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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-09 · Heft 23 (9.6.1916) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 23 (9.6.1916)
Date
1916-06-09
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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273 Wörben ließ, gaben seine Gesandten in Kopenhagen die Versicherung, daß sie sich noch nie betrunken habe. Wie es jetzt die russischen Prinzessinnen mit dem Trunk halten, weiß ich nicht, aber man weiß, daß das Haupteinkommen des russischen Staates aus dem Branntwein fließt. Die russischen Intrigen und Verhetzungen in Polen begannen nicht, wie man glaubt, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, sondern schon am Ende des siebzehnten. Damals schrieb der polnische König Michael Krogbut Wisnowiecki «regierte 1669 bis 1676) dem Papste Klemens X.: „Der Moskowiter zieht seinen Vorteil der Religion und der Treue vor, ist gewohnt, zu lügen und falsch zu schwören; als wir im Kriege mit den Ungläubigen und in Bedrängnis waren, griff er uns im Rücken an und siel in Rothreußen ein." Ebenso heuchelte Peter I. Freundschaft für den König von Schweden, schrieb ihm (Ende 1693) einen sehr demütigen Brief, in dem er um Artillerie zu seinem Kriege gegen die Türken bat. Aber schon zwei Jahre später schloß er mit diesen einen Waffenstillstand auf dreißig Jahre. Kurze Zeit hernach schrieb er wieder an den König Karl und versicherte ihn nochmals der freundschaftlichsten Gesinnungen für ihn und sein Land; gleichzeitig schrieb er aber dem König August von Polen: „Lieber Herr Bruder (er maßte sich auch diesen Titel an) und Nachbar! Seien Sie versichert, daß ich das verabredete Werk in Ausführung bringen werde; da ich nun Frieden mit den Türken geschlossen habe, werde ich Schweden den Krieg erklären und meine Truppen in Jngermanland einrücken lassen." Schon einige Monate vor der lächerlich begründeten Kriegserklärung hatte er unweit der schwedischen Grenze ein Heer von 60 000 Mann zusammengezogen und, um zu verhindern, daß man in Schweden Nachricht davon bekäme, den Postverkehr mit diesem Lande abbrechen lassen. Am 9. September rückten die Truppen Peters in Schweden ein und begannen nach ihrer Manier zu plündern"') und die Stadt Narwa zu belagern. Und da erreichte ihn am '■iß. November 1700 das verdiente Schicksal. Er wurde mit seiner 80000 Mann starken, gut ausgerüsteten Armee von dem erst 18 Jahre alten Karl XII., der kaum ein Viertel dieser Zahl befehligte, gründlich geschlagen, verlor, bei 12 000 Mann an Getöteten und Ertrunkenen, fast alle Generale und Oberste, 150 Kanonen, darunter wohl auch solche, die ihm Karl zwei Jahre früher geschenkt hatte, viele Waffen und Munition. Die übrigen gemeinen Soldaten und Offiziere entließ Karl in ihre Heimat mit den Worten: „Laßt die Bauernflegel laufen!" Bei alldem hat sich Peter noch überschätzt und sich einen Titel angemaßt, der ihm nicht gebührte; denn nicht ein Papst, wie Karl dem Großen, nicht der Wille des Volkes oder der Großen des Reichs, wie in neueren Zeiten, hat ihm die Titel Kaiser und Majestät verliehen. Mit der naiven Putzsucht eines afrikanischen oder australischen Wilden, der die Kleider eines zivilisierten Europäers anlegt, nannte er sich, ein halbes Jahr nach der Niederlage bei Narwa, in einem Schreiben an die Generalstaaten der Niederlande, obwohl ihm nur der Titel h „Mit aller von den russischen Heerführern jener Zeit (nur jener?) bei Einfällen in feindliche Länder gewohnten Härte und Grausamkeit. Tie verwüsteten drei Viertel von Estland und Livland, zerstörten mehrere große Festungen und