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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-16 · Heft 24 (16.6.1916) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 24 (16.6.1916)
Date
1916-06-16
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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278 sich Parteien, von denen die Pharisäer und Sadduzäer einander feindlich gegenüberstanden. Dieser Kampf beleuchtet uns in klaren, Hellen Farben unter anderem die Entwicklung des Scho w u a it § f e st e s. Während die Sadduzäer, die das mündliche Gesetz verwarfen, sich an dem toten Buchstaben der Schrift festklammerten, deuteten die Pharisäer das Gesetz im Geiste der Ueberlieferung. Die Sadduzäer deuten Levit. 23, 11 als Sklaven der Buchstaben dahin, daß mit dem Zählen des „Omer" am Sabbat angefangen werden müsse, indem sie das Wort „Sabbat" in diesem Schriftverse als den siebenten Tag der Woche auslegen. Aus diese Weise kann nach ihrer Zählung der fünzigste Tag nach diesem „Sabbat" also immer nur ein Sonntag sein, und so feiern sie Schowuaus stets am Sonntag. — Diese Aust e g u n g i st aber falsch! Richtig verstehen die schriftkundigen Pharisäer diese Stelle der Bibel - und sie erklären das Wort „ Sabbat" als den ersten Tag des Peßachfestes, denn „Sabbat" heißt „Feier" (hier — Peßachseier). So fällt Schowuaus genau fünfzig Tage nach dem ersten Tag des „Ueberschreitllngsfestes", wie wir es heilte noch feiern. Wir sehen, auch aus diesen Kämpfen, die eine gefährliche Nachwirkung für die Entwicklung der Gotteslehre hätten mit sich bringen können, rettete sich der Geist des Judentums siegreich. Gerade das Wochenfest, als ob es der vberf l ä eh l i eh e n Geistesöde s a d d u z ä i s ch e r Trockenheit Trotz bieten wollte, zeigt, daß das jüdische K e i st e s - leben stets richtig seine „Omerzeit" gezählt und sich niemals kleinlich verzählt hat. Nicht ohne Grund erhielt das Wochenfest die Bedelltung von UJTnn jnö „Zeit unserer Gesetzgebung". Während Peßach die moralische Ernte darstellt, deren Ertrag die Sammlung Israels zum Bolke Gottes ist, vertieft Schowuaus diesen Erntegedanken und krönt ihn mit der Bedeutung, daß nicht nur der ä ll ß e r e N a in e „Volk Gottes" eine Gemeinschaft von Menschen der Gottheit näher führt, sondern die Erfüllung der Aufgabe, die Lehre Gottes willigen Herzens anzunehmen und sich in ihren Geist mit Verständnis und Liebe zu vertiefen. So wird das I u d e n t u m zu einer Religion des G e i st e s. Gerade darin liegt aber die hohe Bedeutung der Gotteslehre, daß sie nicht nur das E r b e I s r a e l s blieb, sondern Gemeingut der ganzen gesitteten Welt lv ll r d e. Nlir daran, ob etwas die Anerkennung vieler erlangen kann, zeigt sich der Wert einer Idee. Gerade die Religion des Judentums, die mit Recht Mutter der übrigen Religionsbekenntnisse genannt wird, vermag ihre Geistesarbeit nur darin zu sehen, daß ihre Lehren dem ganzen Univ e r s ll m zugute kommen. Ein altes Midraschwort sagt, Gott habe die Thora absichtlich auf dem Sinai offenbart, der im Verhältnis zu den anderen Bergen nicht hoch ist, damit alle Menschen die Höhe ersteigen können, um sich zu holen, was ihnen vom Inhalt dieser Lehre das Schönste dünkt: Eintracht und Liebe, Tugend und Furcht vor dem Herrn, oder was sonst au kostbaren Schützen den unerschöpflichen Luell der Thora erfüllt. Was heißt das anders als die Umschreibung «der Sehnsucht des Judentums, von den Gütern seines G e i st e s der ganzen Menschheit geben zu können, auf daß sie sich wähle, was ihr wahres Glück bringe ilnd sie befreie von den Dingen, die nur das Leben „vergänglich zieren"! — Denn nach einem prophetischen Wort liegt der Sinn der Welt nicht in äußerer Macht und Stärke, sondern in der Betätigrmg der Menschen, bewllßt und überzeugt nach der Richtschnur des göttlichen Geistes das Leben