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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-02 · Heft 22 (2.6.1916) · p. Seite 264

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 22 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
Seite 264 (sequence 12)
Language
German
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3lbcr ibenlc Figuren - freilich mit manchen Beschräutnngen sind die übrigen nächsten Verwandten des jungen Karl Maria, vor allem seine herrliche Mutter, die nur für das (Stück ihres lindes lebt imb um dies ()u fördern und zu sichern, aus dem Hause ihres Gatten, des rohen Patrons, flüchtet. Sic zieht zu diesem Zwecke in das Hans ihres Bruders, des Organisten Williguth, der zwar ein arger Hausthranu und ein überkrästiger Schulmeister, aber ein völlig in der Musik lebender Mann ist und trotz aller Schrullen und arger Pedanterie seinem ^Lessen und Schützling die sichere Grundlage zu seiner wirklichen musikalischen Entwicklung gibt. Die übrigen Mitglieder des Willi gnthschen Dauses interessieren uns in diesem Zusammenhang weniger: die Mutter, -ine treffliche Kochtünstlerm, der eine Sohn, der es zu einem berühmten Ringkämpfer bringt, auch durch die Bermittlung des schon genannten berühmten Impresario, ein anderer Sohn, ein Arzt. Dagegen ums; die Tochter Gnndel, eine Riesin, wie Williguths alle, aber uiit dem Zartesten, weiblichsten Gemüt ausgestattet, hervorgehoben Werdern Sie ist der wahre Schutzengel ftnrl Marias, die ihn immer ansnimmt nnd hegt, soviel er auch sündigt, die nichts für sich verlangt, sondern immer auf die Zukunft sich vertröstet, die dem Liebeswerben Zvsef Italieners widersteht, solange ihre Aufgabe noch nicht vollendet ist, ihren Schützling znm Btanne zu machen, nnd die alle Abenteuer und Irrfahrten ihres Betters duldet, ja entschuldigt, obgleich sie weih, das; alle diese Wege den Freund von ihr entfernen. Bielleicht konnte man einwenden, daß eine solche Entsagung über das menschliche Können hinausgeht, aber die Schilderung dieser stillen Heroine ist von einem unendlichen Zauber erfüllt. So seltsame Käuze Herr Williguth und manche Mitglieder seiner Familie sind, so un'rbcu sie noch übertroffen durch die beiden anderen Lehrmeister unseres jungen Künstlers, Herrn Andreas Katzenkopf, einen gescheiterten Virtuosen, aber tüchtigen Musiker, der unseren jungen Künstler in eine Artistengesellschaft einreiht nnd ihn auf einer Kunstreich mit sich schleppt, auf der er eine Zeitlang von dem seltsamen Lehrer künstlerisch ausgebildet und sittlich betreut lvird. Und eine nicht minder seltsame Figur ist der Generalintendant, der in seinen Nebenstnnden dem Spiel und der Venus huldigt, aber ein außerordentlicher Musitsrennd und ein prächtiger Mensch ist. Gemeinsam mit seinem Kanunerdiener, einem ehemaligen Musiker, einer sonst höchst grotesken Person-. liehkeit, wird er das eigentliche Schicksal unseres jungen Künstlers. Denn er verhilft ihm nicht nur zu der Stelle eines ersten Geigers im Dosorchester, sondern bildet ihn in seiner Privatkapelle zu einem die alten Meister verehrenden Virtuosen ans, übergibt ihn schließlich der Obhut des ersten Violinkünstlers jener Zeit, Hans Geßuer, und erlebt den Triumph, daß sein Schützling von jenem Meister als sein Nachfolger proklamiert nnd von der Welt als sein Ersatzmann anerkannt lvird. Der Roman zeugt von einer nngelvöhnlichon Liebe nnd Kenntnis der Musik; die zahllosen Schilderungen von Vach, den italienischen Meistern, Mozart, Beethoven. Schumann zeugen von einer bemerkenswerten Kennerschaft und von einem tiefen Verständnis des Wesens der alten Meister. So ist der Roman, dem wir in seinen einzelnen Episoden, z. B. dem Liebeshandel des jungen Karl Maria mit Drir (Beatrice), der Schwiegertochter des Generalintendanten, nnd manchen Nebenhandlungen nicht zu folgen beabsichtigen, eine großzügige und vielgestaltige Entlvicklung eines Künsttertebons. Was uns aber veranlaßt, dein Werke an dieser Stelle eine Besprechung zu gewähren, das ist die Borführung der jüdischen Kreise. Wir wiederholen, daß diese keineswegs sehr erfreulich ist, aber es muß nvchmals betont werden, daß der Autor durchaus frei ist von antisemitischen Tendenzen und daß er über eine scharfe Beobachtung llnd starke realistische Fähigkeit der Darstellung verfügt. L. G. * ■£> e b r ä i j che L e s e f i b e l f ü r die z lv ei er st e n S ch u l - j a h r e. Bon N. L i e b m a n n, 9., vermehrte Auflage nnd vollständig nettbearbeitet von Simon Di n g f e l de r. Frankfurt a. M.. F. Kaufmann. Es sei Geich frei herausgesagt, daß, so löblich auch die Absicht des Verfassers lx'ziehnngsweise des Bearbeiters sein mag, die diesbezügliche Literatur um ein methodisch angelegtes nnd praktisch Verlvertbares Büchlein zu bereichern, der Versuch als gescheitert angesehen werden muß. Meinem Geschmack wenigstens entspricht die Fibel weder in Rücksicht auf die