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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-16 · Heft 24 (16.6.1916) · p. Seite 283

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 24 (16.6.1916)
Date
1916-06-16
Page
Seite 283 (sequence 7)
Language
German
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283 und verkauften ihn nach Aegypten, dem großen Sklavenimportland, den oben mit allerhand Frachtgut nach Aegypten ziehenden Jsm-ae'litern. Und als dann die Brüder an die Grube kamen, da 'war Rubens Entsetzen groß, daß er Joseph nicht mehr fand, und von den Brüdern konnte ihm keiner sagen, wo Joseph .hin sei, sie wußten es ja selbst nicht und waren über seinen Verbleib selbst im unklaren. Eine verblüffend einfache und Philologisch unanfechtbare Erklärung, die Jacob unter genauer Beachtung aller Einzelheiten der Erzählung und mit kundiger Würdigung der dabei in Betracht kommenden Fragen erweist; sie zeigt sich auch im Fortgang der Erzählung für die bessere seelische Würdigung der Reden der handelnden Personen wichtig. Man lasse sich nicht davon beirren, daß Joseph nach Kapitel 45 Vers 4 und 5 in der Erkennungsszene das Wort gebraucht, daß die Brüder ihn „verkauft" hätten; so übersetzen wir im Banne der angelernten Vorstellung stehend, aber das Wort machai* heißt nicht nur „verkaufen", sondern es wird ja da angewandt, wo jemand aus dem Schutze, unter dem er stand, hinausgestoßen wird. Wie oft heißt es nicht in der Bibel: Gott habe die Kinder Israel in die Hand ihrer Feinde „verkauft", ohne daß dabei an Verkauf im wörtlichen Sinne gedacht wird! So zerstört Jacob die wesentliche Stütze der Ouellenscheidungstheorie und zeigt die Einheit und Geschlossenheit der Erzählung. Nicht etwa, daß hier die alleinige Stütze und der einzige Angriffspunkt der Bibelkritik lag, es war da eine Fülle von Widerlegungsarbeit zu leisten und viel aufzuhellen an vermeintlichen Widersprüchen, die zur Behauptung verschiedener Quellen führen sollten; der Fachgelehrte und ein jeder, der sich dafür interessiert, mag das im Buche selbst Nachlesen. Hier sei nur dies eine Resultat genannt, und im übrigen sei, ohne daß man sich mit allen Einheiten identifiziert, nur gesagt, daß es in hohem Maße reizvoll ist zu sehen, wie Jacob mit philologischer Genauigkeit und seinem Sicheinfühlen in die Absicht des Erzählers an der Joseph-Geschichte die Haltlosigkeit der für die Scheidung in verschiedene Quellen angeführten Gründe nachweist und durch diesen Nachweis auch über die Joseph-Geschichte hinaus die landläufigen Methoden der Bibelkritik erschüttert. Diesem Beginnen, die bisherigen Voraussetzungen und Methoden der Kritik aus ihre Berechtigung zu prüfen, ist insbesondere der zweite Abschnitt gewidmet. Der Verfasser weist hier darauf hin, daß man bisher nicht genügend auf das geachtet habe, was er die d i ch o t o m i s ch e D a r st e l l u n g s - w eise nennt. Wie die reine Poesie der Bibel auf dem sogenannten parallelismus membrorum sich ausbaut, so sei es Prof. Lad. Salouu, Prag: Löw vor dem neuen! auch dem Erzählungsstil der Bibel zu eigen, in gepaartem! Gedanken-, Satz- und Wortgefüge, in Zwiefälligkeiten, j Parallelismen und Kontrasten einherznschreiten, durch den Wechsel von Synonymen bei Wiederholungen Einförmigkeit zu vermeiden und dadurch der ganzen Darstellung Reichtum an Nuancen, Leichtigkeit und Anmut zu verleihen. Wenn es nun bisher ein Grundgesetz der Kritik war, aus der Tatsache, daß ein Gedanke bald mit diesem, bald mit jenem Wort wiedergegeben ist, auf eine Verschiedenheit von Quellen zu schließen, so ist dies nach diesem eben genannten stilistischen Gesetz unhaltbar; es geht nicht an, aus dem, was beabsichtigte Stilkunst, und aus dem Bedürfnis nach sprachlicher Vielfarbigkeit erwachsen ist, auf ein Zusammenfließen von Quellen mit verschiedenem Sprachgebrauch zu . schließen. Es geht denn mul) nicht an, aus der Tatsache, daß etwas bei der Wiederholung in anderen Redewendungen loiedergegeben ist als an der Ursprungsstelle, auf verschiedene Autoren zu schließen: das ist eben wohlbenbsichtigte Stilkunst. Die Joseph-Geschichte -erscheint dem Verfasser als e in b e s o nd-e r s kr ä f t ig e s Zeugnis dieser dichotomischen Darstellnngsart, für die er eine Fülle vonBelegen beizubringen sich bemüht. Im Rahmen seiner Abhandlung mußte er sich auf Beispiele aus der Joseph-Erzählung beschränken, doch würde durch eine breitere Anlage das in diesem Kapitel Vorgetragene an Kraft gewinnen. In einem dritten Kapitel verflicht Jacob dann den Nachweis, daß in der Joseph- Geschichte sowohl sachlich als auch sprachlich sich Rechtsvorstellungen und Gedankengänge widerspiegeln, die mit den gesetzlichen Teilen der Bibel übereinstimmen. Ein solcher Nachweis würde die Behauptung, die die Bibelkritik als eine bereits gesicherte hinstellt, widerlegen, daß die erzählenden Teile der Bibel und ihr gesetzlicher Teil verschiedenen, örtlich und zeitlich voneinander getrennten Quellen entstammen. Es mag in diesem Teile mitunter den Anschein haben, als werde der Verfasser von seinem Thema so fortgerissen, daß er Zusammenhänge selbst da sucht, wo ein nüchternerer Blick sie noch nicht als überzeugend gegeben empfindet, doch sind manche der angeführten Parallelen von nicht abzuweisendem Gewicht und ein Weiterforschen in dieser Richtung könnte zu Resultaten von starker Beweiskraft führen. Besonders gelungen ist die Art und Weise, in der Jacob plastisch das Bild von Joseph und seinen Brüdern herausarbeitet, und wie er religiöse Gedanken und Lehren in der Erzählung entdecken hilft, die nicht auf der Oberfläche liegen und an denen der Leser und Erzieher oft vorbeigeht, ohne sie zu bemerken. Wie ein Drama, das von Szene zu Szene an Denkmal des hohen Rabbi Stadthause in Prag.

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