viele kleinere Städte sowie Mitau in Kurland", berichtet der russische Historiker (Uftrialow) in feiner „Geschichte Rußland" (III, 92). Mit derselben Grausamkeit und Barbarei gingen sie in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Polen vor. Edelleute wurden von Kosaken, an die Schweife ihrer Pferde gebunden, fortgeschleppt. Und wenn mau ihr Vorgehen in der Gegenwart betrachtet, muß man zugeben, daß sie, obwohl nicht in anderen Beziehungen, wenigstens in Grausarnkeit und Raubsucht Fortschritte gemacht haben. Zar und Großfürst von Moskau gebührte, nicht weniger als zwanzigmal blagnus ckominus, nostra Czarea Majestas. Und in diesem Briese bittet er sie um Vermittlung des Friedens mit Schweden! In der Schlacht bei Poltawa (9. Juli 1709) hat er mit 50 000 Mann 12 000 Schweden besiegt, und dies auch nur, weil der verwundete König Karl sein Heer nicht selbst kommandieren konnte. Dann (Juli 1711) äm Pruth von den Türken eingeschlossen, hätte Peter sicher ein Sedan erlitten, wenn die schlaue Dirne Katharina, die er kurz zuvor zur Zarin gemacht hatte, ihm nicht den Rat gegeben Hütte, den Anführer des türkischen Heeres, den Großwesir Baltadschi Muhammed, zu bestechen. Glücklicherweise hatte die eitle Emporkömmlingin ihren ganzen Schmuck in den Feldzug mitgenommen, vielleicht auch, weil sie fürchtete, er könnte ihr in Moskau von den echtrussischen Hofbediensteten gestohlen werden. Mit diesen und den von den Generalen beigesteuerten Pretiosen und Geld, im Gesamtwerte von etwa zweimalhunderttausend Dukaten, erkaufte sich Held Peter den schmählichen Frieden, demzufolge er Asow zurückgeben, mehrere Festungen schleifen und die Artillerie ausliefern, den König von Schweden, der sich nach der Niederlage bei Poltawa in die Türkei geflüchtet hatte, frei abziehen lassen sollte, ufw. Auch Peter sollte unter Zurücklassung des Kanzlers Schafirow und des Generals Scheremetjeiv als Geiseln für die Erfüllung der Friedensbedingungen mit seinem Heere frei abziehen. (Schluß folgt.) jlugr um Kluge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) %"%on einer inneren Unruhe getrieben, lief sie nach dem Garten, ob auch die Julisonne glühendheiß niederbrannte. Sie hatte aber doch noch so viel Ueberlegung und nahni ein Buch mit sich, um wenigstens den Schein zu wahren, wenn jemand sie dort treffen sollte. Sie durchschritt verschiedene Gänge und Wege, und ihre spähenden Blicke richteten sich nach allen Seiten. Ein leiser Unmut malte sich in ihren Zügen. Endlich begab sie sich nach einem abseits stehenden Pavillon, der selten betreten wurde, um, wie sie sich selbst einreden wollte, dort ungestört lesen zu können. Sie stieß die Tür auf und — stand Schmulikos gegenüber. „Ich — bitte um — Verzeihung," stotterte sie verlegen; „ich — ich will Sie nicht stören." „Sie stören mich durchaus nicht, Komtesse, vielmehr bin ich der Störenfried. Bei meiner ziellosen Wanderung durch den Park fand ich dieses herrliche Plätzchen unbesetzt und wollte es mir für eine Weile — leihen." „Ich glaubte Sie bei der Arbeit mit dem Präfekten," sprach sie errötend, da sie wohl wußte, daß er nicht bei der Arbeit war. „Gnädiges Fräulein, haben Sie doch Erbarmen mit dem armen Herrn und gönnen Sie ihm eine kleine Erholung. Oder wollen Sie, daß er sich zu Tode arbeitet?" rief er mit verstellter Verzweiflung. „Und bei dieser Gelegenheit soll ich wohl auch Erbarmen mit Ihnen haben und Ihnen eine kleine Erholung gönnen, indem ich Sie wieder verlasse?" „Verzeihen Sie, Komtesse, wenn einer das Feld räumen muß, dann will ich derjenige sein, der dem rechtmäßigen

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