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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-09 · Heft 23 (9.6.1916) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 23 (9.6.1916)
Date
1916-06-09
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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Die Parole auf Versuche, die Staatsbürgerrechte je nach Abstammung verschieden 31t gestalten, muß für uns: krineipiis obsta! lauten. Dem Andenken einer FrühvolienLeten: Grsrr stguilar. Zur 10 0. Wiederkehr ihres Geburtstages den 2. Juni 1916. „Jung rusen die Götter, wen sie lieben, aus der Welt." Me n a nde r. C änger als ein halbes Jahrhundert ist dahingerauscht, daß ich als ganz junges Mädchen drei Bücher in kurzer Aufeinandersolge las, vielmehr sogar verschlang, die bis zur Stunde unentwegt in meiner Erinnerung sortleben: „Des Hauses Einfluß", „Der Lohn einer Mutter" und „Mädchenfreundschaft" von Grace Aguilar. Schon mehrere Jahre zuvor hatte ich jedoch ein Werk der verewigten Schriftstellerin, das ursprünglich den Titel „Das Zederntal" führte und damals von dem Institut zur Förderung der Literatur des Judentums als „Maria Henriquez Morales" veröffentlicht wurde, mit kaum minder hohem Interesse gelesen. Die Werke der englischen Schriftstellerin sind nicht nur in ihrem Vaterlande und in Amerika, sondern auch in Deutschland — in trefflicher Uebersetzuntz — viel gelesen und bewundert worden, und nicht nur von ihren Glaubensschwestern; sie wurden Gemeingut der gesamten Frauenwelt jener Zeit. Hoher sittlicher Ernst, tiefes religiöses Gefühl, gepaart mit einer für ihre Jugend bewundernswerten künstlerischen Objektivität, befähigten sie, eine Herzensergründerin und Seelendarstellerin, namentlich weiblicher Seelen, die Jüdin wie die Christin, in ihrer Eigenart meisterhaft zu schildern. Diesem vielversprechenden Talent schien eine glänzende schriftstellerische Laufbahn zu winken, doch Grace Aguilar war nur ein kurzes Erdendasein beschieden. Es erscheint als ein besonders tragisches Geschick, daß je reicher die Schaffenskraft des von begeisterter, glühender Verehrung für den Glauben seiner Väter wie von reinster Menschenliebe beseelten, durchaus nicht ehrgeizigen, hochbegabten jungen Wesens sich entfaltete, desto sichtbarer die Kräfte schwanden. Der Feuergeist verzehrte den zarten Körper. Grace Aguilar zählt zu den Poesie- und anmutsvollsten Gestalten der Weltliteratur. In Hackney in England erblickte sie am 2. Juni 1816 als die einzige Tochter des Emanuel Aguilar, eines Nachkommen der in der Zeit der grausamen Judenverfolgungen aus Spanien nach England geflüchteten Familien, und seiner Gemahlin Sara das Licht der Welt. Das überaus zarte, geistig ungemein regsame Kind bedurfte der größten Sorgfalt und Schonung. Grace empfing daher ihren Unterricht im Hause, und obgleich jede Ueberanstrengnng ängstlich vermieden wurde, zeigte das kleine Mädchen frühzeitig neben ungewöhnlichen geistigen Anlagen hohen Lerneifer. Bücher waren dem kleinen Mädchen das Liebste. Frühzeitig gewöhnte es sich aus eigenem Antriebe zu Pünktlichkeit, Ordnung und kluger Zeiteinteilung, um möglichst viel leisten zu können. Ebenso regte sich frühzeitig der Schaffensdrang. Mit sieben Jahren begann sie ein Tagebuch zu führen; zwölfjährig verfaßte sie ein Drama „Gustav Wasa", und kurz daraus erschien eine Sammlung Gedichte. Ihre hochgebildete Mutter hatte vollstes Verständnis für das ideale Streben der Tochter, hielt sie jedoch zur Erfüllung aller häuslichen Pflichten an, um so mehr, als das Familienhanpt lange kränkelte und die beiden Söhne in der Ferne ihren Berufsstudien oblagen. 