Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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263 Literarische Mitteilungen. : - Worter b ltch der w i chtieften G e 1} ctmuni) B er u f s s P r a ch e n. Indisch-Deutsch, Rotwelsch, Kmtdensprache; Loldaten-, Seemanns-, Weidmanns-, Bergmanns- und Komödiantensprache. Verfaßt von Dr. Erich Bischofs. Leipzig, Th. Griebens Verlag (L. Feruan). Da gegenwärtig in den Verhandlungen über das künftige Schicksal der Juden in Polen so viel vom Jüdisch-Deutschen geredet wird, kommt ein Wörterbuch sehr gelegen, das uns von dieser Sprache Kenntnis gibt. Der Verfasser spricht von seiner Eignung zu einer solchen Aufgabe mit folgendem Worten: „Ich besitze nicht nur praklische Kenntnisse im Jüdisch-Deutschen durch Persönlichen Umgang und sprachlichen Verkehr mit solchen, denen der Jargon Muttersprache war, so daß ich für die treue Aufzeichnung der Wörter und ihrer Anssprache Gewähr Übernehmen kann, sondern ich habe auch ans dem großen jüdisch-dentscheg Schrifttum die gebräuchlichsten Ausdrücke geprüft tmd ausgenommen. Zugleich aber glaube ich nach dem Urteil Berufener Fachmann genug aus Dem Gebiete der hebräischen, aramäischen tmd rabbinischen Literatur zu sein und zugleich auch die neueren in Betracht kommenden Sprachen so zu beherrschen, daß ich für richtigere Ableitung der Jargonwörter bürgen darf, als sie bisher erfolgt ist." Ich habe manches in der Sammlung angesehen, Neues gelernt und manches, was ich wußte, bestätigt gesunden; eine eingehendere Prüfling muß ich freilich Berufeneren überlassen. L. G. * — Gedicht e und Lieder von D. M a n n h e i m c r für die Soldaten- und Verwundeten-Abeude in Oldenburg. Verlag von Lollis Lamm, Berlin. Die Lieder, die der Verfasser znsammenstellt, sind teils Zli jüdischen Festen bestimmt (Chanttka und Purim) oder wenigstens jüdischen Inhalts, teils sind sie allgemein dem Kriege und dessen Schrecknissen gewidmet. Manche Gedichte sind sehr ernst, einige heiteren Inhalts, sogar in Eoupletform. Sie haben zu Oldenburg ihren Zweck erfüllt, wie aus der Tatsache hervorgeht, daß bereits eine zweite Auslage notwendig geworden ist; sie werden gewiß auch anderwärts Anklang finden. L. G. * E l c nt c u § 93 r e n t a n o u u d die B r ü d e r G r i nt nt. Bon R einhold Steig. Mit Brentanos Bildnis. Stuttgart und Berlin 1914. I. G. Eottasche Buchhandlung Nachfolger. Das Buch bildet eine Art Anhang zn den bändereichen Veröffentlichungen aus dem Grimmschen und Arnimscheu Nachlaß, die £err Steig in den letzten Jahren hat erscheinen lassen. Auch in diesem Bande finden sich wertvolle Schriftstücke, nur macht sich der Herausgeber seine Aufgabe sehr leicht. Er druckt alles ab, was ihm ein günstiger Zufall in die Hände gebracht hat, ohne Auswahl, mit einer allzu großen Verehrung des Kleinen und läßt die Zeugnisse ausschließlich für sich sprechen, so daß er seinerseits völlig darauf verzichtet, eine Charakteristik der Persönlichkeiten zu geben, die er zu Wort kommen läßt. Eine solche Eharakteristik wäre aber gerade bei der rätselhaften Persönlichkeit Clemens Brentanos unbedingt notwendig gewesen. Da eine solche fehlt, so ist seine Sammlung ein ziemlich unverdauliches Gemisch von Schriftstücken, in denen Persönliches und Literarisches bunt durcheinander vorgebracht wird. Das Literarische wiegt vor, und die Mitteilungen über Brentanos, Grimms, auch Arnims Werke, einiges über Goethe, Fouquv und manche andere sind von hohem Interesse. Für unsere Zwecke sind eigentlich nur zwei Notizen merkwürdig. Die eine bezeugt die allerdings schon sattsam bekannte Abneigung Brentanos (leider auch Wilhelm Grimms, denn von ihm rühren die beiden mitgeteilten Stellen her; 1809) gegen die Juden, die andere gibt eine Eharakteristik der Henriette Herz. Zu der ersten Stelle ist zu bemerken, daß die genannte Frau Zschock die Gattin eines Finanzrates in Berlin war. „Von der Zschock wurden wir auch etliche Mal invitiert, sie sieht ans, als wenn sie an irgendeinem alten Hofe gewesen sei, und nun in der Erinnerung daran lebe, so bedächtlich vornehm und steif ist sie; übrigens hat sie viel Jüdisches in ihrem Gesicht, wie wir auch immer ihre Gesellschaft halb von Juden zusammengesetzt fanden. Diesem fatalen Volk kann man gar nicht ausweichen, und es will ordentlich für gleich geachtet sein, sie würden sich längst alle in Berlin haben taufen lassen, iocim sie nicht hofften, es solle in