Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-02 · Heft 22 (2.6.1916) · p. Seite 256

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 22 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229255--72261-3284693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

256 Tie flefdjäftiöcit Agenten der Entente wurden seit Allsübllllg des Krieges nicht müde, der öffentlichen Meinung in Amerika einzureden, daß zwischen Rußland und Amerika „ein historisches Freundschaftsverhältnis" bestehe. Auf solche Weise foüten die Inden Amerikas gezwungen werden, aus patriotischen Gründen ben Widerstand gegeit den so schön ansgeheckteu Konflikt mit den Zentralmächten aufzugebeu und ganz besonders sich zu einer finanziellen Unterstützung des wirtschaftlich so arg bedrängten Rußland bereit zu zeigen. Tie maßgebenden und einflußreichen jüdischen Kreise in den Bereinigten Staaten, ganz besonders aber die großen Finanzkreise, blieben lmerschütterlich ans ihrem Standpunkt bestehen, und es darf wohl gesagt lverden, daß die unverrückbare Haltung dieser Kreise einen großen Anteil daran hatte, daß das bis aufs äußerste gespannte Verhältnis zwischen Amerika und Deutschland nicht vollends und nicht schon früher entzweigerissen wurde. Als vor wenigen Wochen die russifcheu Unterhändler in Amerika alle Anstrengungen machten, durch Abschluß einer großen Anleihe Rußland ans seinen finanziellen Nöten zu erlösen, da waren es vornehmlich die jüdischen Finanziers, mit Jakob H. Schiff au der Spitze, welche es als eine unmoralische Handlung bezeichneten, daß das freie Amerika dem völkerbedrückenden Zar die finanziellen M ittel zur Vergrößerung seines Machtgebietes zur Verfügung stelle. Um diese Zeit erschien auch in den großen New Yorker Blättern ein Aufsatz des auch in Europa bekannten Publizisten Hermann Bernstein, in welchem die legende von der historischen Freundschaft Rußlands für 'Amerika völlig zerstört wird. In diesem Aufsätze wird unter anderem ansgeführt: Ter eindringliche Appell Jakob H. Schiffs, mit lvelehem er die amerikanischen Bankiers dringendst davor warnt, an der angesprochenei'. russischen Anleihe teitzunehmen, hat in gewichtigen Kreisen den alten, längst verblaßten Mythus von der historischen Freundschaft Rußlands für die amerikanischeil Staaten zu neuem Leben erweckt. Seltsamer--- weise wird diese Legende von Zeit zu Zeit neuerlich ausgegrabcn, insbesondere aber, sooft die tyrannischen russifcheu Regicrnngslnethoden in Amerika entlarvt werden. Vor einigen Jahren wies Oskar Straus, ehemaliger Botschafter in der Türkei lnrb angesehenes Mitglied im Kabinett Roosevelt, in einem ausführlichen Artikel in der „North American Review", betitelt „Tie amerikanischen Staatell in Rußland", unwiderlegbar nach, daß Rußlands historische Freundschaft für die amerikanischen Staaten in das Reich der Mythen gehöre. Rach Darlegung seines aus amtlichen Dokumenten begründeten Materials führte Mr. Straus folgendes aus: „Ich habe mich bemüht, kurz das Ergebnis der sorgfältigen Prüfung aller erreichbaren authentischen und verläßlicheil Taten bezüglich des Verhältnisses zwischen den beiden Ländern von der Regierung der Kaiserin Katharina II. bis auf unsere Tage darzulegeu. Alis diesem Tatsachenmaterial geht klar hervor, daß, abgesehen von Rußlands feindseliger oder unfreundlicher Haltung während der ersteren Jahre unserer Geschichte, als die Vereinigten Staaten für ihre Anerkennung als unabhängige Ration kämpften, und abgesehen von dem Inzidenz der „heiligen Allianz", die Beziehungen zwischen Rußland nud den Vereinigten Staaten gleichförmig normale und freundschaftliche waren. Jede Ration hat gegenüber der anderen bei allen Gelegenheiten und auch in Zeiten des Krieges seine neutralen Verpflichtungen strikte innegehalten, wie sie ihr durch das Völkerrecht zwischen freundlichen Mächten allserlegt waren. Ter Schluß jedoch, daß die Vereinigten Staaten gegen Rußland für irgendwelchen besonderen Freundschaftsakt, der nicht ans den Gesetzen der Neutralität sich von selbst ergeben hätte, irgendwelche Tankesverpflichtungen habe, ist nichts anderes als eine Mythe und die falsche Bezeichnung zeremonieller Handlungen als historische Taten." Rußlands Haltung gegenüber Amerika in jüngster Zeit ist uns noch frisch in Erinnerung. Tatsache ist, daß unter den zivilisierten europäischen Ländern Rußland allein leinen Handelsvertrag mit den Vereinigten Staaten hat und daß der Handelsvertrag nnt einmütiger Zustimmung des amerikanischen Kongresses aus dem