Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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260 „Ich bemerkte es rein zufällig, .als ich den Korridor betrat/" war seine höhnische Erwiderung. „Wenn du es sagst, dann muß es naiiidid) wahr sein; daher schlage ich vor, das; lvir gemeinsam zur heiligen Mutter voll Kasan beten, das; es bei mir nicht etwa zur firen Idee ausarten soll. Tollte es aber doch geschehen, das; id) wieder jene Tür zu öffnen versuche, dann, vielgeliebter Vetter, mußt du lnich gewaltsam daran verhindern. Ick) werde dich jedesmal vorher davoll benachrichtigen. Willst du es mir versprechend" Die Antwort kam von ihrer Mutter. „Das war sehr ungezogen von dir, Alma. Dir weißt, die Herren wollen bei ihrer Arbeit nicht gestört werden." „Weißt dll das ganz bestiinlllt, Mama?" „Gehdu bist unverbesserlich." „Nicht ganz, Mama; da Vetter Karol sich vorgenommen hat, lnich noch zu bessern." „Macht, das; ihr sortkornurt, ihr beiden Taugenichtse!" „Sogleich, Maula, vergiß nicht, was wir heute unternehmen wollen. Da fällt mir ein, das; wir den Fährmann benachrichtigen rnüssell. Vetter Karol ist gewiß so liebenswürdig, es zll besorgen. Er ist nämlich ein solcher alter, häßlicher Brummbär — ich meine den Fährmann , das; er alles verkehrt macht, was ich haben will, irud keiner versteht es so gut, mit einem gelinden Donnerwetter sich Gehorsam zll verschaffen wie Vetter Karol." Dieser aber machte keinerlei Anstalten, ihren Auftrag auszuführen, daher fuhr Alina schmeichelnd fort: „Nicht wahr, dll kannst es nicht übers Herz bringen, mich mit nreinem weißen Kleide dort hinsetzen zu lassen." „Wieder ein Vorwand, uut mich los zu werden," numucltc Karol mit zusammengebissenen Lippen. „Sagtest du etwas?" fragte Alma scharf, wobei sie sich gar keine Mühe gab, die vorige Ironie noch länger zu verbergen. Die beiden älteren Damen waren wieder allein, doch kamen sie nid)t wieder auf das vorige Gespräch zllrück. Die Baronin hatte das Geplänkel, das scheinbar im Scherz getrieben wurde, mit ernften und befremdlichen Blicken betrachtet. Sie entnnhul daraus Almas Absicht, mit Schmulikof zusammen zll sein, während sie sich über Karol nur lustig machte. Sie nahm sich dabei vor, die Sache mit ihrem Alaune zll besprechen. Bald hatte sie die Gelegenheit dazu gefunden. „Sergi," leitete sie das Gespräch ein, „ich weiß nicht, ob lvir recht getan, Schmulikof mit hierher zll brillgell." „Das sehe ich nicht ein; zumal jetzt, wo ich gerade zwei Briefe erhielt, in welchen Hruagou und Gorsky um. ihre Entlassung einkommen," lvar feine ruhige Antwort. „In dieser Hinsicht magst dll ja recht haben. Allein wir hätten die kleine Alma llicht gänzlich außer acht lassen sollen." Der Präfekt brach in ein schallendes Gelächter alls. „Adele, manchmal bist dll wirklich köstlich." Er brach aber plötzlich ab, da er ihre bekümmerte Miene wahrnahm. „Sei nicht böse, mein Herz, aber die Idee: Alma llnd Schmulikof in eineul Flirt, ist wirklich köstlich! Der Mann ist doch wirklich nilr die reinste Arbeitsmaschine lind hat für nilchts Sinn und Augen, was nicht mit seiner Arbeit zusammenhängt! Ich bin überzeugt, er denkt gar nicht all das Mädchen." „Das braucht aber Alma nicht zil hindern, desto mehr an Schmulikof zu denken," sagte sie mit großem Nachdruck. „Es ist ja auch gar kein Wunder, daß sie ihn anziehend llnd fesselnd findet; mehr, viel mehr als alle anderen Herren, die sie bisher kennengelerni, und viel interessanter als -- ihren Vetter Karol." „Die Kleine scheint also einen guten Geschmack zu haben. In der Tat, sie hätte noch eine viel schlechtere Wahl treffen können. Schmulikof ist ein eminent