Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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285 kühnem Griffe die Liste und enteilte, bebend vor Schreck, nach seiner j Stube. Und seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. Es waren die! Namen der angesehensten und fecften Männer der Gemeinde, die er in der Liste fand. Da gewahrte er, das; ein Stück des Blattes in der : Hand des Engels zurückgeblieben mar. Nach wenigen Tagen ereilte ihn selbst -der Tod — sein Name mar der letzte in der Liste gewesen, den er dem Engel nicht mehr entreißen konnte ... - Mit -dem Tode des greisen Rabbi beschäftigt sich auch die , Jage, die der Künstler des Bildwerkes, Herr Prof. Salounh j in Prag seiner Gruppe zugrunde gelegt hat:! Löw wurde uralt. Seine kabbalistische Gemalt meisterte stets > den Tod, so oft er sich ihm nahen wollte. Da ersann dieser eine! List. Er verkroch sich in eine dunkelrvte, prachtvolle Rose, die des i Rabbi Lieblingsenkeltochter ihrem Ahnen überreicht. Halb freund-! lich, halb abweh r« nd-zöge r nd, empfängt der Greis die Blume; sie bringt ihm den Tod . . . Diese Szene hat Saloun in gewohnter Meisterschaft festgehalten. Zu den Füßen des Greises lauert stieren Auges und in scheuer Haltung ein Hund. Er ist nach des -Künstlers Auffassung als Symbol des geknechteten, stets wachsamen Ghetiosudentums anzusehen, das in den Falten des Rabbi gleichsam Schutz sucht. Das Wirken Löws fällt in die Epoche des „silbernen Zeitalters Böhmens". Nicht nur die bildenden Künste, auch das Goldschmiede- und sonstige Kunsthandwerk erfreuten sich an dem Hofe des d e u t s ch e n K a i s -e r s und Böhmenkönigs Rudolf II. besonderer Blüte; hier wirkten Kepler, Tycho de Brahe u. v. a. Daneben wucherten Alchimie, Astrologie und allerlei Geheimwissenfchaft. Löws Ruf als Kabbalist veranlaßte den Kaiser, ihn zu einer längeren Audienz zu laden, die am 23. Februar 1592 gewährt wurde. Daß diese für damalige Zeit unerhörte Auszeichnung den Nimbus Löws ins Ungeheuerlichste steigerte, wird nicht weiter verwundern können. Auch bei der späteren Ernennung Löws zum Prager Oberrabbiner soll der Kaiser persönlich Einfluß geübt haben. Als im Jahre 1590 die Posener Synagoge abbrannteh, sandte der Primator der Prager Judengemeinde, der Hofbankier Marcus Meysel, 10 000 Taler zum Wiederaufbau. Man dürfte nicht fehlgehen, wenn man diese Zuwendung dein Einflüsse Löws zuschreibt, der seinen Gönner Meysel auch wiederholt zu h Der Bildhauer, der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern Böhmens gezählt werden kann, ist auch der Urheber des in Aufstellung befindlichen Denkmals für Johannes Hus in Prag. Die ausgesprochen slawische Note seiner Arbeiten ist auch an dem Löw-Denkmal sestzustellen. h lieber diese und die gleichfalls bisher nicht veröffentlichte Meysel- Synagoge zu Prag vgl. die Arbeit des Vers.: „Deutsche, böhm. u. poln. Synagogentypen v. II. bis 18. Jahrh." Berlin 1915. verschiedenen sozialen Maßnahmen für das Prager Ghetto veranlaßt hat. Auf dem alten Judenfriedhof zu Prag liegt der hohe Rabbi zur ewigen Ruhe gebettet. Ein eigenartiger Sarkophag in Form eines kleinen Häuschens, in dessen Giebeln die Inschriften eingemeißelt sind und wie er nur den hervorragenden Personen des Ghetto genehmigt wurde, birgt seine irdischen Reste. Dreiunddreißig Jünger umgaben ihn; sie alle wollten ihm auch nach dem Tode nahe sein, und im dichten Gedränge dieser kleineren Steine wird das überragende Grabmal des Rabbi schier erdrückt. Der alte Friedhof mit seinen 22 000 Inschriften ist wegen seines hohen malerischen Reizes von allen Fremden besucht. Mit dem prächtigen Denkmale Löws sind die historischen Denkwürdigkeiten Prags sowie dessen Kunstwerke vermehrt worden. Judentum und Deutschtum. emnächst erscheint in der angesehenen Verlags- Handlung von S. Hirzel 31t Leipzig ein Buch unter folgendem Titel: „B 0 m i rt nere n F r i e d e n b e s d c lt t s ch c n Volk c s. Ein Buch gegenseitigen Verstehens mtb Vertrauens, herallsgegeben von Friedrich Thimme. I. Friede unter den Weltanschauungen. II. Friede unter den Konfessionen. III. Friede unter den Klassen. I V. Fried e unter den politischen Parteien. V. Friede unter den Nationalitäten." An diesem Werke haben viele der ersten deutschen Schriftsteller mitgearbeitet. Unter den Beitragenden befindet sich auch unser Hermann Cohen. Sein Aufsatz ist mir von der Verlagshandlung in Allshängebogen Ungeschickt worden. Ich gebe daraus im folgenden einen kurzen Auszug und den Schluß. Ueber den Charakter des Werkes sagt der Prospekt der Verla gshandlung folgendes: „Seid einig, einig, einig! Das ist die stärkste Lehre, die der Weltkrieg uns gegeben hat; und doch haben Meinungsverschiedenheiten über Kriegs- und Friedensfragen schon eine so große Spannung in den Burgfrieden gebracht, daß viele sich besorgt sragen, ob wir unsere Einigkeit auch über den Krieg hinaus bewahren können. Um die Gefahr einer neuen inneren Spaltung abzuwenden, müssen alle geistigen Kräfte des dentschen Volkes zusammengefaßt werden. Keine Partei, Gruppe oder Glaubensgemeinschaft hat ihre Mitarbeit versagt. Katholik, Protestant und Freigeist, Elsässer, Pole und Jude, Staatsbeamter und Arbeiterführer, Unternehmer und Landmann haben sich vereint zu sachlicher Aussprache über alle geistigen und wirtschaftlichen Fragen. Unter den vierzig Mitarbeitern: bedeutenden Geistlichen, Gelehrten, Parlamentariern unb Männern des Wirtschaftslebens, sind MPSSll KAM Aus Jeräbek: „Dev alte Prager Iudenfriedhof. WEM LMM MAE