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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-09 · Heft 23 (9.6.1916) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 23 (9.6.1916)
Date
1916-06-09
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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«.8 55:$ WH >¥M- Sfüt : 4fÜS^ '-'MMM i- J: S:f»!.. - 274 Besitzer sein Eigentum überläßt." Er stand auf und schickte sich an zu gehen. „Wie mir scheint, sind wir wieder auf dem besten Wege, einen Streit zu beginnen," rief sie lachend, „und zwar geschieht es diesmal aus übertriebener Höflichkeit. Als „Besitzer" kann ich Sie versichern, daß dieses Kartenhaus für acht Personen Platz hat." „Dann will ich von Ihrer gütigen Erlaubnis Gebrauch machen," sprach er mit einer Bereitwilligkeit, die ihr nicht entging. Ohne weitere Worte ließ sie sich nieder und winkte ihm, wieder seinen früheren Platz einzunehmen. Auf das Buch deutend, das sie neben sich gelegt, fragte er: „Darf man wissen, was Sie lesen?" „Maupassant," war ihre einfache Antwort: „ich will wieder mein bißchen Französisch aus dem Pensionat ein wenig ausfrischen. Es wäre ja jammerschade, wenn Papa das Schulgeld für mich umsonst bezahlt hätte." „Hoffentlich wird Ihr Herr Papa Ihre gute Absicht anerkennen und große Freude daran haben." Mit niedergeschlagenen Augen und die Stirn in Falten gezogen, blieb sie jetzt ganz schweigsam. Auch er stellte weiter keine Fragen und wartete, daß sie wieder das Gespräch aufnahm. Nach einer Weile war es der Fall. „Ich habe soeben über das nachgedacht, was Sie von meinem Papa sagten." Sie blickte ihn dabei scharf an. „War es denn des Nachdenkens wert?" war seine kühle Frage. „Die Worte selbst wohl nicht, nur die Art, wie Sie es sagten. Aber gewiß ist es nur eine törichte Einbildung von mir. Oder — Hand aufs Herz — enthielten Ihre Worte keine versteckte Anzüglichkeit?" „Ich — ich — weiß es nicht. Wie kommen Sie überhaupt daraus?" Die Frage klang sehr unbehaglich. „Ich sagte es Ihnen doch schon, daß es eine kindische Einbildung meinerseits sein mag . . ." Sie brach ab und spielte verlegen mit dem Buch, das noch immer ungeöffnet vor ihr lag. Sein durchdringender Blick jedoch zwang sie, weiter zu sprechen. „Sehen Sie, Herr Schmulikvf, es machte aus mich den Eindruck, als wären Sie nicht gut zu sprechen auf meinen Vater, obwohl er doch keine seiner Pflichten als Wirt dem Gaste gegenüber vernachlässigt. Ich habe öfter schon Ihre Blicke überrascht, in welchen ich einen ausgesprochenen Haß zu sehen glaubte. Es erweckt in mir die Vorstellung eines Tigers, der sein Opfer belauert und sich zum Sprung bereitmacht." „Komtesse!" rief er, verstört aufspringend. Sie hielt seine Bewegung für entrüsteten Widerspruch gegen ihre Anschuldigung, und darum brach sie in ein schallendes Gelächter aus. „Jetzt haben Sie den besten Beweis, wie meine Phantasie manchmal mit mir durchgeht. Deshalb dürfte es am geratensten sein, eine andere Unterhaltung zu beginnen." „Noch nicht!" Seine Worte klangen hart und scharf, als wollte er jedes einzelne mit besonderer Wucht in ihr Herz einkeilen. „Komtesse, nachdem Sie mein Benehmen Ihrem Herrn Vater gegenüber einer Kritik unterzogen, wollen Sie nicht dasselbe auch bezüglich Ihrer eigenen Person tun?" „Sie haben recht, mich von meiner Torheit nicht sobald freizugeben," war ihre naive Antwort, die sie mit einem erzwungenen Lächeln gab, um die eingetretene Spannung nicht noch zu vertiefen. „Nächstens werden Sie vielleicht auch noch ein Gutachten von mir verlangen über Ihr Benehmen gegen unseren ganzen Haushalt, van meiner Mama angefangen, abwärts bis zu unserem persischen Kater ..." «Fräulein Torakow, ich bestehe auf Ihrer