Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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*286 viele (was ihren Ausführungen besonderen Wert gibt) die berufenen und anerkannten Wortführer ihrer Parteien. Keiner sucht das Heil in einer Uebertünchung der Gegensätze; jeder vertritt seine Weltanschauung, seine Interessen, seine Pläne für die Zukunft. Jeder sucht aber auch das Wesen und die Ziele der anderen zu verstehen, wird sich des allen Gemeinsamen bewußt und strebt danach, dieses Bewußtsein von der Zusammengehörigkeit aller Deutschen zu verschärfen; einen faulen Burgfrieden umzuwandeln in einen dauernden Volksfrieden." Hermann Cohen spricht zuerst von der Rasseneinheit und Bodenbeständigkeit, legt dann dar, daß der reine Monotheismus zuerst vom Judentume in seiner Kraft und Bedeutung in die Welt gebracht worden sei, und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß das Streben der Juden für die Ehre des deutschen Namens in Zukunft allgemein erkannt werden würde. Seine lichtvollen, begeisternden Ausführungen schließt der trotz seines hohen Alters jugendlich denkende Verfasser mit folgenden Sätzen: „Wir deutsche Juden sind in der besonders günstigen Lage, daß wir die großen Verdienste des deutschen Geistes um das geistige Leben der Juden, und zwar auch um deren religiösen Geist und um die Wissenschaft des Judentums erkennen, als eine unbestreitbare historische Tatsache erkennen dürfen: wie von den deutschen Juden aus die Juden aller modernen Völker in ihren religiösen Ideen, ihrem Kultus und ihrem Anteil an der Wissenschaft des Judentums fast einzig und allein beeinflußt worden sind. Und was unser eigenes Seelenleben betrifft, so hat sich uns die innigste religiöse Gemeinschaft in der Uebereinstimmung ausgetan, die zwischen dem jüdischen. Messianismus und dem deutschen Humanismus besteht. Daher ist unser deutsches Staats- und Volksgesühl uns gleichsam religiös verklärt und bestätigt; unsere Seele schwingt ebenmäßig und harmonisch in unserem deutschen Patriotismus und in unserem religiösen Bewußtsein, welches in dem einzigen Gott der einen Menschheit ihre Wurzel und ihren Gipfel hat. Ter angebliche jüdische Partikularismus ist, sofern man von allgemeinen Beweggründen des Mitleids und der Wohltätigkeit bei Verfolgung von Glaubensgenossen absieht, eingeschränkt lediglich auf die Pflicht der Erhaltung des Glaubens. Diese aber kann aus den höheren Gesichtspunkten der Religion, wie der Gerechtigkeit und der Humanität, nur als eine allgemeine Kulturpflicht gewürdigt werden. Wir atmen, wir denken und dichten, arbeiten und schaffen unter dem Schutze und unter der Leitung des deutschen Geistes. Seine Ehre, seine unaufhörliche Verjüngung, seine unendliche Auswirkung ist die Losung unserer Arbeit. Wir gehen, unbeirrt von aller Unbill, unseren geraden deutschen Weg. Es darf uns verdrießen, aber es kann uns nicht irremachen an der Natürlichkeit unseres Strebens, wenn bei den Unvollkommenheiten und Zufälligkeiten des täglichen Daseins mit seinen unvermeidlichen Reibungen noch immer unsere Aufrichtigkeit angezweifelt und unsere Tüchtigkeit bemängelt wird. Es darf uns auch nicht stören, wenn wir bei traulichem Zusammenleben doch immer noch Mißtrauen und Mißverständnis unserer alten Eigenart bemerken müssen. Solche Erlebnisse mahnen uns nur immer mehr zum Ausharren in der gewissenhaften Belauschung des Volksgemütes in seiner Eigenart. Aber solche unvermeidliche Zwischenfälle dürfen nicht von der Bahn der Gerechtigkeit und der Humanität, nicht von der Bahn der nationalen Eintracht und Zuversicht, von der' Hoffnung