Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
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IÜH MUS Tode der Tochter gab die Mutter aus deren literarischem. Nachlaß aus vielfache Bitten des großen Freundeskreises eine Sammlung „Hymnen, Gebete und religiöse Betrachtungen" heraus, die, in verschiedenen Zeiten von dieser zu ihrem eigenen Gebrauche geschrieben, durch Tiefe des Gefühls und Erhabenheit der Gedanken sich auszeichnen. Ein Jahr später, 1854, folgte Sara Aguilar ihrer Tochter in die Ewigkeit. Regina Neißer. Sie Lullen und ihre Wrrtlchätzung eintt und jetzt. Von Dr. MarcuS Landau, ie Besiegung des großen Napoleon durch den strengen russischen Winter von 1812, nicht durch die Tapferkeit der Russen oder die Genialität ihrer Feldherrn, die ja bis dahin stets von den Franzosen I und, solange bei den Polen Einigkeit herrschte, von diesen geschlagen worden waren; dieser Sieg hat bei den anderen Völkern Europas eine übertriebene, falsche Vorstellung von der Macht Rußlands erzeugt. Dazu hat noch das Eintreten Katharinas II. und Alexanders I. gegen die französische Republik für die legitimen Monarchen ihnen die Dankbarkeit und das Vertrauen derselben, freilich auch den Haß aller freiheitlich Gesinnten unter den zivilisierten Völkern Europas erworben. Man sah von rechts und links nur den für unbesiegbar gehaltenen, mächtigen Oberpolizeimeister Europas. Selbst die langandauernden, mühseligen Kämpfe zur Unterwerfung des schwachbevölkerten Kaukasus; und die Niederlagen im Krimkriege haben nicht zu einer ■ richtigen Einschätzung der Macht Rußlands geführt. Dabei hatte man auch eine falsche Vorstellung von den ' intellektuellen und moralischen Fortschritten der Russen. Weil ihre höheren Klassen sich nach den neuesten Pariser Moden trugen, gewandt französisch parlierten, ja sogar Hegel lasen und über Philosophie zu schwatzen wußten, hielt man sie den gebildeten Klassen des westlichen Europa ebenbürtig. Den leibeigenen, in tiefstem Aberglauben versunkenen, von unwissenden Popen geleiteten, immer mehr Branntwein konsumierenden Bauer hielt man für den gehorsamen, nicht denkenden Sklaven des Väterchen Zar und seiner Tschinowniks. Wie dieser von der Kette losgelassene, von den Machthabern ausaehetzte Sklave wüten kann, hat man erst im gegenwärtigen Kriege wieder erfahren. Aber als solche hatte man sie schon, vor mehr als tausend Jahren kennengelernt. Es war im Jahre 863, als man in Konstantinopel, der Hauptstadt des hochkultivierten griechischen Reiches, zuerst von ihnen hörte: ein wildes, unbekanntes Volk, das sich Russen nannte, hieß, es, sei in das Reich eingebrochen. Auf zweihundert Barken durchschifften sie das Schwarze Meer und erschienen vor der Hauptstadt; auf der Fahrt landeten sie wiederholt, plünderten, mordeten und marterten, bis endlich ein großer Sturm ihre Flotte zerstörte, so daß nur wenige der Barbaren sich retten konnten, und diese wurden zum Christentum bekehrt. Man entließ sie in ihre Heimat, gab ihnen Priester mit, schickte sogar einen Erzbischof zu ihnen, aber nur wenige wurden bekehrt, ihre Herrscher und der größte Teil des Volkes blieben Heiden. Mit diesen knüpften die Griechen sogar im Laufe des nächsten Jahrhunderts einen Handelsverkehr an. Aber der geringe Ertrag desselben genügte den Russen nicht, die inzwischen den Reichtum des griechischen Reiches kennengelernt hatten. Im Jahre 941 kamen sie wieder, in mehreren h Der beständige Rückzug unter Verwüstung des eigenen Landes,, dessen sich die Russen als eigener Erfindung rühmen, ist nur eine Nachahmung des von ihren jetzigen Verbündeten, den Franzosen, bei der Invasion in die Provence durch Karl V. im Jahre 1536 mit Erfolg Ausgeführten. tausend Barken, bis zum Eingang des Bosporus, sengten, raubten