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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-16 · Heft 24 (16.6.1916) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 24 (16.6.1916)
Date
1916-06-16
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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281 (1721) bei zwölftausend an den Ladoga-See, um dort einen Kanal zu graben, wobei der größte Teil an dem schlechten Klima und der ungewohnten Arbeit zugrunde ging, erhob Steuern, usw. Eine an ihn mit der Bitte um Wiederherstellung ihrer Rechte und Abhilfe ihrer Beschwerden gesandte Deputation ließ er aus die Galeeren in Reval bringen und konfiszierte ihre Güter. Erst Peter II. hat die vertragsgemäße Verfassung (1727) wiederhergestellt, die ihnen aber wieder von seiner Nachfolgerin, der zweiten Katharina, genommen wurde. Die Bedrückung durch die russische Regierung, trieb die uralischen Kosaken zum Anschluß an den Betrüger Pugatschew, der sich für den verstorbenen Zar Peter III. ausgab und der, erst nach vierjährigem Kampfe besiegt, gefangen genommen und 1775 in Moskau gevierteilt wurde. Damals ließ man sich noch in Europa von dem Zivilisationssirnis Peters I. und Katharinas II., welche, eine deutsche Prinzessin, wirklich bei allen ihren Fehlern, doch die Barbarei der Russen zu bekämpfen suchte, täuschen, aber einige scharfsinnige Europäer erkannten den wahren Zustand von Volk und Regierung Rußlands, den geistigen und moralischen Tiefstand des ersteren, die skrupellose Machtgier und Eroberungssucht seiner Herrscher, aber auch ihre Schwächen. Lange bevor Napoleon gesagt hatte: Schabt den Russen ab, so findet ihr den Tataren, hatte der von Kaiserin Katharina II. zum Besuche von Petersburg eingeladene und reich beschenkte berühmte französische Schriftsteller Diderot die Russen für vor der Reife faulgewokdene Früchte erklärt, und der italienische Rechtsgelehrte, der Neapolitaner Gaetanv Filangieri, Verfasser des epochemachenden Werkes „Die Wissenschaft der Gesetzgebung", von Rußland gesagt, „es erinnere an den bronzenen Koloß mit goldenem Kopf und tönernen Füßen"). Durch einen Firnis von Zivilisation, einer affenartigen Nachahmung europäischer Manieren und die den Russen, wie den meisten Slawen, angeborene größere Fähigkeit, fremde Sprachen zu erlernen und zu gebrauchen —wie überhaupt die Russen, wie ich selbst zu beobachten Gelegenheit hatte, ein geschwätziges Volk sind — haben sie die Europäer schon unter Peter dem Großen, viel mehr noch seit der zweiten Katharina zu täuschen gewußt. Katharina II. war es auch, die, nachdem sie eingeseheu hatte, daß in Ungarn die böse russische Saat nicht aufgehen konnte, sich nach Polen wandte, um dort die Unzufriedenheit einzelner Personen und Koterien zu schüren, Unruhen und Bürgerkrieg zu erregen, um sich des ganzen Landes oder wenigstens eines Teils desselben zu bemächtigen, über den Rest einen ihrer vielen Liebhaber als ihren Vasallen und Scheinkönig einzusetzen. lieber diese verruchte Tätigkeit Katharinas, ihrer Agenten, Spione und Generale berichtet ausführlich El. de Rulhibres (1735 bis 1791) in seiner „Histoire de l’Anarchie de Pologne et du demembrement de cette republique“, zum Teil nach den Beobachtungen und Mitteilungen des Grafen Mercy. Dieser hat die Kaiserin Maria Theresia drei Jahre am russischen Hofe lind dann in Polen vertreten, und Rulhieres weilte zur Zeit, da Katharina (1762) durch die Ermordung Zar Peters III. mtf den russischen Thron gelangte, als Sekretär des französischen Gesandten Breteuil am selben Hofe. Später hat er sich auch in Warschau aufgehalten. Wir haben also in seinem Werke ®) Unrichtig übersetzt Filangieri des Propheten Daniels (II, 33) Chassoff mit fango (Schlamm), statt wie alle Bibelübersetzer mrb nach Ihnen Dante („Hölle" XIV, 110), richtig mit Ton (terra votta), Diodatt mit argilla zu übersetzen. Nebenbei bemerkt: Filangieri