Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 22 Berlin, 2. Juni 1916 €* Der Oemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK IndentumK". korrelponLen-rn und Aachrichtm. Deutschland. Berlin, 30. iHm. Eine in dieser Zeit des offiziellen „Burgfriedens" besonders interessante Lektüre bietet der „Hammer", der sich zwar „Parteilose Zeitschrift für nationales Leben" nennt, in der Tat aber das Organ des fanatischsten Antisemitismus ist. Er enthalt regelmäßig eine Rubrik „Umschau", in der ans der ganzen Welt alle Notizen znsammenaetragen werden, in denen Juden oder vermeintliche Juden eine ungünstige Nolle spielen. Wie dabei verfahren wird, das wollen wir einmal, schreibt „Die Welt am Montag" in Nr. 22, an dem Beispiel der Nummer des 15. Mai tnrz charakterisieren. Ta wird z. B. der auch von uns behandelte große Militärliesernngsschlvindetprozeß in Preßbnrg erwähnt. Sorgfältig werden alle jüdisch klingenden Namen der Mitangeklagten erwähnt. Nicht erwähnt aber wird der katholische Propst, der die unerfreulichste Nolle unter den Angeklagten spielt. Mitten unter all den kurzen Notizen über die Juwel und Karfunkel, Kohn und Rosenb-anm liest man: Am 20. April ist in Neukölln (Berlin) der dreijährige Kunde Rudolf Kreiser ans der Ziechenstraße 08, spurlos verschwunden. („D. Taaesztg." Nr. 20'.).) Ter naive Leser fragt sich erstaunt: Warum die Reproduktion einer so gleichgültigen, alltäglichen Notiz? Ter Tnrchschnittsleser des „Hammer" aber sagt sich: Aha! Ehristentnabe unmittelbar vor Ostern „spurlos" verschwunden! Denkt an Tisza-Efzlar, Könitz nsw.! - -Bon besonderer Perfidie ist nachstehende Notiz ans der famosen „Umschau": „Es wird uns berichtet, in Berlin nnd Frankfurt a. Ul. habe sich ein Frauenbund gebildet, der ans die Jugenderziehnng Einfluß üben null im Sinne einer Unterdrückung der kriegerischen Instinkte. Ter neue Bund, an dessen Spitze einige angesehene Israelitinnen stehen, soll von England aus unterstützt werden." Wie heißt dieser angebliche Frauenbund? Welches sind die Namen der „angesehenen Israelitinnen"? Wo ist der Beweis für die „englische Unterstützung"t Ter „Hammer" wird sich hüten, auf diese Fragen zu antworten. Er kann natürlich nicht antworten. Aber der Zweck der Notiz ist klar: Judenhaß soll um jeden Preis verbreitet werden. B. T. Berlin, 30. Mai. Am 5. v. M. konnte der Verein s ü r B olks n n t e r h a l t n n g aus eine 25jährige Tätigkeit znrückblicken. Aus Anlaß der schweren Zeit, in der nur leben, hat er den Tag ohne jede Feier Vornbergehen lassen. Könnte man aber all die Anregung und Freude, die Erhebung und Verklärung des grauen Alltagslebens, dir er in diesen Jahren Hunderttausenden gebracht hat, überschauen, so würde man mit Dankbarkeit vor dieser deutschen Knltnrleistnng stehen, die auch dem ärmsten Berliner seinen Anteil an deutscher Kunst nnd Schönheit übermittelt hat. Noch immer steht an der Spitze des Vereins min Begründer, Tr. I am es Simon. Unter seinen vielen Verdiensten itm die Kunst nnd nationale Kunstsammlung dürfte die Wirksamkeit dieses schlichten Vereins nicht das geringste sein. Auch im zweiten Kriegswinter hat der Verein seine Tätigkeit fortgesetzt. Es wurden 20 Bolksiinterhabtungen veranstaltet, sechs im Bürgersaal des Rathauses, vier im Konzertsaal der königlichen Hochschule für Musik, eine im Beethoven- Saal, eine in der Singakademie, eine hu Hörsaal des Kunstgewerbemuseums, drei Lichtbildervorträge in der Urania nnd vier Nachlnittagsvorstellnngen im Deutschen Opernhaus, linker den Vortragenden befinden sich Namen erster Künstler und Redner, die es ermöglichten, der Bolksunkerhaltung die vornehmste Form zu geben. Ter Magistrat von Berlin gewährte wieder einen Zuschuß von 30uu Maxk, was den Verein in die Lage setzte, eine große Anzahl Freikarten an städtische Beamte, Arbeiter und Fortbildnngsschüler zu verteilen. Die Generalversammlung wählte die ansscheidenden Mitglieder des Vorstandes aufs neue in den Vorstand. 