Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Spannung wächst, rollt sich die Handlung ab, und jegliche Figur steht voll Leben vor uns; jede Rede, jede Tat ist innerlich Psychologisch begründet. Das Ganze erweist sich als ein mit flammender Sprache redendes Zeugnis von -der Planvollen Leitung der Menschengeschicke durch Gott, wie er, hoch über den Gedanken der Menschen thronend, ihre Schicksale lenkt und sie, oft wider ihren Willen, in den Dienst seines Heilsplanes nimmt. Er bewahrt in seiner Liebe die Schwachen, die Sünde in ihrem Herzen tragen, vor dem schlimmsten, verhängnisvollen Schritt, läßt sie nicht völlig ungestraft, weil die Gesinnung schon die Sünde ist und nicht erst die Tat, und führt sie in wunderbarer Verkettung so, daß ihr Herz erweicht wird, Reue und Erkenntnis der Schuld in ihnen emporkeimen und ihr besseres Selbst durchbricht und der Mensch geläutert von dannen geht. „Es war ein wahrhaft göttlicher Mann, der diese Geschichte geschrieben, voll Hoheit und Zartsinn, Herzenskundiger -und Vertrauter des göttlichen Rates, ein Weiser und ein Dichter, als ein Vater seines Volkes gerecht und liebreich gegen alle seine Kinder, ein echter Sohn Israels, der im Sinnen über die Geschicke seines Volkes nicht bei dem Tanke für die Befreiung aus derKnechtschast stehenblieb, sondern dem sich schon die Entstehung dieser Knechtschaft wie alles Leid und alle Schuld zu segensvoller göttlicher Fügung verklärte. So hat er ein Werk geschaffen von unvergänglichem Zauber zu unversieglicher Erbarnrng sür alle Geschlechter." Dieser Zauber der Erzählung und ihre innere Geschlossenheit wird von der bibelkritischen Quellenscheidung verkannt, wenn sie, und noch dazu ohne ausreichenden Grund, diese Geschichte zerreißt und zerstückelt. Die Lektüre des Buches wird dank der Darstellung der Bilder Josephs und der Brüder und dank den vielen treffenden Einzelbemerkungen, mit denen besonders charakteristische Stellen erklärt und gedeutet sind, den Lehrern der Religion eine Fundgrube wirksamer und nachhaltiger Anregung für die religiöse Belehrung sein; ihnen sei es besonders empfohlen. Dem Fachgelehrten wird es eine Bereicherung seines Wissens und den Antrieb zu selbständigem Nachdenken geben. Die zünftige Bibelkritik wird sich mit dem Buche auseinanderzusetzen haben. Es zeigt uns aufs neue, wieviel ungeklärte Probleme in der Bibelforschung ruhen, wie notwendig ein selbständiges Urteil in allen bibelkritischen Fragen ist, mit wie wenig Verständnis sür Sprache und Erzäh'lungskunst die zünftige protestantische Bibelkritik arbeitet, deren Methoden und Ergebnisse bisher das allgemeine Denken beherrschten; es bringt uns aufs neue die Erkenntnis nahe, daß man jüdischerseits mit mehr Ernst und Eifer an die Erörterung und Klärung dieser Fragen Herangehen muß. Dem Verfasser sei ein herzlicher Dank ausgesprochen und zugleich der Wunsch, daß seinen bibelwissenschaftlichen Plänen und Arbeiten ein rüstiger Fortgang beschieden sei. Rabbiner Dr. Diene m a n n, Ratibor. Löw dm vr?s>rl. Das Denkmal eines Rabbiners in Prag. Von Prof. Dr.-Jng. Grotte in Posen, ort, wo bis vor etwa 15 bis 20 Jahren das uralte Prager Ghetto mit seinen unendlich malerischen Gäßchen und historisch denkwürdigen Stätten an die christliche Altstadt grenzte, erhebt sich jetzt das neue Stadthaus. Vor seinem Portale wurden kürzlich zwei Figuren aufgestellt, die Symbole der Alt- und der Judenstadt, verkörpert durch sagenumwölkte Persönlichkeiten der Stadtgeschichte. Für die Ghettoseite wählte man die Figur des Rabbi JehudaLöw b e n B e z a l e l, die markanteste Persönlichkeit in der Geschichte der Prager Judenstadt einen gebürtigen P o s e n e r. Wahrscheinlich im Jahre 1526 geboren, hat Löw in der alten, hochgelahrten Gemeinde seiner Vaterstadt wohl die erste Ausbildung genossen und den Grund zu seiner überragenden Geisteskraft gelegt. Talmudifche, naturwissenschaftliche und astronomische Studien und Arbeiten haben ihn zu einer der bedeutendsten Geistesgrößen seiner Zeit erhoben. Aber nicht diese seine wissenschaftlichen Arbeiten haben ihm Ruhm und Volkstümlichkeit verschafft. Seine Zeitgenossen und noch mehr die Nachwelt verehrten in Löw den Meister der Kabbala, der Geheimwissenschaft, und es ist für die beispiellose Macht, die man seinem Geiste andichtete, bezeichnend, daß man dem Rabbi die höchste, unerforschliche Fähigkeit zuschrieb, einem aus Ton geformten menschlichen Körper das Leben, die Seele einzuhauchen. Zahlreich sind die Sagen, die sich an diesen tönernen „G o l e m" knüpfen. Bezeichnend ist ferner, daß sich an jeder Stätte seines Wirkens, in Prag sowie in Posen, eine große Zahl Sagen um den „hohen" Rabbi gebildet hat. In Posen, wo Löw von 1584 bis 1588 als Oberrabbiner und 1592 bis 1597 — in den Zwischenzeiten wirkte er in Prag — als Oberrabbi von Großpolen tätig war, hat sich eine eigenartige Sage über ihn erhalten^): In den Tagen vor den jüdischen Herbstsciertagen gewahrte Lö»v des Nachts, wo er noch in tiefem Studium versunken in seiner Arbeitsstil be wachte, in der an den Hof seines Hauses anstoßenden Synagoge Licht. Er schlich hinüber, sperrte behutsam auf and gewahrte, vor Schrecken fast erstarrt, ein unheimliches menschliches Wesen auf der Estrade inmitten des Betromnes stehen, in der Hand eine lange beschriebene Liste und ein Mester, was die Spukgestalt eben zu schärfen im Begriffe stand. Löw, der in dem Unhold den TodeSengel ahnte und seine Anwesenheit mit der gerade in Posen herrschenden Pest in Zusammenhang brachte, trat beherzt hinzu, entriß dem Gespenst mit st Nach Prof. Dr. Bloch (Posen) in der „Zeitschr. d. hist. Ges. in Posen", VI, 464. Aus Grotte: „Deutsche, böhmische und polnische Synagogentypen