Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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10. Leutnmcksjahr — zum Oberleutnant vorrückte, endlich 1880 zur 1. Aiilitäriirgenicurdirettion beim inzwischen luugeschaffenen Jngenieurkorps. In dieser Stellung wurde er 1882 Hauptmann. An der „Majorsecke" scheint dann aber doch der Israelit in jener höchsten Blütezeit des deutschen Antisemitismus gescheitert 31t sein. Nämlich schon im Februar 1886 wurde der noch nicht 44jnhrige Pensioniert und Hut seitdem in seiner Vaterstadt München, wo er auch den allergrößten Teil seiner militärischen Dienstzeit verlebt hatte, in stiller Zurückgezogenheit zugebracht. Nach einem vollen Vierteljahrhundert wurde der inzwischen an die 70 herangekommene verdiente Offizier im März 1911, anläßlich des 90. Geburtstags des so überaus gerecht gesinnten Prinzregenten Luitpold, der bei Ernennungen tonsessionell durchaus mit gleichem Maße zu messen bestrebt und gewohnt war, mit dem Charakter als Major ausgezeichnet. Einen sehr schmerzlichen Schlag bedeutete für den einsam lebenden alten Herrn vor ein paar Jahren der Tod seines Bruders, des genannten weitberufenen juristischen Praktikers. Und nun hat ihn, der die gewaltigen Ereignisse des Weltkrieges mit größter Aufmerksamkeit 31t verfolgen pflegte, der eiserne Schnitter daheim in seiner verkehrsumbrandeten Wohnung in der Dachauer Straße fern den blutigen Kampfplätzen sanft dahingenommen. Am .14. Februar erwies eine größere, stark militärisch durchsetzte Trauerversammlung dem weitbekannten Offizier auf dom neuen nördlichen israelitischen Friedhof Münchens in der Vorstadt Schwabing die letzte Ehre. Oberrabbiner Tr. E. Werner vollzog die religiösen Zere- 'monien, während deren die Musikkapelle des Ersatzbataillons des 1. Insanterie-Leibregiments, des angesehensten Regiments nn Königreich, ernste Weisen spielte, und Hielt eine ehrende Gedächtnisrede. Das Korps Vitruvia von der Münchener Technischen Hochschule widmete einen Kranz —- auch ein heutzutage längst verschollener Vorgang: die Totenehrung eines Studentenkorps auf einem jüdischen Friedhof. Damit war ein Leben abgeschlossen, das, wenn auch vielfach durch Enttäuschung und fehlgeschlagene Erwartungen frühzeitig in seinem ungewöhnlichen Berufsgange durchschnitten, ein unwiderlegbares Beispiel dafür darstellt, wie der Jude and) heutzutage sich gar wohl für den Offiziersstand im „militaristischen" deutschen Vaterlande eignen und bewähren kann. Nun- 111:4)1* dürften freilich auch die letzten aktiven bayerischen Offiziere jüdischen Bekenntnisses ausgestorben fein. Wir wollen abwarten, was sich für die tatsächliche Eröffnung der militärischen Laufbahn für die deutschen Juden während des jetzt tobenden Todesringens für des Reiches Bestand in der Friede nszeit ergeben wird. Daß übrigens noch heutzutage in Bayern auch in der Reserve oder Landwehr Juden als Major a. D. geführt und geehrt werden, zeigt die ganz kürzlich erfolgte Verleihung des bayerischen Militärverdienstordens an den mit jener Charge bekleideten Bankier Siegfried Lismann zu Frankfurt a. M.;siehe Gemeindebote zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums" 1916, Nr. 9, S. 3). I.. F. Line Lriedensermnerung in der Kriegsbeil. Von 2. -K 0 t (; [ ch ild , Worms ft. Rh. er unglückselige Krieg hat uns von jedem Verkehr mit den feindlichen Ländern abgeschnitten. Wie entsetzlich diese Abschließung ans unsere Ernährungs- und Geschäftsverhältnisse wirkt, erfahren wir täglich. Aber auch gar viele Fäden, die uns mit lieben Freunden und Bekannten in anderen Ländern verbanden, sind durch den Krieg jäh zerrissen worden, und vielleicht inehr denn je ist die Erinnerung an diese in der ernsten Jeit wieder lebendig geworden und unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf die Lippen: „Wie wird's diesem oder jenem gehen?' Sv muß auch ich immer an eine Londoner Familie denken, deren Bekanntschaft gemacht zu haben, zu meinen schönsten Erinnerungen zählt. Das Wie mag hier erzählt werben. Es war vor ungefähr 15 Jahren, als ein erst kurz verheiratetes Ehepaar aus London, Dr. med. Salaman und Frau Nina geb. Davis, sich mir vorstellte und mich bat, ihm bei Besichtigung der jüdischen Altertümer der hiesigen jüdischen Gemeinde Führer sein zu wollen. Ich erfüllte gern ihren Wunsch. Unter erster Gang war zur Synagoge. Unterwegs fragte mich Frau Dr. S.: „Nicht wahr, Rabbi Meir von Rothenburg liegt hier begraben? Es ist doch derselbe, der die L'XL narrtf 'Prw nj'p verfaßt hat?" Ich bejahte. War ich durch diese Bemerkung schon überrascht, so sollte mein Erstaunen noch großer werden, als Frau Dr. S. die Inschrift der an der Außenseite dcr Synagoge angebrachten Tafel geläufig las und mit der Jahreszahl übersetzte. Aus dcr min “1SD von die ich ihr zeigte, las sie geläufig. Ihr Mann verstand von all dem, was wir sprachen, sehr ivenig, fast gar nichts! nur sie interessierte sich für alles. Als ich ihr in der Rajchi-Kapelle etwas über Rasch! erzählen lvvllte, lächelte sie und sprach: „O, ich kenne Raschi sehr genau; ich vermag die Erklärung ohne Schlvierigkeit zu lesen und zu übersetzen." „Am Ende", jagte ich, „verstehen Sic auch Mischna und Gemara?" „Auch das kann ich", erwiderte sie bescheiden. Auf dein Friedhöfe konnte sic die schwierigsten Inschriften der Grabsteine lesen, und cuuf) die Entzifferung der Jahreszahlen machte ihr keine Schwierigkeiten. Unwillkürlich inußte ich sie fragen, ob ihr Vater Rabbiner vder ans Rußland in England eingewandert sei. „Nein, mein Vater", sagte sie, „ist ein geborener Engländer und Ingenieur von Beruf; aber jeden Tag sind mehrere Stunden der jüdischen Literatur gewidmet. Er hat es verstanden, auch mich für die hebräische Sprache und für die in dieser Sprache geschriebenen Schriften zu 'begeistern, während meine Brüder hierin so unwissend sind wie mein Mann", den sie lächclud dabei anfchaute. „Nach einem kurzen Aufenthalt in Italien reisen wir nach Berlin zu mehrmonatigem Aufenthalt. Mein Alaun ivird an einem dortigen Krankenhause tätig sein und ich - studiere den Midrasch." Wochen waren vergangen; da erhalte ich aus Berlin ein Buch zugesandt, das den Titel trägt: jUTE? Songos of exilft (Gesänge der Verbannung). By hebrew poets, translated by Nina Davis. Vor dem Titelblatt finden sich als Motto die Worte: cnctfö fh 'L'2l Das erste Blatt trägt eine Widmung für den Vater; die anderen Blätter enthalten die englische Uebersetznng hebräischer Gedichte von Eleasar ben Kalir, Salomvn ibn Gabirol, Jehnda Hälevi, Baruch den Samuel, Meir von Rothenburg, aus dem Talmud, aus Midrasch Rabbah und Midrasch Tanchuma. Die letzte Seite enthält den ü“i£ (Jahreszahl) in den Worten N'N'rrl *ni< Ein leeres Blatt vor dem Titelblatt trägl außer einer freundlichen Widmung für mich in deutscher Sprache noch die folgenden hebräischen Worte: miöl D'C "paj* V22 'tw nnpi pim javn nasal, Welche Hochachtung hätte Heinrich Heine, der sich in dem vierten Teil des Gedichtes „Prinzessin Sabbat" so bitter über die Unwissenheit jüdischer Damen in der jüdischen Literatur ausläßt, dieser geistreichen Verfasserin entgegen gebe acht! Gar mancher Brief von ihr ist später aus London an mich gekommen, gar manchen jungen Deutschen, den ich an sie empfohlen, hat sie gern bei sich ausgenommen. Ihr letzter Brief meldete mir den Tod ihres .geliebten Vaters, „der mir auch Lehrer gewesen". Jetzt habe ich lange nichts mehr von dieser seltenen Frau gehört. Hoffentlich hat der unglückselige Krieg nicht auch ihr Gemüt verdüstert gegen die „deutschen Barbaren".