Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- Seite 282 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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282 dm Balkan. Und wenn sich Frankreich und England in dessen Diensten stellen, so ist es auch nichts Neues. Sie haben nicht bloß 1831 und 1863 der grausamen Unterdrückung der polnischen Aufstände ruhig zugesehen, sondern der französische Minister, General Sebastians) erklärte nach der mit großer Barbarei erfolgten Erstürmung Warschaus (7. September 1831) in der französischen Kammer mit großer Befriedigung, „Die Ordnung herrscht in Warschau (L/ordre regne ä Varsovie)“. Wir kennen die geheimen Verträge der vier Mächte nicht, aber wir können mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß Frankreich und England der Annexion und Knechtung von Galizien und Posen durch Rußland für den Fall des erwarteten Sieges im voraus zugestimmt haben, wie ja auch schon König Ludwig Philipp nach einem Bündnis mit Rußland strebte, um Deutschland der Gebiete am linken Rheinufer zu berauben. Und vielleicht ebenso schlimm ist das Eindringen autokratischer Gelüste, Antisemitismus u. dgl. in die französische Regierung und auch ins Volk. — Ein Mann hat einst versucht, faule Aepfel in ein Faß mit gesunden hineinzulegen, um sie besser zu machen, aber das Resultat war, daß auch die guten faul wurden. Die Jolrph-Grlchjchte als Krükltem der modernen Mbelkritik. r. Jacob, der verdienstvolle Dortmunder Rabbiner, von dessen fünfundzwanzigjährigem Amtsjubiläum jüngst hier berichtet wurde, einer der — leider so wenigen — selbständigen Bibelforscher, die wir haben, hat in einer Reihe von Aufsätzen, die er in der „Freien Jüdischen Lehrerstimme" veröffentlicht hat, neu aufgezeigt, wie wenig Grund vorhanden ist, die Anschauungen, die seit Wellhausen ein ganzes Geschlecht von Bibelforschern und Theologen im Banne gehalten hatten, als gesichertes Ergebnis methodischer und unbefangener Forschung hinzunehmen. Die Aufsätze liegen nun in Buchform vereinigt vorh. Als Beispiel einer erneuten unbefangenen, auf kein sogenanntes „gesichertes Resultat" sich verlassenden Prüfung wählt der Verfasser die Erzählung vom „Verkauf Josephs", 1. Buch Mofes, Kapitel 37 ff. Die moderne Bibelkritik hatte, ausgehend von der Astrucschen Hypothese, der Pentateuch sei aus den Schriften zweier Autoren zusammengesetzt, der eine nach dem vorzugsweisen Gebrauch des Gvttesnamens Elohim „Elohist" genannt, der andere nach dem vorzugsweisen Gebrauch des Gottesnamens Jahwe „Jahwist" genannt, schließlich zu einer vollständigen Zerstückelung und Auflösung der Bibel geführt. Sie behauptet, der Pentateuch sei aus verschiedenen einzelnen Quellen zusammengesetzt, und es sei ihr gelungen, die einzelnen Quellenschriften wiederherzustellen, dergestalt, daß nun kaum ein Satz der Thora vor der Zerreißung bewahrt blieb und nicht in seinen einzelnen Gliedern verschiedenen Quellen zugeschrieben ward. Die Joseph-Geschichte hat dieser Zerstückelung verhältnismäßig lange widerstanden, bis auch sie einer Aeußerung Wellhausens zum Opfer fiel, der erklärte: „es ist zu vermuten, daß das Werk hier wie sonst aus dem Elvhisten und Jahwisten zusammengesetzt sei; unsere früheren Ergebnisse drängen auf diese ■ 7) Von Sebasliani sagt der durchaus nicht freisinnige K. H. Hermes in seiner „Geschichte der neuesten Zeit"! „Er war der einzige wirkliche Vertraute des Königs (Ludwig Philipp), der treue Bewahrer seiner geheimsten Entwürfe, ein geschmeidiger Höfling und gewandter Unterhändler, ohne politische Grundsätze und ohne politische Gesinnungen. h „QucUenscheidung und Exegese im Pentateuch." Von B. Jacob. Leipzig 1910, Verlag M. W. Kaufmann. 