Antwort." „Ich sollte eigentlich Ihren Eigensinn nicht noch mehr bestärken," sie versuchte noch immer die Sache scherzhaft zu betreiben; „aber da es Ihnen Vergnügen zu bereiten scheint, so will ich keine Spielverderberin sein. Also passen Sie auf: Wenn Ihre Stellung gegen meinen Vater so ist, als wollten Sie ihn mit Haut und Haaren verschlingen — so verbietet Ihnen doch der Abstand, ein gleiches mit mir zu tun, und Sie können mit sich noch nicht ins reine kommen, wie viele Bissen Sie aus mir machen sollen." „Ich danke Ihnen, Komtesse," sprach er mit demselben metallischen Klang in Wort und Blick. „Und nun wollen wir wirklich eine andere Unterhaltung beginnen." „Gemach, Herr Schmulikos, diesmal erhebe ich Widerspruch. Da wir einmal angefangen, so wollen wir die Sache bis zum bitteren Ende durchkosten, zumal wir wohl diesen Gegenstand nie mehr berühren werden. Was ich Ihnen noch zu sagen habe, ist zwar nur nebensächlich, dennoch möchte ich es nicht unerörtert lassen." Er fragte sie nicht, auf was sie anspiele, ob auch seine Neugierde sehr groß war; viel größer war ja die Vorsicht, die er sich auserlegen mußte. „Sehen Sie, Herr Schmulikos," die Worte kamen nur schüchtern über ihre Lippen; „Sie sind unser Gast, und es ist unsere heiligste Pflicht, Ihnen den Aufenthalt hier so angenehm als möglich zu machen. Für meinen Vater freilich kann ich keine Verantwortung übernehmen; bei seinem heftigen Temperament ist er etwas schwer zu behandeln, und manche Menschen haben nicht die Geduld, sich in seine Eigenart zu gewöhnen; darum möchte ich als seine Tochter alles tun, um Ihr Vorurteil zu beseitigen." „Gnädiges Fräulein, ich versichere Sie. . ." „Es wäre mir lieber, Ihre Versicherung erst zu erhalten, wenn Sie mich bis zu Ende angehört haben," unterbrach sie ihn mit bebenden Lippen. „Herr Schmulikos, ich weiß es, das; ich Ihnen Ursache gegeben habe, schlecht von mir zu denken. Erinnern Sie sich noch, als Sie mir das Mittel gegen Langeweile angeboten haben? Meine Antwort muß Ihnen schlecht grausam und unweiblich erschienen sein. — Und doch habe ich schon lange nach einer Gelegenheit gesucht, um Ihnen zu sagen, daß ich damals nur aus prahlerischem, eigensinnigem Trotz so zu Ihnen sprach. Ich war es gewöhnt, von allen verhätschelt, von allen in den Himmel gehoben zu werden — und darum bäumte sich alles in mir auf, gerade von Ihnen so abgekanzelt zu werden." „Es war auch unverzeihlich von mir, so etwas von Ihnen zu verlangen," warf er leicht hin. „Nein, das war es nicht, und es macht Ihrem Herzen alle Ehre. Glauben Sie mir, ich stimme ganz mit Ihnen überein, denn auch ich bin nicht kalt und fühllos gegen Arme und Notleidende. Aber ich vermag nicht gegen den Strom zu schwimmen. Ueberdies wird mir, wie jedem anderen unseres Standes, gerade von denen ein unüberwindliches Mißtrauen entgegengebracht, denen ich so gern helfen möchte. Wie ost schon ist meine gute Absicht dadurch vereitelt worden! Glauben Sie es mir, es hat mir nie am Willen gefehlt, zu Helsen und beizustehen. Ich weiß mich noch zu erinnern, es war im vorigen Winter, als zwei alte Leute, Mann und Frau, die im Walde erfroren waren, nach der Stadt gebracht wurden, wie mir da das Herz vor Mitleid geblutet, wie ich selbst gegen den ausdrücklichen Befehl meines Vaters hingeeilt war, um, wenn irgend möglich, noch Hilfe zu bringen. Aber es war leider zu spät, und ich konnte weiter nichts tun, als mich in meinem Zimmer einschließen und sattzuweinen. — Sagten Sie etwas, Herr Schmulikos?" „Nein!" Die kurze Silbe klang wie ein Keulenschlag. --Ich glaubte nämlich, wieder den Tigerblick in Ihren Augen bemerkt zu haben," sprach sie mit ernstem Lächeln.

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