Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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259 Uuge um flugr. Russischer Sozialroman von M. P n l v e r m n n n. (Fortsetzung.) VIII. ie Freundschaft der beiden Familien Glogowskh und Torakow datierte schon seit der Schulzeit her, wo die beiden Kadetten die Bekanntschaft der beiden „höheren Töchter" -gemacht hatten. Später freilich, sowohl durch die Verschied-enheik der Berufe als auch durch die große Entfernung ihrer amtlichen Tätigkeit, hatten sich die Freundschaftsbande ein wenig gelockert; allein schon wenige Stunden des Beisammenseins genügten, um die frühere Intimität zwischen diesen Vier- Menschen lviederherzustellen. Die beiden älteren Damen hatten wieder Reminiszenzen gefeiert, wobei Gräfin Torakow an Dankesäußerungen sich nicht genug tun konnte, daß ihre lieben Freunde ihnen das Opfer gebracht, aus solcher weiten Ferne nach dieser Wildnis zu kommen, um ihnen diese Freude zu bereiten. „Wie mir scheint, Marie, angelst du nach Komplimenten/' wehrte die Baronin lächelnd ab; „du weiht doch, welche Wohltat es für uns, besonders für meinen Mann ist, wenigstens für einige Wochen dem Staub und dem Lärm der Großstadt zu entgehen, mit hier, in dieser „Wildnis", wie dir es nennst, die Lungen wieder einmal mit gesunder Luft zu füllen und die Augen am saftigen Grün zu sättigen." „Dann tut es mir. doppelt leid, daß dein Mann und Herr Schmulikos, der übrigens ein sehr netter Mensch 51t sein scheint, so viel arbeiten und so wenig die Schönheiten genießen." „Laß es gut sein, Marie. Gedulde dich itod) einige Tage, bis sie die notwendigste Arbeit getan. Ich hielt es nämlich für ratsamer, daß dieses hier geschieht, als die Reise wiederum auf Wochen hinauszuschieben." „Das war ein sehr kluger Gedanke von dir! Doch, Adele, du magst dich sträuben, soviel du willst, ich bin dir dennoch aufrichtig dankbar, daß ihr gekommen seid. Mein Alaun fi'lhlt sich viel behaglicher und freier, seitdem ihr hier seid. Dil kannst dir gar nicht denken, welchen Aufregungen und Aergernissen er ausgesetzt ist, so daß ich bei seinem hitzigen Temperament aus der Angst nicht mehr herauskomme. Dazu noch meine Sorgen um Alma! Die erste Zeit nach ihrer Rückkehr aus der Klosterschule hat sie mir schweren Kummer bereitet; es hatte den Anschein, als könnte sie sich gar nicht wieder bei uns eiitleben, und es war ganz eigentümlich, daß gerade Odessa den tiefsten Eindruck auf sie gemacht hatte, obwohl wir doch nur einen halben Tag dort weilten. Ichhatte schon die Absicht, sie dir auf einige Wochen hinzuschicken; allein mein Manu wollte nichts von einer abermaligen Trennung wissen. „Ich vermag nicht ohne sie zu leben," war seine stehende Redensart. Bei all seinem schroffen und unzugänglichen Wesen ist er Alma gegenüber weich wie Bretter. Er betet sie förmlich an und sie ist sein Ideal, sein Abgott. Aber auch sie hängt mit unendlicher Zärtlichkeit an -ihm, so daß eine Trennung beide aus den Tod betrüben würde. Freilich, einmal wird cs doch geschehen müssen, und Karols Anwesenheit hat diese Tatsache sogar in greifbare Nähe gerückt. Du verstehst wohl, was ich irreine. Allerdings hat mich seine bisherige Lebensweise nicht sonderlich für ihn eingenommen. Aber ich denke, Jugend nmß austoben, und je wilder ein junger Mann sich gebärdet, desto eher kommt er zur Besinnung. Jur großen und ganzen ist es doch eine annehmbare Partie nach jeder RichklMG. hin. I Alma konrnrt danrr