Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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279 zu Pflegen, mitsamt dem Schiffe, auf dem er sich befand, mit seinem Stabe und einer Besatzung von über 600 Mann zugrunde gegangen ist. Ob dieses Schiff auf eine Mine gelaufen oder torpediert worden ist, steht dahin; mit dem Tode dieses Mannes ist jedenfalls Deutschland von einem feiner furchtbarsten und grausamsten Gegner befreit worden. Unsere Fortschritte in Frankreich sind nicht un-! bedeutend. Die Feste Vaux ist nun sicher in unserer Hand, alle Entsatzversuche der Franzosen werden mutig abgeschlagen. Auch gegen England ist zu Lande manch kleiner Erfolg errungen. Der Ort Hooge ist genommen worden. Unsere Bundesgenossen schreiten in Italien weiter fort. Es ist ihnen gelungen, manche Höhen zu erstürmen; die Zahl der Gefangenen im Monat Juni beträgt schon über 12 000. Dagegen hat der r u s s i s ch e A n g r i f s i n W o l h y n i e n gegen die österreichisch-ungarischen Truppen, der noch fortdauert, wenn er auch nicht den von Rußland und allen seinen Verbündeten erhofften vollständigen Durchbruch durch die Linien unserer Verbündeten gezeitigt hat, doch diesen schwere Verluste bereitet, freilich auch den Russen viel Blut und Mannschaften gekostet. Die Russen legen ihren Angriff als einen bedeutenden Sieg aus und sprechen von mehr als 60 000 Gefangenen; aus den österreichischen Berichten, die den Triumphmeldungen der Feinde nicht geradezu widersprechen, ohne sie direkt zuzugeben, ist jedenfalls zu konstatieren, daß die Truppen unserer Verbündeten an manchen Stellen znrückgenommen worden sind, wie der Ausdruck lalltet, der während des gegenwärtigen Krieges zu einer traurigen Bereicherung unseres Sprachschatzes geworden ist. Wir hoffen, daß die russische Offensive dadurch zum Stillstand gekomnren ist und daß es unseren Verbündeten gelingt, sich in ihren neuen Stellungen zu behaupten und kräftige Vorstöße gegen die Feinde zu wagen. Von dem südöstlichen Kriegsschauplatz verlautet wenig. Griechenland befindet sich jedenfalls in einer höchst gefährlichen Lage. Der Vierverband will das unglückliche Land durchaus zu einer Teilnahme am Kriege zwingen; die Blockade Griechenlands wird aufs strengste durchgeführt. Da diese Politische Uebersicht im wesentlichen mit Kriegsangelegenheiten zu tun hat, so kann auf die i n n e r e n d e u t schen Verhältnisse nur kurz eingegangen werden. Eine Erwähnung verdient die Tatsache, daß der Deutsche Reichstag einen neuen Kredit von 12 Milliarden gewährt hat (leider gegen die Stimmen der Sozialdemokraten), und daß dabei von dem neuen Staatssekretär die Mitteilung gemacht worden ist, daß unsere Kriegskosten monatlich 2 Milliarden betragen. Eine Erwähnung verdient ferner, daß es auch im Deutschen Reichstag, ähnlich wie in den Parlamenten anderer Länder, zu sehr erregten Szenen gekommen ist, teils im Anschluß an die Verteidigung des Reichskanzlers gegen die schon erwähnten Angriffe der Alldeutschen, teils als Erwiderung heftiger Reden, die der Staatssekretär Helfferich gegen die sozialdemokratischen Vorwürfe gerichtet hat. Auch soll nicht verschwiegen werden, daß raut offizielle Mitteilungen darüber erfolgt sind, wie schlecht die Ernte des Jahres 1915 gewesen ist und wie außerordentlich sich die Kraft und Entbehrungsfreudigkeit des deutschen Volkes bewährt hat. Man darf auch offen eingestehen, daß. die Ernährungsschwierigkeiten, namentlich in bezug auf Fleisch, augenblicklich recht groß sind, daß namentlich durch die in einzelnen deutschen Ländern und deutschen Provinzen und Kreisen erlassenen Ausfuhrverbote die Großstädte Mangel an Fleisch, vor allem an Wild, leiden, und daß die ärmere Bevölkerung, aber auch der Mittelstand durch die wucherischen Preistreibereien in bezug auf Gemüse sehr erheblich getroffen werden. Aber die