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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-09 · Heft 23 (9.6.1916) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 23 (9.6.1916)
Date
1916-06-09
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 „Halten Sie es etwa für ergötzlich, von zwei alten.Leuten zu hören, die elend im Walde umgekommen sind l “ „Und noch viel weniger ergötzlich ist es, solches Elend fortwährend mit eigenen Augen ansehen zu müssen. Doch, mein Gott!" unterbrach sie sich die Uhr ziehend. „Wie spät es schon ist! Ich muß schnell Mama wecken, oder wir können unsere Einkäufe heute nicht mehr besorgen." Trotz ihrer Eile zögerte sie aber doch noch ein wenig und machte sich hier und da unnötig zu schaffen, als warte sie noch auf irgend etwas. Aber es geschah nichts, und bewegungslos hielt Schmulikof die Tür für sie geöffnet. Sie ging. Und so bewegungslos blieb er auch noch stehen, als sie bereits das andere Ende des Gartens erreicht hatte. Er stand nachdenkend da und wußte nicht einmal, ob er ihren freundlichen Gruß, dem sie ihn noch von dort zugewinkt, auch gebührend erwidert hatte. Mit einem heiseren, trockenen Lächeln schickte er sich endlich an, den Präsekten aufzusuchen. Aber er verlangsamte seine Schritte, je mehr er sich dem Hause näherte; er mußte Zeit gewinnen, um seine aufrührerischen Gedanken zu ordnen. Aus der eben stattgehabten Unterhaltung konnte er verschiedene Lehren für sich entnehmen; die wichtigste aber war zweifellos die, daß er unüberlegt, leichtfertig und unvorsichtig gehandelt hatte. Er glaubte, seine Pläne vor Entdeckung gesichert zu haben, wenn er sie in seinem Herzensschrein bewahrte, aber er hatte sich getäuscht. Schon die wenigen Zusammenkünfte genügten, um wenigstens ein Familienmitglied etwas von seiner wahren Empfindung erraten zu lassen. Ein weiterer, nicht minder wichtiger Punkt war der, was er eigentlich von diesem Mädchen halten sollte, das, ungeachtet der zur Schau getragenen Oberflächlichkeit, solche ernste Betrachtungen anstellen und solche Entdeckungen machen konnte! Er fing an, alle ihre Worte, alle ihre Bewegungen zu zergliedern und zu zerfasern. Zunächst aber war da der tiefernste Ton, den sie vorhin angeschlagen, tiefer und ernster, als er es je für möglich gehalten; dabei aber kam ihm erst jetzt das volle Erstaunen zum Bewußtsein, das er vorhin gewaltsam unterdrücken mußte. Anfänglich klang ihm alles so gemacht, erkünstelt, jetzt aber mußte er sie mit anderen Augen betrachten. Es war eine leise Spur von Wahrheit, ein schwacher Dust von Aufrichtigkeit, den sie zurückgelassen, der ihn zwang, den Gedanken an Scheinheiligkeit zu verwerfen und menschliche Empfindungen ihr zuzugestehen. Und, wunderbar, er war bei diesem Gedanken ganz froh geworden. — Er suchte sich einzureden, daß alles nur im Interesse seines Planes geschah, daß seine Aufgabe es erforderlich mache, ihre Gesellschaft zu pflegen und soviel als angängig mit ihr zusammenzusein, um irgendwelche Berührungspunkte ausfindig zu machen, die den Abscheu verringerten, den sie ihm eingeflößt. — Allerdings nicht mit ihrer Person, wie er sich dieses schon früher eingestanden, sondern als Tochter des Mannes, den er mit seinem unversöhnlichen 'Haß zu Staub zermalmen wollte. Er haßte den Vater bis in den Tod, die Tochter aber — oh, Ironie des ^Schicksals! —, die Tochter hatte um seine ermordeten Eltern geweint! Seine Eltern sind ins Grab gesunken, beweint von der Tochter ihres Mörders! Er nahm sich vor, ihr dieses gelegentlich als Milderungsgrund anzurechnen und ihr dabei so viel Schonung zu erweisen, als es sich mit seinem Plane gegen ihren Vater vereinen ließ. (Fortsetzung folgt.) Litersrilche Mitteilungen. — Geschichte der jüdischen Gemeinde Rawitsch. Von Rabbiner Dr. John Cohn. Verlag von Louis Lamm, Berlin. 