Auswahl des Lesestoffes uoch in bezug aus die methodische Anordnung desselben. Dabei null ich gern zngeben, daß ^-üddentschlaud andere Maßstäbe alllegt und andere Bedürfnisse kennt. Der -eigentliche Zweck einer Lesesibel muß in erster Linie nnzweifelhaft der sein, eine gewisse mechanische Lesegeläufiakeik zu erzielen -- ans verhältnismäßig kurzem Wege ohne besonders große Mühe für das Kind nnd ohne zu viel Aufwand von häuslichem Fleiß die Schulrekruteu znm flotten Lesen zu bringen, nnd zwar vornehmlich zum Lesen solcher Stoffe, die im religiösen Leben in Familie wie Gotteshaus keine zu untergeordnete Rolle spielen. Für eitle Spielereien und überflüssige.unfruchtbare Hebungen darf die für den Religwnsunterricht ohnehin nur kllapp bemessene Zeit nicht unnntzerlveise in die Länge gezogen und vergeudet werden. Wenn zürn Beispiel die ersten acht Lektionen sich nur mit reinen Vokalen ohne Konsonantenverbindung beschäftigen, so kann das nur Laugelveile, keineswegs aber Spannung oder Interesse erzeugen. In den Beispielen gehen deutsche und hebräische Vokabeln ohne jeden logischen Zusautmenhang, ohne straffe Konzentration, ohne sachlich zusammengehörige Gruppierung ganz bunt durcheinander, wie znm Beispiel in Uebung 13 von mul—reim—raum—auloni; in Hebung 14 von wSn—wemwollen (wobei das erste Lamed ohne Seherva voll Rechts lvegen gar nicht ausgesprochen werden dürste) neben nuröwel—mölafin. Bis zur Uebung 30 llmß man ungeduldig nnd sehnsüchtig ans zusanunenhüngende Sätzchen warten, die wiederum mit großer Abgeschmacktheit ohne jede innere Verwandtschaft ganz wahllos und rein willkürlich aneinandergereiht sind, so ZlllN Beispiel die kante war zu besuch; sie gab unserem friz fir in; das geld wollte er sparen; der vater aber sagte: gib davon den armen! so zalte er den zenten — neben der bedeutungsvollen Bened-iktion „haimnauzi lechem min hoorez“ und ..baure peri lioez“. Sehr bedenklich ist in Uebung 33 der grammatische Verstoß in: ..so lese diesen saz“ Soll das Kind durch das hebräische Lesen Durchaus gezwungen werden, gr-ammatische Sünden gegen die deutsche Sprache zu begehend Alle diese Kunststücke werden angestellt infolge der salseh verstandenen Forderung: gestalte den Unterricht interessant! Von der dritten Stufe an lvird die Anlage vernünstiger. Hier beginnen bald kleinere, bald größere Bibelsätzchen nnd kultische Gebet--- einhellen. Aber selbst hier ist des Guten bisweilen zu viel getan: das ganze „moaus zur“ mit seinem stellenweise sehr schwer zil lesenden Tert und seiner noch lveit schwierigeren sinngemäßen Uebertragung ins Tentsche ist für diese Stufe stark verfrüht und in jedem Std'dur ohnehin enthalten. Hebräisch-deutsche Schriftproben im Anhang sind für uns bedeutungslos; aber gar in rein deutscher Druckschrift dargebotene Liederchen von Gült, Trojan, Löwenstein, Eichendorff, Sturm habeil - - abgesehen von einigen kleinen Ge de teil zum Zwecke der Schnlandacht — in einer hebräischem Lesefibel nichts zu suchen, sie gehören in eine deutsche Lesesibel. Soll doch das hebräische Leseil nicht dazu dienen, das deutsche Lesen zu unterstützen nnd zu fördern, vielmehr umgekehrt. Ans diesem Grunde verschonen wir hier die Kadetten im ersten Schuljahre ganz nnd gar mit Hebräisch, weil wir der Ansicht silrd, daß erst na-ch Ueberlvindung der L-eseschlvierigkeit im Deutschen die Aneignung des Hebräischen besser vonstatten g-eht. Gegenwärtig erfreut sich' die Abrahamsche Fibel und auch die Levysche wohl mit Recht der grösztell Beliebtheit und Verbreitung. Beide haben sich -das Feld erobert gerade durch ihren methodisch so zweckmäßigen Ausbau. Ein flüchtiges Blättern in diesen beideil Fibeln zeigt sofort, lim wieviel sie die hier besprochene überragen. Soll die Literatur wirtlich eine Bereicherung erfahren, so müßte mindestens Gleichwertiges, besser noch Wertvolleres, geboten werden; ist doch ohnehill schon das Bessere der Feind des Güten, lvas sich an der Berdrängnilg der ehemals hierorts zugrunde gelegten „Horlvitzsehen Fibel" durch die Abrahamsche zeigt, wiewohl doch der Verfasser der echteren zu den begabtesten und erfahrensten Pädagogeil zählte. Ans den sehr dürftigen Bilderschrrnitk würde am besten zu verzichten sein; es lvird bisweilen recht schwer, zu errnt-en, was die Bilder bedeuten sollen. Anzuerkennen ist hierbei die Absicht, kultisches und häusliches Zeremoniell sinnfällig zu machen, aber nur gute Bilder erweisen sich nützlich und anregend, schlechte verfehlen ihren Zweck ganz lmd leiten die Phantasie des Kindes auf falsche Wege. Es ließe sich auch darüber reden, ob eine Fibel mit einem sorgfältig ansgewähtten Lesestoff nicht für ein Fahr vollständig ausreicht. Je früher die Kinder an die Pforte des eigentlichen Gebetbuches kommen, wo sie sich heimisch fühlen sotten, um so besser; alles andere ist nur Mittel znm Zlveck. A.ch, Berlin.

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