und Begeisterung für die Entwicklung des deutschen Geistes zu den höchsten Zielen menschlicher Sittlichkeit ablenken. Für die Klarheit und Sicherheit dieser deutschen Sittlichkeit in Religion und Staat muß es endlich aber auch eingesehen werden, daß nichts gefährlicher und verderblicher für ein Volk auch im politischen Sinne ist, als wenn es Vorsehung spielen will. Keinem Volke steht es zu, über das Lebensrecht eines anderen Volkes oder einer anderen Nationalität aus politischem Egoismus, und sei dieser selbst politischer Fernblick, zu entscheiden. Und was von Staats wegen dem Volke verboten ist, das verbietet ihm auch wahrhafte Religiosität. Ohnehin ist der Fortbestand der Juden vielleicht das singulärste Phänomen der gesamten Weltgeschichte. Wenn anders nun Demut auch eine geschichtliche Tugend ist, so dürfte sie nirgend mehr angebracht sein als vor diesen Trümmern einerewigen Vergangenheit, die vielmehr bei Leben geblieben sind und in einer unbestreitbaren kulturellen Wirksamkeit. Es hat niemals an deutschen Menschen gefehlt, die ihre deutschen Juden liebgehabt und ihnen vertraut haben. Vielleicht — wer kann den Lauf der Weltgeschichte ermessen — wird es einmal nicht zu den geringsten Kronen des deutschen Wesens gezählt werden, daß es seinen Juden nicht nur Schutzrechte und Bürgerrechte verliehen, sondern daß es ihnen auch Anteil am deutschen Geiste, an der deutschen Wissenschaft und Kunst, am deutschen Schaffen auf allen Gebieten, daß es ihnen für ihre Religion selbst, und zwar zum Heil der ganzen Welt, innerlichste Förderung erteilt; daß es, in dieser Tiefe vielleicht allein unter allen modernen Völkern, zwischen diesen beiden Volksgeistern eine Harmonisierung angebahnt hat, für die freilich die Hauptschuld der Dankbarkeit dem Juden zufällt. Wenn aber die Grundlinien unserer Betrachtung nicht gänzlich der Nichtigkeit ermangeln, so hat sich der deutsche Geist und das deutsche Volk in der Fürsorge für die Juden zugleich verdient gemacht um die Entwicklung der Religion." Wir hoffen, daß diese lebhaften Erörterungen, die uns ganz aus der Seele gesprochen sind, in weitesten Kreisen Gehör finden und auf die Zukunft unseres Vaterlandes einen heilsamen Einfluß üben werden, und wünschen dem Buche, das zum Frieden und zur Einheit in unserem Vaterlande mahnen soll, die ernsteste Beachtung und die weiteste Verbreitung. L. G. puge um pugr. Russischer Sozialroman von M. P u l v e r m a n n. (Fortsetzung.) X. ‘""W ls Schmulikof das Halis betrat, kamen ihm die Damen entgegen, die sich zur Fahre begeben wollten. Karol, die Hände in den Hosentaschen vergraben, schleuderte mürrisch und verdrossen nebenher. Schmulikof grüßte und wollte lveitergehen, als Frau Torakow ihn ansprach. „Der Herr Präsekt ruht noch in Morpheus' Armen," sagte sie lächelnd, „und Ihnen bleibt daher noch Zeit genug, um uns zur Fähre zll begleiten." Schmulikof konnte diese liebenswürdige Aufforderung nicht ablehnen, obwohl es ihm sehr peinlich war, sich mit dieser Gesellschaft vor Baruch zu zeigen. Es war ihm peinlich, dem Freunde Veranlassung zu geben, Vergleiche ihrer beiderseitigen Lebensschicksale anzustellen. Schmulikof wußte, daß Baruch trotz seiner eisernen Fesseln, die er seiner Seele angelegt, dennoch bei der leisesten Berührung zu vibrieren begann. Baruch war doch auch weiter nichts als ein Mensch. — Schmulikof suhlte sich sehr unbehaglich, und nur das Bewußtsein, daß er wieder Gelegenheit haben werde, sich mit Alma zu unterhalten, vermochte ihn ein wenig zu trösten. Aber auch dieses sollte vereitelt, auch darin sollte er enttäuscht werden.