1915. Sehr viel Wichtiges ist aus der Geschichte der posenschen Gemeinde nicht zu melden. Die Schrist hätte gewiß für weitere Kreise interessanter gestaltet werden können, wenn in ihr größere Rücksicht ans die allgemein-politische und die Kulturgeschichte genommen wäre und wenn namentlich irgendwo, vielleicht in einem Anhänge, die Namen (womöglich mit kurzer Biographie) aller derer zusammengestellt lvorden wären, die, aus Rawitsch stammend, nach einer Großgemeinde übersiedelten und dort zu Ansehen und Bedeutung gelangt sind. Die Stadt Rawitsch ist nicht übermäßig alt. Ihre Gründung erfolgte 1638. Juden finden sich daselbst schon 1645. Die Geschichte der Gemeinde bietet nicht allzuviel Charakteristisches, sondern gewährt im allgemeinen nur das typische Bild kleiner und mittlerer Gemeinden Deutschlands: Klagen der Konkurrenten, Niederlassungsverbote, Wiedeveinzug der Juden, aber in beschränkter Zahl, Vermehrung, neue Anklagen, Ausschluß von manchen Handelszweigen und Tätigkeitsgebieten, Reichtum einzelner Mitglieder. Das Material, das der Verfasser benutzt, ist das freilich sehr lückenhaft erhaltene Gemeindearchiv, das sich seit kurzem im Besitz des Gesamtarchivs der deutschen Juden befindet: es sind Urkunden der gräflichen Schutzherren und Aufzeichnungen aus den: alten Gemeindebuch; aus dem Jahre 1739 ist auch 'ein Etat erhalten. Die innere Entwickelung der Gemeinde bietet auch nichts übermäßig Interessantes. Zuerst hatte die Gemeinde keinen Rabbiner; seit 1731 existiert ein solcher; fromme Vereine bilden sich früh, z. B. die Chewra Kaddischa 1728. Das von den 'dortigen Juden getriebene Hauptgewerbe ist die Tuchmacherei. Die Gemeindesynagoge erwies sich schon im 18. Jahrhundert mehrfach als zu klein; die neue Synagoge wurde 1783 in Gebrauch genommen. Auch an Streitigkeiten im Innern der Gemeinde ist kein Mangel, z. B. Verleumdungen gegen die Chewra Kaddischa, über welche merkwürdige Dinge berichtet werden. Unter den eigenartigen sittengeschichtlichen Einzelheiten sei hervorgehoben, daß die Hochzeitseinladungen dem Gemeinde- Vorstände vorgelegt werden mußten, und daß grauen und Männer nicht durcheinander aus der Synagoge gehen sollten. Aus der neuereu Zeit sind die Mitteilungen über die Austrittsbewegungen von 1848 bis 1850 von besonderem Interesse. Den Schluß bilden Darlegungen über den gegenwärtigen Zustand der Gemeinde; endlich wird eine Anzahl Grabschristen mitgeteilt. Im ganzen ist das Werk eine Lokalgeschichte, deren Verfasser leider absichtlich auf allgemeine Betrachtungen verzichtet und von keinem schriftstellerischen Ehrgeiz erfüllt ist, aber eine Arbeit, die auf ihrem sehr beschränkten Gebiete Sachgemäßes vorlegt und einen guten, soliden Eindruck macht. L. G. * — Zeitschrift'f ü r h eb raische Bibliographie. Unter Mitwirkung namhafter Gelehrter herausgegeben von R. Freim a n h. Jahrgang 18, Heft 4—6. Frankfurt a. Nt., Verlag von I. Kauffmann. 1915. Ich freue mich, dieses fleißige Sammelwerk (das vorliegende Heft umfaßt einen halben Jahrgang), das ganz im Geiste Steinschneiders weitergeführt wird, einmal anzeigen zu können. Ausstellen möchte ich nur, daß der Name Steinschneiders als Begründer des Blattes fehlt, und möchte ferner etwas verwundert darauf Hinweisen, daß die Zeitschrift furchtbar teuer ist; denn acht Druckbogen (128 Seiten) für 10 Mark ist doch ein geradezu enormer Preis. Dem Inhalt der Zeitschrift kann ich nur Lob spenden. Außer der eigentlichen Bibliographie, nämlich der Angabe von Einzelschriften, die in Hebraica und Judaica geteilt, sind und die naturgemäß während des Krieges nicht so reichlich sind wie in Friedenszeiten, befinden sich in diesem starken Hefte zwei Abhandlungen des Herausgebers, der der vornehmste Mitarbeiter seines Blattes ist. (Einzelne kurze Besprechungen rühren von I. Elbogen, Samuel Poznanski und W. Zeitkin her, der letztere hat auch eine kleine Abhandlung „Anagramme, Initialen und Pseudoninra neuhebräischer Schriftsteller und Publizisten" beigesteuert.) Die beiden großen Arbeiten des Herausgebers bilden jedenfalls den wichtigsten Bestandteil des Heftes. Die erste, die als der Anfang einer größeren Studie bezeichnet wird,. „Deutsche anonyme Schriften über Juden und Judentum", im ganzen 4003 alphabetisch nach den Anfangsbuchstaben, des Titels geordnet, gibt ein sehr lehrreiches Verzeichnis, das mit dein Jahr 1573 beginnt und 1913 schließt; wo es möglich war, ist der Name des Verfassers hinzugefügt. Es sind Broschüren, Reden, Romane, Schauspiele, Kataloge, gelehrte Werke für und gegen die Juden. Hauptsächlich aus dem 18. und 19. Jahrhundert, aber auch das 16., 17. und. 20. sind mehrfach vertreten. Die zweite, kürzere, Abhandlung darf man wohl auch als unter wesentlicher Mitarbeit des Herausgebers entstanden bezeichnen, wenn sie auch als Arbeit von L. Zunz veröffentlicht

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