1835 starb Emanuel Aguilar. Sein Tod breitete trübe Schatten über den Lebenshorizont seiner Gattin und Tochter. Immer inniger schlossen sich diese aneinander, um so mehr, als Sara, selbst leidend, der sorgsamsten Pflege bedurfte. Ihre Vertiefung in die mosaische Lehre, ihre schwärmerische Hingebung für den Glauben, dem sie angehörte, für den Tausende Leben, Gut und Blut geopfert hatten, zeitigten den Roman „Das Zederntal oder Der Märtyrer", der die Schicksale der Juden in Spanien im 15. Jahrhundert behandelt und für ihr bestes Werk gilt. Das tiefreligiöse Buch „Der Geist des Judentums" und die Uebersetzung eines Merkchens des Marannen Orobio de Castro aus dem Französischen: „Die Verteidigung Israels" lenkten die Blicke weiterer Kreise auf die jugendliche Schriftstellerin. Neben der Gedichtsammlung „Der Zauberkranz" erschien eine Erzählung aus der Geschichte Schottlands: „Die Tage von Bruce" in zwei Bänden. In dem Werke „Der jüdische Glaube" zeigt sie die Moralität der Juden im strahlendsten Lichte, während sie in dem zweibändigen Buche „Die Frauen Israels" die berühmtesten Glanbensgenofsinnen aller Zeiten behandelt. „Häusliche Szenen" und „Herzensstudien" bekunden die sinnige Richtung der jungen Dichterin und führen hinüber zu jenen drei Werken, die den Ruhm Grace Aguilars in der Alten und Neuen Wett verbreiteten und befestigten, den Schilderungen des Familienlebens und häuslichen Glückes: „Der Einfluß des Hauses", „Der Lohn einer Mutter" und „Mädchenfreundschaft", die in der Folge in zahlreichen Auflagen erschienen. Mit ihrer letzten Arbeit: „Geschichte der Juden in England" kehrte sie wieder zu ihrem Lieblingsthema zurück. Aber immer schwächer und hinfälliger wurde sie; sie mußte verzichten, die Musik zu üben — sie sang und spielte Harfe und Klavier —, und ihre geliebte Mutter erfuhr das traurige Los, nun die Tochter pflegen zu müssen, deren Tage gezählt waren. Mit rührender Seelengröße suchte die junge Dulderin die Ahnung ihres nahen Endes zu verbergen; sie trug ihre Leiden mit Geduld und Ergebung, die Mutter tröstend und aufrichtend. Als Mutter und Tochter am 16. Juni 1847 England verließen, fühlten beide, die Schwerkranke würde die Heimat nicht wieder betreten. Nach mehrwöchigem Aufenthalt in Frankfurt a. M. begaben sich Mutter und Tochter nach Schwalbach. Da Genesung nicht mehr möglich war, kehrten sie bald nach Frankfurt zurück. Ruhig und gefaßt sah Grace dem Tode entgegen; die Sprache hatte sie verlassen und mit den seelenvollen himmelwärts gerichteten Augen suchte sie noch die trostlose Mutter zu beruhigen. Am 16. September 1847 schwang sich Grace Aguilars reine Seele zu Gottes Thron empor. Ihre letzten Worte waren: „Auch wenn er mich tötet, will ich auf ihn vertrauen." Auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt a. M. hat sie ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ihr Grab bedeckt ein Stein, der die Inschrift trägt: „Preiset sie nach den Früchten ihrer Hände, ihre Werke werden sie loben in den Toren." Grace Aguilars Tod wurde von den Juden Englands, Amerikas und Deutschlands als ein schwerer Verlust schmerzlich empfunden. Mit ihr war allzu früh eine jüdische Schriftstellerin heimgegangen, die in hingebungsvoller Liebe und Treue zu ihrem Volke durch ihre Schriften wesentlich beigetragen hat, manche Vorurteile gegen die Juden zu entkräften und zu besiegen. Die schwergeprüfte Mutter hat das Leben ihrer Tochter beschrieben und deren verschiedene Werke mit erläuternden Vorreden begleitet. Durch sie erfuhr man erst in vollem Umfange, welch reiche Gaben des Geistes und Gemütes die Heimgegangene besaß. Sechs Jahre nach dem

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