Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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262 CeftrcicI) hört wohl den Jammerschrei, Dell Wehrnf und das Stöhnen. (5s reißt ihm schier das Herz entzwei; Jedoch, es muß ja sein . . . Vorbei . . Doch nun auch kein Versöhnen. sticht Schonung dem, der solches tut, Denn das sind nicht Soldaten, Sind Hunde, feige Mörderbrut, Für blanke Kugeln viel zu gut. Die solche Blutschuld taten. Ihr, die ihr all den Krieg gewollt, Für euer wütend Drängen, Da nun die Würfel sind gerollt. Holt euch den Lohn, ihr müßt und sollt Entehrt am Galgen hängen! Was aber vor Nadworna war. Das bleibe unvergessen: Unschuldig Blut mahn' Jahr für Jahr, Was Russenschuld auf immerdar Und Greuel unermessen! Vergeht, vergeht Nadworna nicht! Laßt es den Zaren wissen. Daß seiner Krone Demantlicht Verdunkeln muß vor dem Gesicht Nadlvornas, wundgerissen! „Ich bin der Herr, dein Gott!" Vom Sklavenbande Befreit' er uns und führte uns heraus, Er gab uns Speis' und Trank im Wüstensande Und schuf sich jedes Herz zum Gotteshaus. Er sprach, wir sollen Vater, Mutter ehren, Und daß der Ruhetag uns heilig sei. Wir sollen nicht nach fremdem Gut begehren Und redlich wandeln, makellos und treu. — Ach, taten wir's? Wir sah'n die Welt erzittern Born Kriegssturm, von Haß und Neid und Streit, Wir sah'n der Menschen Herzen sich verbittern Und Glaube fliehen. Lieb' und Menschlichkeit. Es raucht der Brand aus holden Lenzesfluren, Ertränkt vom Blute ward das junge Laub, Der Sorge folgt der Hunger auf den Spuren, Und Menschennot nutzt aus gemeiner Raub. Denn während draußen, mutig ohn' Erschlaffen, Der Unfern Heer erkämpfte Sieg um Sieg, Zog noch d-er Feind mit tückisch-grimmen Waffen Die armen Frau'n und Kinder in den Krieg. Ach, nicht der Feind nur, ihre eigenen Brüder! Ich fass' es nicht! — Ist denn die Welt verkehrt? Ist das der Deutsche, edel, treu und bieder. Der sich von Gut und Blut der Aermsten nährt? Vergeht es nie, vergeht es nie, Ihr Menschen in den Landen, Wie über alle Phantasie Beim Klang der Schlachtenmelodie Wehrlos den Tod sie fanden! Achttausend, die kein Grabstein nennt. Und deren Knochen bleichen. Und deren Tod wie Feuer brennt. Sind, ohne daß man Namen kennt, Gespenster, die nicht weichen. Ihr aber, die die Treue ihr Nicht wolltet Oesterreich brechen, Die Heimat liebtet so wie wir . . . Noch lebt ein Gott, der dort loie hier Hört Klagen und Versprechen! Nein, nein, wir zweifeln nicht an Gott, Ter in gerechter Stunde Wird über Haß, Gewalt und Spott Einst sprechen fein gewaltiges Wort Alis weisem Schicksalsmunde. Herrgott, vergiß Nadworna nicht! Wir wollen zu dir beten. Daß du, Herr Zebaoth im Licht, Uns hilfst, in heiligem Gericht Die Schande zu zertreten! Wochenfrst MK. 0 K)etUfl' schöne, wundersame Zeiten, Al« unser Volt zum heil'gen Berge kam lind ans dem Munde des von Gott Geweihten Das Herrlichste, Erhabenste vernahm. Das, was durch aller Zeiten Dunkel strahlte, Das Hort und Heil uns ward in jeder Nvt, Das Kleinod, das man tausendfach bezahlte Mit Schmerz und Qualen, unser Lebensbrot: Käm' jetzt der Friede, seine sanften Blicke Verhüllte er in Zorn und Schmerz fürwahr! „Ihr Menschen," ries er, „bringet mir zurücke Die schöne Erde, wie sie einstmals war! Macht, das; die tausend, tausend Tränen enden, Laßt Freude mich, Vertraun und Leben sehn, Schafft, daß ihr wiederum mit reinen Händen Vor Gott am heil'gen Berge könnet stehn. Er gibt ja ewig neu der Gnade Zeichen, Doch wahrt sie auch und hütet sie in Treu'n, Tann werdet reif ihr, Höchstes zu erreichen. Des hundertjährigen Friedens euch zn freuen!" B e r l i n, im Mai lü16. Jenny B e r g m a 11 n. Lulatz?u jpr. 19. In der genannten Nummer, S. 233, Sp. 1, wirdvon einer Ghettogeschichte gesprochen, die der verstorbene M. Wiener im Jahre 1822 gelesen hat. Der Titel war von dem Genannten ungenau angeführt. 9tim belehrt mich Herr Dr. Ai. Fried in Stockholm, daß der genaue Titel solgendermnsren lautet: Reb Henoch oder was thut me dermit. Gilt Familiengemälde in drei Abtheitnngen. Herausgegeben von M. Allenstein. Berlin 1840. Verlag von L. Fernbach jnn. 56 S. gr. 8. Infolge dieser Belehrung konnte ich weitere Nachforschungen unternehmen und brachte heraus, daß die Schrift genau, wie sie Herr Dr. Fried angibt, auch iu dein Deutschen Anonymen-Lexikon, Weimar 1903, Bd. 2, S. 277, angeführt und auch dort Isaak Euchel zugeschrieben wird. Dazu kann ich einen interessanten Zusatz macheu. Am 10. Juli 1817, also uoch fünf Jahre früher, als Wiener die Posse gelesen hatte, schreibt Leopold Zuuz in einem uugedruckten Briese an S. M. Ehrenberg folgendes: „R. Henoch oder Was thut tue dermit" habe ich hier zweimal in Gesellschaft vorgelesen; die Leute wollten sich kranklachen. Es ist nie gedruckt gewesen; Ihr Schwiegervater soll es ja haben." Aus dieser Notiz, ans der mau schließen muß, daß Zunz das Stück ans Wolsenbüttel mitgebracht hat, geht hervor, daß die Posse auch iu Nichtberliner Kreisen kursierte. Es lohnt sich vielleicht einmal, von der verschollenen Schrift ausführlicher zu reden. L. G.