Hoffntlng aus eine große, ja geradezu glänzende Ernte ttnd die Erwartung, daß der neuernannte Präsident der Kriegsernährungskommission Batocki manche Uebelstände beseitigen oder wenigstens mindern wird, und die Erwartung, daß der feste Wille des deutschen Volkes in einer wenigstens geringen Nachahmung des Heldenmuts unserer unvergleichlichen Truppen sich bewähren wird, festigt in uns die Ueberzeugung, daß Teurung und Hunger uns nicht bezwingen werden, sondern daß wir durch das Aufgeben manches Liebgewordenen und durch das Ertragen mancher Entbehrungen uns als Söhne einer großen Zeit' würdig der Helden zeigen werden, die draußen kämpfen, leiden und sterben. * Von sonstigen Notizen ist folgendes zu melden: Der italienische Minister Luzzatti veröffentlicht im „Eorriere della Sera" einen Artikel „Le rcligioni in Italia“, in dem es heißt: „Die Protestanten nehmen zu, die Juden nicht; sie nehmen sogar ab, denn sie waren 35 617 im Jahre 1901, zehn Jahre später nur 34 324 Seelen. Ein Teil ist sicher zu den Religionslosen gewandert: ein Teil hat vielleicht seinen Glauben nicht angegeben, aber es muß doch mehr Juden in Italien geben. Warum verstecken sie sich? Es gibt Juden, die sich schauten, Juden zu sein. Um Belästigungen zu vermeiden? In Italien würde diese Feigheit nicht gerechtfertigt werden können. Und ich hoffe, nicht der einzige zu sein, der, obwohl durch tiefe Ueberzeugung dein väterlichen Glauben entfremdet, wieder Jude wird, wenn es sich darum handelt, sich kleinen Gefahren oder der Geringschätzung, die nie fehlt, entgegeuzustellen oder an die Seite der Bedrückten zu treten. Dieses unsterbliche Volk hat sich durch die Berfolgungen selbst gerettet; ans diesen schöpfte es die Macht der Erhaltung ttnb der ewigen Jugend." * Eine Mitarbeiterin teilt uns folgendes mit: Herr Bloch, der erste Rabbiner Belgiens, wurde zu 6 Monaten Gefängnis und zur Deportation nach Deutschland verurteilt. Er wurde sestgeuommen nach einer Rode, iu der er bcn Segen des Himmels auf die belgische königliche Familie herabaefteht, nachdem er Hoffnungen ans deren baldige Wiederkehr ausgesprochen hatte. * Aus Ezernowitz wird geschrieben: Hier lebt ein Mann, dessen Geburtstag in die Regierungszeit Kaiser Franz I. fällt; Srull Jossel Berko w i c z. Er ist im Jahre 1801 in dieser Stadt geboren und in seinem einhundertsechzehnten Lebensjahre mußte er mm die Schrecknisse des Weltkrieges und der zweimaligen Russeninvasion noch miterleben. Jetzt hat die Frage seines 'Unterhalts seinen Geburtsschein aus den vergilbten, fast zu Staub gewordenen Dokumenten auf den grünen Tisch gebracht, und so erst ist die Oeffentlichkeit mit diesem Methusalem bekanntgeworden; denn er und seine Umgebung wissen kaum, welchen Seltenheitswert ein Alter von huudertfünf.zehn Jahren bedeutet. Im Ghettoviertel der Stadt, in der Grabengasse, wohnt er mit seiner Familie; ein hageres Männchen, mit der üblichen Samtmütze des Orthodoxen als Kopfbedeckung. Seine Tochter, ein altes Mütterchen im Alter von mehr als achtzig Jahren, versorgt ihn. Ein Kreis von Urenkeln hängt an ihrer Schürze. Während die alte Frau den Geburtsschein des Vaters im Kasten sucht, unterhalten wir tuts mit dem Einhundertfünszehnjährigen. Nachbarinnen, die hinztlkommen und die Launen des Alten genau kennen, bringen ihn zum Sprechen. Mancher Siebzig- und Achtzigjährige sieht in Bewegung und Gesamthaltung verfallener aus als dieser Mann. Sein Blick schwimmt tlnd kann nicht mehr einen Punkt festhalten, aber immerhin sieht er noch mit freiem Auge und hat niemals ein Glas benutzt. Der Alte hört schlecht, aber die dolmetschenden Nachbarinnen haben eine gewisse Fertigkeit, sich ihm verständlich zu machen. Die Geistesfrische des Alten ist erstaunlich; Er erinnert sich an Kaiser Franz I., an die Freiheitskriege, genauer an die Thronbesteigung Kaiser Franz Josefs,