zu heiligen. Diesen universellen R e l i g i o n s g e d a n k e n verkündet der j ü d i s che P r o -- p h e t der g a n z e n W e l t. Und was sagt Tolstoi, der der ganzen gesitteten Welt angehört, a n de r e s , wenn er den Begriff „Religion" bestimmt: „Die menschliche Seele ist eine Leuchte Gottes, sagt ein weiser hebräischer Sinnspruch. Der Mensch ist ein schwaches, unglückliches Tier, solange in seiner Seele das Licht Gottes nicht aufflammt. Wenn sich aber dieses Licht entzündet (und es entzündet sich nur in einer von der Religion erleuchteten Seele), so wird der Mensch zum allgewaltigsten Geschöpf der Welt. Und dies kann nicht anders sein, denn es waltet dann in ihm nicht mehr seine eigene Kraft, sondern die Kraft Gottes. Das ist also die Religion, und darin besteht ihr Wesen!" Wie ein alter Prophet der biblischen Zeit redet dieser Prophet der Neuzeit. Das ist der universelle Gei st des Judentums, dessen Wahrheit auch weiterhin die Welt erfüllen möge und besonders jetzt in der Zeit des blutigen Völkermordens der Menschheit wieder die Pfade zu den lichten Höhen des göttlichen Geistes der Liebe weise. Dann wird die Ernte des Schowuausfestes neue Früchte ungeahnter Schönheit zeitigen. Vir Woche. Berlin, den 13. Juni 1916. ie Friedensgerüchte, von denen in den letzten Wochen Kunde gegeben wurde, sind einigermaßen verstummt, die Friedensallssichten stark eingedämmt. Allerdings hat noch in den letzten Tagen der Präsident Wilson erklärt oder erklären lassen, daß er in seinen Bemühungen fortfahre und sich zu diesem Zwecke mit den Regenten von Spanien und Holland vereinigen wolle. Aber es ist sehr fraglich, ob diese Bemühungen mit vollem Ernst betrieben werden, und noch fraglicher, ob die Mächte, die diesem Ruf Folge leisten sollen, den Wünschen und Anstrengungen des amerikanischen Präsidenten Gehör geben werden. Besonders aber haben die gewaltigen Reden des deutschen Reichskanzlers in den Sitzungen des Deutschen Reichtags vom 5. und 6. Juni, die auch eine furchtbare Abrechnung mit den Alldeutschen und Konservativen enthielten und die den Liberalen die frohe Hoffnung gewähren, daß in Zukunst die bisherigen Stützen von Thron und Altar einigermaßen abgesägt werden dürften und die Regierung eine freisinnigere Bahn einzuschlagen gedenke, zunächst dargetan, daß von Friedensunterhandlungen oder Anerbietungen seitens einer fremden Macht bisher nicht die Rede war und daß ferner Delltschland nicht gewillt sei, einen faulen Frieden zu schließen und noch viel weniger einen rühmlosen oder schmählichen, auf den unsere Feinde noch immer hoffen. Wenn aber auch die Friedensaussichten wieder stark in den Hintergrund gerückt sind, so stehen unsere Angelegenheiten nicht nur nicht schlecht, sondern sind in glücklichem Fortschreiten begriffen. Freilich waren unsere Verluste in der großen S e e s ch l a ch t a m S k a g e r r a k recht bedeutend, sie haben sich auf Fahrzeuge mit einem Inhalt von 60 000 Tonnen erhöht; da aber die Gegner Verluste an Schiffen von 117 000 Tonnen erlitten haben, so betragen die der siegesgewaltigen und siegesgewohnten Engländer das Doppelte der unsrigen. Die Folgen dieses großen Erfolges, der von unseren Feinden nach ihrer alten Gewohnheit verkleinert wird, so daß sie es wagen, von ihrem Siege und unserer Niederlage zu sprechen, zeigen sich in einer starken Entmutigung Englands und in einer geradezu erschütternden Wirkung auf unsere Feinde, teils die Franzosen, teils die Italiener, bei denen eine starke Kriegsmüdigkeit und eine furchtbare Unzufriedenheit mit der Regierung sich äußern. Diese Mißstimmung und Entmutigung wurde in den letzten Tagen noch dadurch verstärkt, daß einer unserer schlimmsten Feinde, Lord K i t ch e n e r, gerade, da er im Begriffe war, nach Rußland zu reisen, um wichtige Beratungen

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