108 2. Annahme und würden erschüttert werden, wäre sie nicht erweisbar." Uebrigens eine merkwürdige Methode: weil ohne eine solche Annahme frühere Behauptungen oder vernreintliche Ergebnisse zusammenfallen würden, deshalb muß die Annahme berechtigt sein! In diesen Blättern kann nun nicht der kritische Apparat, den Jacob gegen die herrschende Methode ins Feld führt, im einzelnen in philologischer Manier wiedergegeben werden; hier, im Rahmen dieser Besprechung, wird es sich im wesentlichen darum handeln, die allgemeinen Regeln und Gedanken zu nennen, die der Verfasser der gebräuchlichen bibelkritischen Methode entgegensetzt, und die Resultate zu zeigen, die im besonderen für die Joseph-Geschichte sich ergeben. Das Ergebnis einer unbefangenen Prüfung der Erzählung von Josephs Schicksalen ist ein überraschendes und verblüffendes, nämlich, daß wir mit der Vorstellung brechen müssen,; daß die Brüder Joseph verkauft haben, einer Vorstellung, , die uns so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß man * der Möglichkeit, sie könne irrig sein, zunächst mit Zweifel gegenübersteht. Aber in der Tat kommt man zu diesem Ergebnis, wenn man die Tatsachen, die die Quellenscheidung für ihre Theorie sprechen läßt, selbst kritisch würdigt und um ihr selbständiges Verständnis sich bemüht. Wovon ging die Bibelkritik aus? Sie setzte ein bei dem Widerspruch, der * anscheinend innerhalb des Verses Kapitel 37 Vers 28 und dann zwischen diesem Verse und Kapitel 37 Vers 36 und wiederum zwischen Kapitel 37 Vers 36 und Kapitel 39 Vers 1 zutage trete; im Vers 28 heißt es, daß Joseph den Jsmaelitern verkauft wurde, ebenso heißt es in Kapitel 39 Vers 1, daß diese ihn Wiederverkäufen, in Kapitel 37 Vers 36 aber sind es ' Midjaniter, die ihn verkaufen, deren Auftauchen in Vers 28 selbst rätselhaft und unmotiviert erscheint. An diesem Widerspruch entzündete sich der Wille, die Lösung darin zu suchen, daß ein Redaktor zwei verschiedengeartete Quellen, so gut oder so schlecht es eben ging, ineinandergearbeitet habe. Nicht etwa, daß unsere mittelalterlichen Bibelerklärer diesen Widerspruch nicht herausgefühlt hätten, sie haben ihn gefühlt •f und allerhand Zurechtlegungsversuche augestellt. Der erste, der hier das Richtige ahnte, war Raschis Enkel R. Samuel ben Meir. Seine Erklärung nimmt Jacob auf und bildet sie ' selbständig weiter. Man sehe sich nur einmal den Wortlaut der biblischen Erzählung genau und unvoreingenommen durch p angelernte Vorstellungen an. Nachdem erzählt worden ist, * wie die Brüder den ihnen verhaßten Joseph anfänglich zu ermorden gesonnen waren, wie Rüben die Brüder beschwichtigt, sie vom Morde abhält und zunächst bewegt, Joseph in eine Grube zu werfen, in der Absicht und geheimen Hoffnung, ihn völlig retten und dem Vater wieder zuführen zu können, nachdem dann weiter erzählt wird, wie, als eine Karawane Jsmaeliter in der Ferne sichtbar wird, Juda den Vorschlag macht, Joseph zu verkaufen, fährt die Bibel in Vers 28 fort: „Und es zogen midjanitifche Männer, Kaufleute, vorüber, und sie zogen den Joseph aus der Grube herauf, und sie verkauften den Joseph den Jsmaelitern für 26 Silberstücke, und sie brachten den Joseph nach Aegypten." Man setzt für gewöhnlich als das in „sie zogen herauf" und in „sie verkauften" steckende Subjekt „die Brüder" an — was grammatisch und logisch unberechtigt ist, denn da ein neues Substantiv inzwischen eingeführt ist, hätte dann ja „die Brüder Josephs" Wiederholk sein müssen —, und daraus entstand dann der Wirrwarr mit Jsmaelitern und Midjanitern, aber sieht man den Vers ganz unbefangen an, so kann nach allen Regeln der Grammatik und der Logik zu „sie zogen" und „sie verkauften" nur „die Midjaniter" Subjekt sein. Und es ergibt sich folgende Sachlage: Während die Brüder noch beim Schmause faßen, zogen, unbemerkt von ihnen, midjanitifche Händler vorüber, sahen den Jospeh in der Grube, zogen ihn herauf, stahlen ihn also