nach Petersburg imb kann wenigstens ihr! Leben genießerr, obwohl sie rnrs sehr fehlen wird. Wir Elterrr; sind uns schon darüber einig, unb wenn die jungen Leute so ■ wert sind, dann soll der Hochzeitstag anberaunü werden." „Natürlich, Marie, zrrvor müssen die Leutchen rrnter sich - einig werden," sprach die Baronin mit tiefem Ernst; „sicherlich I werdet ihr doch Alma nicht etwa zwingen, gegen ihre Neigung; zu heiraten." | Die Gräfin wurde aufmerksam. „Wir kommst bit auf eine I solche Idee, Adele? Soweit ich beide beobachtet . . > Sie wurde durch Alma unterbrochen, die mit brennendem! Gesicht rrnd schelmisch blitzenden Augen ins Zimmer stürzte, i „Na, ihr zwei Verschwörer, was habt ihr denn so ge- ' heinmisvoll miteinander zu beratschlagen?" fragte sie neckend.! „Wir haben uns soeben verabredet, heute nachmittag einige! Einkällfe zu machen," erwiderte ihre Mutter.! „Da stimme ich euch vollkommen bei," entschied Alma! trocken.! „Und, bitte, Fräulein Naseweis, wer hat dich dem: um! deine Zustimmung gebeten? Aber da diese zufällig mit unserer I Absicht übereinstimmt, wollen wir es gelten lassen." Alma machte einen schelniischen Knicks und fragte: . „Wann wollen wir denn ansbrechen?"! „Gleich nach Tisch." „Dann will ich zum Fährmann schicken, damit er für seinen alten Kahn einen neuen Besen kaust. Wir müssen nämlich über den Dnjepr übersetzen," erläutert sie altklug. „Mama; ist ja zu ängstlich, über die Brücke zu fahren, weil das alte - Ding die reinste Schaukel ist, wenn man nur darübergeht. | Einmal freilich machte ich mir den Spaß, mit unserem Rappen > im vollsten Galopp darüberzusausen. Es lvar ja großartig; j aber hinterher bekam ich meine Schelte und das strenge Verbot, j es nie wieder zu tiui. Dadurch ist mir nun jede Passende Gelegenheit genommen, ans romantische Art den Hals zil brechen. Ach, die heutige prosaische, langweilige und m'lchterüe Zeit!" Sie sprach dies mit solch affektierter Traurigkeit, daß selbst die überängstliche Gräfin das Lachen nicht unterdrücken konnte. „Und da wir von solchen gräßlichen Sachen sprechen," fuhr das Mädchen fort, „will ich euch noch von einer anderen schrecklichen Entdeckung berichten, die ich soeben gemacht." „Alma!" ruft ihre Mutter aufgeregt. Doch diese lachte hell auf. „Mama bekommt immer einen Todesschreck, wenn ich wieder einmal ans Entdeckungen ansgehe. Es ist aber auch in der Tat ganz entsetzlich, was mir jetzt Passiert ist! Ich gehe gerade bei Papas Arbeitszimmer vorbei, ohne zil denken, welchem Zwecke es jetzt dient. Ich mache also die Tür ganz gemütlich auf, und 0 Schreck - 0 Graus! -- Onkel Sergi nnb Herr Schmulikos sitzen da mld sehen Ulich an wie zwei Tiger, denen .mau die Jungen raubell will! Na, ich hatte nicht wenig Angst und lief eilig davon,! um bei euch Schlltz lind Sicherheit zu suchen."! „Ist das alles, Alma?"! „Aber, Mama! Sind denn zwei Tiger noch nicht gellug,! mit dir die Haare zll Berge stehen zu lassend Du bist ja ans! einmal so tapfer, Mama!"! „Allch deine Angst, Eoilsinchen, wird wohl nicht überlnäßig - groß gelvesen sein," sprach Karol, der bei Almas letzten Worten | eingetreten lvar. j „Und warum denn nicht, Herr Drachentöter St. Georg?" ’ fragte Alma kampfesmutig. „Weil du dich doch an den Tigerbtick gewöhnt haben mußt, - nachdem du auch schon gestern dasselbe getan." j „Wirklich? Habe ich es auch scholl gesterll getan?" Sie sah! ihll mit der größten Unschuld an. „Und wenn ich es getan,! wieso weißt du es denn?"