Zukunft wohlfeiler geschehen; nur dann ein braver Christ ist, must ein Jude werden, um nicht unter sie zu geraten." „Die Herz sah ich mehrmals bei Reimer, deren schöner Kops und deren verständiges Wesen mir schon auffiel und gefiel, eh ich timnte, wer sie war. Wie sie aber anfstand, bin ich ganz erschrocken, und nmm ich aufrichtig sein soll, muß ich auch noch dieses jagen: eine Frau, ganz unabhängig von ihrem Geist und ihrer Bildung, macht einen fraulichen Eindruck, dieser aber fehlt der Herz ganz und gar ich sage auch nicht damit, daß sie nnweiblich wäre oder etwa mit Gelehrsamkeit prange, was sie nicht tut,, ttndich glaube auch, daß Männer nur diesen Mangel fühlen. Brentano hat sie sehr gut gefallen, und immer bleibt sie eine ausgezeichnete Natur." G. G. * — H ans Hart: „W u u derkinde r." Leipzig, Verlag von L. Staackmann, 1916. Ter Wiener Schriftsteller, von dessen Roman tu diesen Blättern schon mehrfach die Rede war, entrollt uns in dem vorliegenden Buche, das eigentlich der Anfang seines früheren Romans „Titanen" ist, den Entwicklungsgang zweier Wunderkinder und bietet uns so eine Doppelerzählnng, die man nach Gutzkowschem Borbilde einen Roman des „9! ebene in ander" nennen konnte. Tie beiden Wt'mdertinder sind der Geiger Karl Maria Trebenins, ein Christ, und Miriam Italiener, Sängerin, eine Jüdin, wie schon ans dem Namen hervorgeht. Der Verfasser des Romans, ein österreichischer Adliger, darf mm absolut nicht als Antisemit bezeichnet werden, versenkt sich vielmehr mit Vorliebe und CZchick in die Schilderung. des jüdischen Milieus und in die Darstellung jüdischen Familienlebens. Trotzdem muß mau sagen, daß in diesem Roman die Christen, freilich mit gar vielen Ausnahmen, einigermaßen als Lichtgestnltcn erscheinen, während ans die Inden viel dunkler Schatten fällt. Denn der junge christliche Violinspieler wird nach vielen Prüfnu.gen, Jrrtümern und Niederlagen ein hoher, bedeutender Künstler, der es mit seinem Berufe ungemein ernst nimmt, während die jüdische Sängerin, im Besitz einer phänomenalen Stimme und außerordentlicher Knustmittel, fast spielend zu einer glänzenden Virtuosin sich entfaltet. Während aber diese Schicksale auseinander - gehen, findet lange Zeit ein Zusammenwandeln statt. Denn Karl Maria und Miriam sind rächt bloß Nachbarskinder, die in ihrer Frühzeit miteinander spielen, sonderrt sie treten sich auch in ihrer Jugend näher, ja während eines zrtsäüigen Zusammenseins in Weimar so nahe, daß sie viele Wochen das iurrigste Liebesleben miteinander führen. Von der künstlerischen Entwicklung der Miriam ist nicht viel zu sagen; sie wird von einer großen Sängerin Ermattinger geschult, gerät bald in die Hände eines, übrigens köstlich gezeichneten, wichtigtuerischen jüdischen Impresario Lewis, der sie lanciert, läßt sich von einem hohen Adligen, dem Sohrt des Generalintendanten, aushalten und weiß ihren Vorteil überall zu erlangen. Ihre Umgebung besteht aus Menschen, die eben nicht geeignet sind, unser Wohlgefallen zu erringen. Zwei ihrer Schwestern mit deren Männern kommen nur ganz episodisch vor; ihre Mutter und ihr Vater Gideort sind hausbackene Gesellen, die sich in dem Ruhme ihrer Tochter sonnen und gelegentlich daraus Vorteil ziehen. Ihr Bruder Jaques ist ein geriebener Geschäftsmann, der es durch seine Geschicklichkeit weit bringt, aber skrupellos genug ist, aus den Launen des gräflichen Beschützers seiner Schwester die mannigfachsten Vorteile für sich zu ziehen. Nur der letzte ihrer Brüder ist gegenüber diesen robusten Realitütsmeuschen ein bißchen Idealist, aber zugleich ein großer Schlehmil. Er ist Künstler (Violinist), war einmal ein Wunderkind, hat es aber zu keiner selbständigen Künstlerschaft gebracht, sondern nur so weit, daß er in kleinen Kreisen sein Instrument zn handhaben und dem jungen Trebenins Führer in seinen künstlerischen Anfängen zu sein versteht. Dagegen besteht die Umgebung des jungen Trebenins ans erhabeneren Gestalten, wenn auch freilich bei deren Darstellung die Neigung des Verfassers zu Karikaturen stark hervortritt. Eine Ausnahme bilden nur Vater und Schwester: Der Vater, ein fauler, trunksüchtiger, gewalttätiger kleiner Beamter, der selbst die Schande seiner Tochter duldet, weil er ans ihr Vorteil zu ziehen hofft, die Schwester eine völlig verworfene Person, die, nachdem sie scheinbar zur Höhe emporgestiegen ist, in die tiefsten Niederungen herabzusteigen gezwungen ist.