22 Berlin, 30. Mai. Der Verein „Israelitisches Lehrerinnen heim" (Groß-Lichterfelde bei Berlin, Karlstraße 112«) hielt im April seine ordentliche Mitgliederversammlung ab, die iu Abwesenheit des ersten Vorsitzenden von Fräulein Pauline M ü n chh a n s e n und Frau Henriette Mah geleitet wurde. Nach dem Bericht der Kommission ist es trotz der schlveren wirtschaftlichen Verhältnisse gelungen, ihren den Insassinnen gegenüber freiwillig ans sich genommenen Verpflichtungen gerecht zu werden. Die durch den Krieg unterbrochene Propaganda macht sich schmerzlich bemerkbar, so daß von den zahlreichen Peteutinnen, die bimi) Alter nnd Würdigkeit vollständig den Anforderungen mit Aufnahme entsprochen hätten, nur eine an Stelle einer durch den Tod ausgeschiedenen Insassin ausgenommen werden konnte. Tie Zahl von 26 Insassinnen ist somit die gleiche geblieben. Das Genesungsheim ist allmonatlich durch eine oder mehrere Lehrerinnen besucht gewesen. — Tie Gewinnung neuer Mittel und neuer Freunde für die Arbeit des Vereins ist d r i n ge nd cif or de r l i ch. Berlin, 30. Mai. Nach den vis 1. Mai eingeaangemu Kriegsndressenmeldnugen stehen von über 1000 Mitgliedern des K. C., unter Einrechnnng der Gefallenen oder infolge Verwundung oder Erkrankung als dienstnnbrauchbar Entlassenen, 850 im Heeresdienste. Hiervon gehören bzw. gehörten dem Feldheere bereits über 690 an. 231 Kartellbrnder haben ihre Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse, einer mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse, 61 sonstige Kriegsailszeichnnngen gemeldet. Zn Offizieren des Benrlanbteustandes wurden 40 K. E.er lvähreud des Krieges befördert: 33 K. E.er im preußischen Heere einschließlich des loürttembergischen Kontingents, 7 im bayerischen. 2 K. E.er lourden zu Feldwebellentnants befördert. 22 Königsberg i. Pr., 26. Mai. Nach Abschluß der langwierigen Verhandlungen mit der Reichsbehörde über die ans Anlaß des Angestelltenversicherungsgesetzes notwendig gewordene Umgestaltung der Pensionskasse für die Beamten der Synagogengemeinden Ostpreußens gibt der Vorstand nunmehr Bericht über die Entivicklnng der Kasse in den letzten vier Jahren. Tie Reichsoersichernngsbehörde hat die ostprenßische Pensionskasse als selbständige, die ge- 1 e tz l i ch e V e r s i ch e r n n g e i n s ch l i e ß e n d e V e r s i ch e - r n n g s k a s s e anerkannt und das n e n e K a s s e n st a t n t derselben genehmigt. Dabei hat die Kasse den neuen Namen „Pensionsnnd Hilfskasse für die Beamten der Synagogengemeinden Ostpreußens" angenommen. Als „Pensionstasse" erfüllt die Kasse die Aufgaben der gesetzlichen Versicherung. Als „Hilfskasse" nickt sie die unzureichenden gesetzlichen Renten nach Maßgabe ihrer Mittel durch Zuschüsse zn erhöhen. Außerdem dient die Hilfstasse der Versicherung derjenigen Beamten, die ihres Alters wegen in die gesetzliche Versicherung nicht anfgenonunen wurden, und der Versorgung der bisher schon vorhandenen Pensionäre. Für die bei der Kasse versicherten Religionslehrer nnd sonstigen Privatlehrer ist der Vorstand eine vorteilhafte Rückversichern ug bei der vom preußischen Kultusministerium eingerichteten „Allgemeinen Deutschen Pensionsanstalt für Lehrer und Lehrerinnen in Berlin" einaeaangen. Bei der ostprenßischen Pensions- und Hilfskasse sind fast sämtliche ostprenßische jüdische Gemeinden nnd Vereine mit ihren versicherungspflichtigen und den übrigen, sonst unversorgten Beamten angeschlossen. Tie Versicherungsbeiträge für beide Kassenabteilnngen werden ausschließlich von den Gemeinden getragen. Tie Zahl der versicherten Beamten betrug im letzten Jahre 72. Infolge der Kriegsverhältnisse ruht bei einzelnen Gemeinden die Bersichernng bis zur Neubesetzung der Stelle. Tie V e r s i ch e r n n g d e r z n m M ilitärdi c lt st e r n g e z o g e n e n B e a m t e n läuft ohne Beitragszahlung weiter. Die letzten vier Jahre ergaben einen Bermögenszuwachs von rund 34 000 Mart bei einem Gesamtvermögensbestande der Kasse von 135 131 Mark. Bemerkenswert in den Ausgaben der Kasse sind die Leistungen für Hei tz w e et e an die versicherten Beamten im Betrage von ca. 1000 Mark. An Pensionen hatte die Hilfskasse hu letzten Jahre zwei Ruhegelder und sieben Witwennnd Waisenpensioneu zn zahlen. Tie Leistungen der Pensionskasse treten erst ein nach der gesetzlich vorgeschriebenen zelgijähriaen Wartezeit. Ter Kasse sind auch in der Berichtszeit zahlreiche Spenden zugegangen. Wegen der ans den Kriegsverhältnissen entstandenen allgemeinen Teuerung wurde den Pensionären zunächst über die Krwgszeit eine laufende T e n e r u n g s z u l a g e von