trotzig und knechtisch zugleich ans seiner Ruderstange, bis seine erlauchten Gäste eingestiegen waren. Gabriel wußte nicht, ob Baruch ihn überhaupt bemerkt hatte, da er seine Blicke verstohlen und anhaltend auf das nahe Gebüsch am Ufer gerichtet hielt. Wen mag er nur erwarten? Schmulikof folgte seinem Blick und er sah Malta aus dem