war. was wohl lvenigen bekannt ist, ein Bruder des in Goethes „Italienischer Reise" genannten „wunderlichen Prinzehchens". die Resultate eigener Anschauung von Staatsmännern, die Gelegenheit hatten, gut und viel zu beobachten. Es mag genügen, hier einiges aus dem Werke des Franzosen mitzuteilen, der nicht so verblendet und parteiisch war, wie es jetzt die meisten seiner Landsleute sind. Die Phrase von Rußland als Befreier unterdrückter Völker hätte nur das Lachen dieser Diplomaten erregt. Von dem Oesterreicher sagt der Franzose, er hätte, „wie jeder tugendhafte Fremde, von Rußland den größten Haß desselben und seiner Regierung heimgebracht. Nicht ohne Schauder sah er ein Volk, mit den Sitten von Wilden die Laster der zivilisierten Völker verbindend, grenzenlosen Luxus neben tiefstem Elend, insolenten Hochmut gegen unten bei niedrigster Kriecherei nach oben. Für Tugend gilt den höheren Klassen nur eine abergläubische Unterwerfung unter den Willen eines Despoten, für Talent achten sie nur sklavische Nachäfferei und List". Im Jahre 1764 hielten noch 2000 russische Soldaten die Festung Graudenz in Polen seit dem letzten Kriege besetzt, unter dem Vorwände ihre dortigen Magazine zu bewachen (die ihre Generale und Obersten wohl schon ganz geleert hatten), und bald darauf rückten iveitere ein, so daß ihrer schon bei 10 000 um Warschau standen, mit deren Hilfe die Wahl Stanislaus August Poniatowskis zum König von Polen am 7. September 1764, nicht von Gottes, sondern von Katharinas Gnaden, erzwungen wurde. Das war aber dem durch Mord aus den Dhron gelangten Weibe nicht genug. Sie setzte die Wühlereien und Aufhetzungen in Polen fort. Ihr Gesandter, Graf Repnin, hatte dort zwanzigtausend Mann zu seiner Verfügung und weitere vierzigtausend standen an der Grenze bereit, auf feinen Wink einzumarschieren. Katharina aber legte die Maske der Toleranz für das katholische Nachbarland an und verlangte dort die vollständige Gleichberechtigung aller Konfessionen — Griechisch-Russische, Lutheraner und Reformierte, eine Gleichberechtigung, die damals weder in England für die Katholiken noch in Frankreich, Spanien, Oesterreich und den italienischen Staaten für die Protestanten, am allerwenigsten in Rußland, bestand. Sv ungeheuer groß war der Fortschritt im russischen Reiche! nur bei den Juden machte er halt, besonders als ihrer viele nach der Teilung Polens unter das russische Joch kamen. Eines der Hauptnrittel Katharinas zur Erhaltung der' Zwietracht und der Unruhen in Polen war ihre Unterstützung der Forderungen der Dissidenten (Akatholiken), wobei ihr katholische Bischöfe, ohne es zu wollen, durch ihre hartnäckige Intoleranz Vorschub leisteten. Und die russische Politik kämpfte nicht bloß mit Argumenten und Drohungen, sondern mit roher Gewalt, wobei Katharinas Hauptwerkzeng, Repnin, noch den Hohn hinzufügte. Er ließ die Bischöfe von Krakau und Kiew, den Palatin von Krakau und seinen Sohn verhaften, weil sie, wie er erklärte, sich gegen die Würde der Kaiserin von Rußland durch die „Angriffe auf die Reinheit ihrer heilsamen, uneigennützigen und freundschaftlichen Absichten vergangen hätten". Den Protestanten erklärte er, sie sollen sich im Falle einer Beeinträchtigung an Rußland wenden, das es sehr gern sehen würde, wenn man seine Zuflucht zu ihm nehmen wird. Ueberhaupt inischte sich Repnin in alles und jedes ein, bestimmte sogar, wen der König als Gesandten nach Frankreich senden solle. Jede Verbesserung der polnischen Verfassung wurde von Rußland verhindert; so zum Beispiel die Abschaffung des liberum veto, welche es jedem einzelnen Mitgliede des Reichstages gestatte, was man jetzt Obstruktion nennt, zu treiben, die Fassung eines' gültigen Beschlusses zu verhindern. Die russische Politik hat sich nicht verändert, nur wühlte und hetzte sie in neuerer Zeit in Oesterreich-Ungarn und

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