Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 24 Berlin, 16. Juni 1916 Allgemeine eitung des Judentums Gin unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements'pee^s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. vegriindet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rais Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Nuciolk IKosse, öerUn» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen str Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Ierusalemer Straße *6-*9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Das Judentum, die Religion des Geistes. Von Rabbiner yjtljull* Dr. Arthur Rosenthal, Berlin. — Die Woche. — Die Russen und ihre Wertschätzung einst und jetzt. Von Tr. Marcus Landau. — Die Joseph-Geschichte als Prüfstein der modernen Bibelkriiik. Von Rabbiner Tr. Dienemaun, Ratibor. — Löw den Bezalel. Von Prof. Dr.-Jng. Grotte in Posen. — Judentum und Deutschtum. Von L. G. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. — Zusatz zu Nr. 23, S. 276, Sp. 2, Z. 6. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Rasienburg, Thorn, Hamburg, Köln, Bochum, Nürnberg, Budapest, New Jork. — Von Nah und Fern. Das Judentum, die Orligimi des Geistes. Von Rabbiner Dr. Arthur Nosenthal, Berlin. icht die Erinnerung an eine höhere Persönlichkeit ist cs, die den Grundstein zu den Festen Israels bildet. Das Judentum str äubt sich gegen die Auffassung, eines einzelnen Gottesmannes Schöpfung zu heiße». Denn die jüdische Religion treibt keinen Personenkultus. Sogar die strahlende Gestalt eines Mose, der ans den Berg zu Gott gestiegen und den Ewigen geschaut „von Angesicht zu Angesicht", muß ehrfurchtsvoll zurücktreten vor dem Gedanken des Judentums, dessen Lehre er gekündet. Wie richtig und tief empfunden die Behauptung ist, daß alles, möge es noch so mächtig seinen Eindruck nach außen hin geltend machen, gegen den Geist des Judentums erblaßt wie der Mond gegen die Sonne, zeigt so recht die Idee des kürzlich begangenen S ch o w u a u s f e st e s. Das Judentum ist die R e l i g i o n d e s G e i st e s. Wo sein Licht hingeleuchtet, ist stets zu schlackenloser Helligkeit das trübste Dunkel geworden. Ursprünglich war Schowuaus ein reines N a t u r f e st. Auf Beginn und Schluß der Ernte weisen Peßach und Schvwuaus hin: Peßach war des Fest der Gerstenernte, Schowuaus das der Weizenernte. Da nun der Weizen im Heiligen Lande später reifte, war wohl mit der Weizenernte die ganze Erntearbeit beendet. Deshalb benannte wahrscheinlich Josephus das Wochensest mit dem Namen „A sart ha“ „58 e schließung" im Anklang an das hebräische Hauptwort „azeres", das sich vom Zeitwort „ozar" — „schließen" herleitet. Er verstand hierunter also die „B e e n d i g u n g" der siebenwöchigen Erntearbeit zwischen Peßach und Schowuaus. In der Tat war Schowuaus ausschließlich ein Erntedankfest. Denn die Schrift nennt es nur „Fest der Ernte, der Erstlinge deiner Arbeiten" (2. B. M. 23, 16), „Fest der E r st l i n g e der W e i z e n e r n t e" (2. B. M. 34. 22), „Tag der Erstlinge" (4. B. M. 28, 26); „vom Beginn der Sichel unter der Saat beginne zu zählen sieben Wochen" (5. B. M. 16, 9), d. h. vom Erntef e st Peßach bis zum E r n t e f e st Schowuaus. Wäre Schowuaus aber nur ein N a t u r f e st geblieben, nie hätte es sich die wunderbare Kraft erhalten, aus deren Tiefe Israel stets neue Schätze leuchtenden Gei st es hebt. Die höhere, ethische Bedeutung des Wochenfestes ist in den geheiligten Idealen der Menschenseele zu finden, nicht in der Offenbarung eines Gottes, der durch Werke der Natur seine Macht verkündet, sondern in der Erkenntnis, daß das Streben nach Gutem, Schönem und Wahrem die Offenbarung ist, die der Welt ihren Gott geschenkt hat. Israel hatte die ungetrübte und reine Wahrheit des göttlichen Geistes noch nicht erkannt, als es im Heimatland eng zusammenwohnte. Solange sich daher auf dem Gottesberge der heilige Tempel des Herrn erhob, wurde in seiner Mitte am Schowuansfeste noch ein „Opfer von neuem Getreide" auf dem Altar dargebracht. Wer weiß, ob sich das Volk bei diesem oft rein äußerlichen Opfcrdienst wirklich immer etwas Tiefes gedacht hat! Hat auch das Wochenfest jetzt nach Verlust des Landes der Väter, das schon im Frühling seine Ernte beendet hat, seine Bedeutung als eigentliches Erntefest für uns eingcbützt, so hat doch gerade Israel in der Zerstreuung stets ein höheres Erntefest gefeiert, gleichsam der ganzen Welt die aufgegangene Saat als Eigentum übergeben. Nie hätte Israel seine Aufgabe, ein h e i l i g e s V o l k v o n P r i e st e r n zu sein, erfüllen können, wenn seine Religionswahrheiten ewig an der engen Scholle eines vom Meer und niedrigen Wüstenvölkern rings umschlossenen Landes haften geblieben wären. Aus dem Traum der Einsamkeit Heralls muß sich das Hohe und Edle Bahn brechen in die Welt der Wirklichkeit hinein. Denn irur im harten Kampf des launenhaften Wechselspiels der Weltgeschichte kann es sich zeigen, ob etwas von Dauer ist oder ob es widerstandslos in ein Nichts zusammensinkt. Der erste Tempel war in den Staub gesunken, und die Inden kamen unter die Herrschaft der Babylonier und Perser. Hier waren keine Kämpfe zu führen, in denen sich die Sache des Judentums hätte gewaltsam behaupten müssen. Erst als Judentum und Griechentum unter Alexander dem Großen und besonders in den Reichen der Diadocheil hart aneinander gerieten und die Fahnenflucht der Hellenisten die eigene jüdische Sache verriet, konnte sich entweder die Eristenzberecht i g n n g der j ü d i s ch e n G e i st c S w e l t oder ihre Haltlosigkeit erweisen. Die harten Angriffe und Verleumdungen der assimilatorischen Hellenisten zerschellten an der unverbrüchlichen Treue aller derer, die mit unermüdlichem Opfermut für das Recht der Gotteslehre fochten. Zwar war der Kampf gegen diese Hellenisten zu einem siegreichen Ziel gelangt, doch konnte die weitgehende Berührung mit dem Griechentum nicht ohne nachhaltige Folgen für die jüdische Anschauung der kommenden Zeit bleiben. Der freie, frische Hauch, der das griechische Leben bewegte, übte auch auf einen Teil des jüdischen Volkes seinen Einfluß aus. So bildeten