tüchtiger und fleißiger Mensch; er wird nod) hoch steigen." „Aber Sergi! Wo denkst du hin?" rief sie mit einer Heftigkeit, lvie man sie ihr kaum zugetraut hätte. „Wie kannst du eine solche Abgeschmacktheit auch nur über die Lippen bringen! Ich weis; es ganz bestimmt, daß Torakow, dem ältesten russischen Adel angehörend, mit seinem sechshundertjährigen Stammbaum, einen Schmulikof allch nicht eines Blickes würdigen könnte, wüßte er nur etwas von seiner Herkunft! Airßerdem hat mir Marie erst gestern anvertraut, daß Alma und Karol ein Paar werden sollen, das; es für deren Eltern eine abgemachte Sache sei." „Na, also," suchte der Baron weiter zu scherzen: „dann feiern wir Hochzeit, itnb die Sache ist erledigt." „Ich fürchte, daß es doch nicht so glatt ablausen wird. 'Ich habe so verschiedene Wahrnehmungen gemacht, die mich nichts Gutes ahnen lassen. Alma hat Temperament und ist zähe in ihren Unternehmungen. Mir tut es leid, Sergi, daß wir Schmulikof hergebracht. Seine Anwesenheit schiebt sich wie ein Keil hinein, der den festen Stamm sprengen kann. Mir ist die Sache sehr, sehr peinlich." „Was seid ihr Frauen doch für komische Menschen! Ihr wittert Konflikte, auch wo keine vorhanden sind, um nur den Friedensengel spielen zll können. Wirklich, Adele, ich sehe nicht ein, was hier zu befürchten ist. — Zwei Männer und ein Mädchen, das ist doch ein längst abgedroschener Stoff für einen mittelmäßigen Roman! Und wenn wirklich anfänglich einige Komplikationen entstehen, so wird schließlich doch alles wieder ins Gleichgelvicht kommen. Wenn dll aber meinst, so können lvir doch Schmulikof wieder nach Odessa znrückschicken; nur..." „Nur, Sergi?" „Wäre ich gezwungen, mit dem nächsten Zuge zu folgen." „Dann bleibt er natürlich hier," entschied sie kurz. „Deine Ruhe und Erholung geht mir über alles, und ich weiß es ja, dn kannst dich nur erholen, wenn Schmulikof, mit seiner Umsicht itnb Gewisseichaftigkeit, dir die Arbeit abnimmt. Uebrigens hast dn vielleicht recht," suchte sie sich selbst zu beschwichtigen: „drei Menschen mit klugen Weltersahrungen und gesunden Sinnen werden sich schon selbst zurechtfinden." „Und wenn du dafür noch einen besonderen Beweis haben willst, dann sieh nur dorthin," flüsterte der Baron, nach der Tür deutend, durch welche Karol und Schmulikof, Arm in Arm, das Zimmer betraten. Beide schienen sehr lustig zu sein. „Ha, ha, ha, Präfekt!" lachte Karol überlaut. „Wollen Sie einen guten Witz hören? Doch, nein, nein, Sie müssen ihren Lachmuskeln schon eine kleine Geduldsprobe auferlegen, bis lvir allein sind. Was meinen Sie, Schmulikof, ist das nicht der beste Witz, den Sie je gehört haben?" „Es kommt darauf an, ob man für solche Zoten and) den richtigen Sinn hat," erwiderte Schmulikof, durch Karols Ungezogenheit in Gegenwart der feinfühligen Baronin Peinlich berührt. „Na, nur nicht zimperlich, Schmulikof. Sie sollen den Witz hören, Präfektchen; doch nur unter der Bedingung, daß Sie Ihren; Sekretär einen freien Tag gewähren. Ich will ihn nämlich unter mein Kommando nehmen, um ihm zunächst das Scheibenschießen beizubringen. Ich lvill einen richtigen Sportsmann aus ihm machen, so daß, wenn er nach Odessa zurückkehrt, er selbst sich nicht wiedererkennen wird." Die Baronin sah Schmulikof eigenartig an; sie wußte nicht, ob sein Lächeln höfliche Zustimmung oder versteckten Spott bedeuten sollte. Dann aber blickte sie wieder auf den hübschen, strammen, gradgliedrigen Offizier, wobei sie ihrem Manne recht geben mußte, daß jeder von ihnen, freilich jeder nach | seiner Art, es schon verstehen werde, sich feiner Haut zu wehren. | Beidsmvußten sie ja in der Welt Bescheid.