Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229256--72277-3284710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
267 der Bulgaren und der Deutschen, von dem wir uns, da er gewiß planmäßig vorbereitet und mit zureichenden Kräften unternommen ist, die schönsten Erfolge versprechen. Und England, der Hort aller unserer Gegner, scheint > öllig zu versagen. Angriffe der Engländer bei Givenchh wurden siegreich zurückgeschlagen. Die erfreulichste Botschaft jedoch, die unsere Festesstimmung am Wochensest erhöhte, war die von einer Seeschlacht in der Nordsee, Lei der natürlich auch unsererseits ziemliche Verluste zu beklagen i nd, die aber mit ungeheuren Opfern der Gegner an Schiffen > nd Mannschaft und mit einem vollen Triumph unserer Flotte uidete. Ein dänisches Blatt nennt diesen Kamps den größten weesieg der Weltgeschichte. Für uns bedeutet er einen uneeheuren, gar nicht hoch genug einzuschätzenden Triumph. '.Sie gewaltig, überraschend und für England niederschmetternd dieser Sieg über die sogenannte unbesiegliche Flotte ist, geht daraus hervor, daß englische Blätter schon jetzt den Verlust ron zehn Schiffen von zusammen 103 000 Tonnen Gehalt ein- > estehen, während unsere Verluste, so bedauernswert sie auch i nd, nur 19 000 Tonnen betragen. Es ist ein so gewaltiger . chlag für unseren schlimmsten Feind, ein so herrlicher und > roßer Sieg für unsere Marine, daß wir ihn nicht hoch und dankbar genug Preisen können. (In diesem Gefühl wird uns t uch die Prahlerei der Engländer nicht stören, die trotz des i ingeständnisses ihrer ungeheuren Verluste von ihrem Siege ]d sprechen wagen.) So hat sich auch unsere Marine glänzend Gewährt, und die stille Hoffnung unserer Feinde, daß durch d ie englischen Seekräfte ein Umschwung zu ihren Gunsten ein-! eien werde, ist gründlich vereitelt. Vielleicht kommen unsere Gegner infolge aller solcher Tat- > ichen allmählich zu der Erkenntnis, daß ihnen nichts anderes i brig bleibt, als den Frieden zu erbitten. Einstweilen freilich verstärken sich nur die Gerüchte von l 'n Absichten der Fri ed ensvermittlun g seitens i er neutralen Staaten. Mit dem Vorhaben des Präsidenten elllson ist Frankreich gar nicht, England höchstens insoweit i »verstanden, als es in dem Präsidenten der Vereinigten taaten auch ferner, trotz der scharfen Sprache, die Amerika ' i Sachen des Postraubes führt, einen Wahrer seiner Jnter- 1 fett sieht. Aber neue Apostel der Friedenssache werden genannt. Zu! ein Papst, der als Friedenssürst als der geeignetste, ja gei orene Mittelsmann erscheinen könnte, wollen sich die Mächte! lcht recht verstehen; von verschiedenen Seiten wird die Aufl erksamkeit auf den König von Spanien und die vnigin von Holland gelenkt. Freilich hat England, - as, da es sich der Macht sicher wähnt, gar keine Scheu kennt,! ch früher bemüht, von Holland einen Bruch der Neutralität t erzwingen und ganz neuerdings macht es, wie man beuchtet, Anstrengungen, von Spanien den Durchzug portu- - lest sch er Truppen nach Frankreich zu erzwingen. Aber es hcint doch, als wenn sich auf die genannten beiden Mächte, ■' olland und Spanien, die Augen aller wirklichen Friedens- ' ennde richteten, zunächst vielleicht mit der Beschränkung, aß eine dieser Mächte die leitenden Staatsmänner der kriegihrenden Mächte zu einer Aussprache zusammenberufe. Im Gegensatz zu diesen Friedensstimmungen steht nur eine lenßerung des russischen Politikers Miljukow, der zu mem englischen Berichterstatter folgende Aeußerungen getan at, die er Wohl in seiner Verblendung vielleicht selbst glaubt: „Wir zweifeln nicht mehr daran, daß das Dardanellenroblem zwischen der britischen und der russischen Regierung im Mischen Sinne entschieden worden ist. Rußlands nationale Ziele 'aren ohne den Besitz Konstantinopels nicht vollständig veroirklicht. Wir erklären, daß Konstantinopel vollständig und ohne!eden Vorbehalt den Russen gehören muß. Rußland muß das Recht erhalten, Befestigungen an den Meerengen zu bauen und die Durchfahrt von Kriegsschiffen nach Belieben zu