und mordeten mit unerhörter Grausamkeit, besonders die Geistlichen, kreuzigten sie, nagelten sie an Pfähle und machten sie zu Zielscheiben ihrer Pfeile; anderen schlugen sie Nägel in die Köpfe oder nagelten sie in den Boden ein und dergleichen mehr"). Aber eine in Eile zusammengebrachte kleine griechische Flotte brachte ihnen eine furchtbare Niederlage bei. Durch das griechische Feuer wurden sie mit ihren Barken verbrannt; die, welche sich durch Schwimmen retten wollten, ertranken oder wurden, wenn sie am asiatischen Ufer landeten, getötet, so daß nur sehr wenige entkamen und in ihre Heimat die Nachricht von der großen Niederlage bringen konnten. Es blieben indessen ihrer dort noch genug übrig, und im zehnten und elften Jahrhundert konnten die Griechen sich der inzwischen zu ihrer Konfession übergetretenen Barbaren in ihren Kriegen mit den Bulgaren bedienen, wie jetzt die Engländer und Franzosen der farbigen Soldaten aus Afrika und Asien. Die Bekehrung der heidnischen Russen zur griechischen Konfession durch die Missionare Kyrill und Method am Ende des neunten Jahrhunderts gab ihnen einen religiösen wie acht Jahrhunderte später der Reformeifer Peters I. einen kulturellen Firnis. Nicht unrichtig soll Napoleon gesagt haben: Grattez le Russe et vous trouverez le Tartare. Was an Keimen des Guten vorhanden war, ging unter der zweihundertjährigen Tatarenherrschaft verloren, deren Einfluß der nationale Historiker Nikolai Karamsin (lebte 1765 bis 1826) in seiner umfangreichen „Geschichte des russischen Reiches" in folgender Weise h geschildert hat: „Den Nationalstolz vergessend, erlernten -wir die niederen Ränke der Sklaverei, die bei den Schwachen die Stärke ersetzen, die Tataren betrügend, betrogen wir uns selbst untereinander mehr. Indem wir uns mit Gold loskauften von den Gewalttätigkeiten der Barbaren, wurden wir weit habsüchtiger und den Niederträchtigkeiten fremder Tyrannen unterworfen, viel gefühlloser gegen Beleidigungen und gegen Schande. Das Gefühl der Unterdrückung, Furcht und Haß in den Gemütern erzeugen gewöhnlich düstere Roheit der Sitten. Dazu kam, daß die innere, bürgerliche Ordnung sich vollständig änderte. Alles, was den Schein der Freiheit und alter Bürgerrechte hatte, ward unterdrückt und verschwand. Ueberall verstummte die Glocke') der Volksversammlungen, der Ausdruck der höchsten gesetzgebenden Macht des Volkes. Dieses Recht der alten Städte war nicht mehr das Erbteil der neuen, weder Moskaus noch Twers, deren Ansehen unter den Monopolen entstand. Es blieb kein Mittelpunkt, kein gesetzliches Recht, sich dem Fürsten zu widersetzen: es erschien die Alleinherrschaft." Alles dieses ist unter Peter I. und seinen Nachfolgern noch schlimmer geworden, so z. B. die Einmischung in alle Privatangelegenheiten, die ewige Reglementier- und Gleichmachungssucht. Peter I. hat seinen Untertanen die Bärte, Nikolaus I. den Juden die Röcke beschneiden lassen. Dazu kommt noch das Erbübel der Trunksucht. Als Zar Michael, der erste Romanow, im Anfänge des siebzehnten Jahrhunderts um die Hand eines dänischen Prinzen für seine Tochter Irene ■) Le Beau, Histoire du Bas-Empire, t, XV, 486—489; t. XVI, 329. 3) Nach der Uebersetzung von Friedrich Badenstedt in „Ost und West". 4) Eines der schönsten russischen Gedichte, dessen Verfasser mir nicht bekannt ist, ist ein Gespräch zwischen dem Flusse Wolochow und der Turmglocke (Wjetschewi Kolokol), die Zar Iwan der Grausame von Groß-Nowogrod nach Moskau wegführen ließ, gleichsam die mächtige Stadt zur Stummheit verurteilend. Es ist im erste» Bande einer „Russischen Bibliothek" 1858 in Leipzig erschienen. Eine im vorigen Jahrhundert den russischen Despotismus bekämpfende Zeitung nannte sich vielleicht deshalb „Kolokol".