verbieten. Nachdem ivir einmal uns den Weg durch die Dardanellen gesichert haben, werden wir es nicht nötig haben, einen Landausweg zu suchen. Und ist Konstantinopcl in russischen Händen, so werden uns die Balkanstaaten kein schwieriges Problem inehr ausgeben. Was Polen betrifft, so glauben meine Partei und ich, daß Polen zwar mit Rußland vereinigt bleiben, aber eine vollständige Autonomie erhalten muß, wahrscheinlich nach dem Grundsatz der irischeil H o m e r u l e. Diese Antonomie muß jedoch von den russischen gesetzgebenden Kanimern ziigestanden iverden, nicht durch irgendlvelche Faktoren außerhalb der russischen Gesetzgebung". — Auf die Frage, ob man in Rußland den möglicheil Verlust des von den Deutschen besetzten russischen W e st g e b i e t s in Betracht ziehe, ivie der deutsche Reichskanzler es andeiitete, antwortete Miljukow: „Niemals. Wir sind mit unsereii Bundesgenossen vollständig einig, daß von Frieden keine Rede sein kaiin, solange eine solche Drohung besteht. Wir »vollen den deutschen Militarismus zertrümmern, ivir iiiüffen die deutsche Psychologie, die deiltsche Verfassung vollständig verändern. Wir glauben fest daran, daß es keine Sicherheiten für den europäischen Frieden geben kann, ivenn Dentschland nicht zerschmettert wird " * Aus Genf erhalten wir folgende Zuschrift: Am 3. April vereinigten sich in Genf dieinderSchweiz ansässigen rumänischen Israeliten, um über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Rumänien zu beraten. In Anbetracht der Tatsache, daß die Lage genannter Bevölkerung, anstatt sich zu bessern, sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr verschlimmert hat; daß die rumänische Regierung fortfährt, die einheimischen Juden als Fremde zu behandeln, trotzdem sich Rumänien formell verpflichtet hat (siehe die Note Boerescus an die Großmächte vom 28. August 1879), sie nicht als Fremde zu betrachten, und ihnen gegenüber die Handhabung einer freundlichen Politik versprochen hat, so muß man allmählich zur vollständigen Gleichberechtigung der Jaden gelangen solle, gemäß dem Artikel 44 des Berliner Vertrages; daß seit 1879 bis heute in Rumänien mehr als 200 Gesetze erlassen worden sind, die, angewendet auf die Juden, unter dem Vorwände, daß sie Fremde wären, sie immer stärker in ihren Lebensmöglichkeiten bedrücken, sie in materielles und moralisches Elend versetzen und sie zur Auswanderung zwingen; daß, trotz allen Beweisen des Patriotismus und trotz der Aufopferung, die die Juden im rumänischen Befreiungskriege und im Feldzug gegen Bulgarien im Jahre 1913 an den Tag gelegt haben, die Haltung Rumäniens ihnen gegenüber sich nur nicht gebessert, sondern sich eher noch verschlimmert hat (wir erwähnen unter anderem: die unwürdige Behandlung der Juden im Heere, wo sie verdächtigt und als ein inferiores Element betrachtet werden; das Gesetz betreffend die Fremdenkontrolle, welches darauf hinaus will, die Juden offiziell ein für allemal zu Landesfremden zu stempeln; die Schwierigkeiten, welche den Juden vorsätzlich bei der Ausstellung von Reisepässen gemacht werden; die Austreibungen der Angehörigen der einberufenen jüdischen Soldaten usw.): haben sie beschlossen, einen Verband gleich dem jüngst in Paris gebildeten zu gründen und ein aus den in verschiedenen Städten der Schweiz ansässigen Mitgliedern zusammengesetztes Aktionskomitee zu wählen, welches in Genf seinen Sitz haben soll. Dieses Aktionskomitee soll durch alle möglichen Mittel zugunsten seiner in Rumänien leidenden Glaubensgenossen wirken. In erster Reihe wird das Komitee daran gehen, die ausgewanderten und im Auslande ansässigen rumänischen Israeliten in ähnlichen Verbänden zusammenzuschließen. Nach Errichtung dieser Verbände wird das Aktionskomitee in einer europäischen Hauptstadt einen Kongreß der Verbände der rumänischen Israeliten einberufen, der die Mittel besprechen soll, durch die eine Verbesserung der traurigen Lage der Juden Rumäniens herbeigeführt werden könnte. Bis dahin soll das Komitee in der Presse und auf allen zu Gebote stehenden Wegen