Grunde gelöst wurde, weit Rußland viele Jahre hindurch die Abmachungen mir Amerika gebrochen hat, indem es amerikanische Botschafter, Staatssekretäre uitb Präsidenten irreführte. Tie Kündigung des Vertrages mit Rußland war eine der größten moralischen Lektionen, welche Rußland von einem großen Lande erteilt wurden. Tie amerikanische öffentliche Meinung ging geschlossen vor in dem Moment, als Rußlands Politik gegenüber den Vereinigten Staaten offenkundig geworden ist. Das mittelalterliche und barbarische Verhalten der russischen Regierung hat sich selbst jetzt nicht geändert, wo Rußland sich mit beu zivilisiertesten Rationen der Welt im Bunde befindet. Mir scheint es, daß, indem wir jene, welche Rußland Geld borgen, verurteilen, nur der Humanität und der Gerechtigkeit das Work reden. Eine Regierung, welche verantwortlich ist für die Pogroms, für eine Veitis-Asfäre, für die Unterdrückung der schwächeren Rationalitäten, für die grausame unb massenweise Vertreibung von alten Männern, Frauen und Kindern, darf dilrch freie Amerikaner nicht ausgemunterl lind finanziell gestützt werden. Jeder Dollar, der der russischen Regierillig geliehen wird, ist ein Dollar, der verwendet werden wird zur Anfrechterhnltnng eines Systems, welches aus Tyrannei und Unterdrückulig, ans Gewalttätigkeit und Grausamkeit besteht, welches die Eruwrdmig unschuldiger Kinder, die Vergewaltigung von Frauen, das Häiigeu unschuldiger Menschen, die Einkerkerung der besten Jour ualisteu und Schriftsteller Rußlands duldet, weil sie den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Jeder au Rußland verliehene Dollar wird zu einem Gliede in der Kette, durch welche das russische Volk gefesselt mid an der Erlangung ihrer Emanzipation gehindert wird. Tiefe Stimmung beherrscht auch heute noch die jüdischen Kreise von Anierika, unb deshalb sind sie von Genugtuung erfüllt darüber, daß Amerika nicht zum Bundesgenossen von Rußland herabgewürdigi werden mußte. * Einen interessanten Rückblick über „Heereszahlen alter unb neuer Zeit" gibt H. Mrose in den „Grenzboten". Wir entnehmen diesem Aufsatz folgende Stellen: 'Rieht lange nach der Blütezeit Israels erhob sich d e r e r st c M ilitär ft a a t der Alten Welt, das assyrische Reich, unter den Sargoniden auf den Gipfel der äußeren Macht. Während Babylonien nicht sehr kriegerisch war und nur eine Miliz hatte, die zu Kriegszeiten aufgeboten wurde, schufen die Assyrer ein stehendes Heer von ansehnlicher Größe, das stets kriegsbereit über das ganze Land verteilt lag. Ten Höchstbestand dieses Reichsheeres ohne Troß schätzt Friedrich Delitzsch („Asnrbanipal," S. 14) auf etwa 150 00«' Manu. Damit vergleiche mau nun -einige Hoer-eszahlen aus dein Alten Testament unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Palästine et'.va so groß wie Belgien war, aber trotz seiner dichten Bevölkern in auch während der Vesten Zeit des israelitischen Staates nicht die gleiche Einwohnerzahl aufzuweisen hatte. Als der -König Tavid auf der Höhe seiner Macht stand, ließ er, nn sich an ihr zu weiden, sein Volk zählen. Ta ergaben sich nach deneinen Bericht in Israel 800 000 waffenfähige, schwertgegürtete Mäu iut und in Juda 500 000; nach dein anderen Bericht waren es u Israel sogar 1 100 000 Manu, wogegen in Juda nur 470 000. Einen von Davids Nachkommen, der nur die beiden Stamme Juda uni Benjamin beherrschte, gibt der Chronist ein Heer von 1 160 000 Mau«' ungerechnet der Festuugsbesatzungen. Diese Ziffern sind natürlich zu nächst ohne Rücksicht auf die kriegerische Verwendung Machtshmboü Aber auch sonst werden hohe Heereszählen genannt. Saul zieht mi 650 000 Mann gegen die Ainmoniter und mit 210 000 Mann gegen di Amalekiter. Abia voll Juda kämpft mit 400 000 auserlesenen Leute, gegen Ierobeam, den König von Israel, der von seinen 800 000 gleich falls auserlesenen Leuten tn der Schlacht 500 000 verliert. Der So hi des Siegers befehligt 58)000 starke Männer, lauter tapfere Krieger als die Beduinen unter Serach mit einem Heere voll etneu Milliw Krieger und 800 Wagen gegen ihn zll Felde ziehen, und unter Jahwe Arm und der Iudüer Schwert fallen von den Feinden so viele, da ihrer keiner am Leben bleibt. Es ist das derselbe Ueberschwallg, de sich auch findet, lucnn Zahlen fehlen; so lautet z. B. der Rat bat Davids aufrührerischem Sohne Absalom einer seiner Anhänge gibt, folgendermaßen: Es soll ganz Israel von Tan bis Bersabn uu dich versammelt lverden, so massenhaft lvie der Saud, der am Meeres ufer liegt. Stößel! wir dann auf ihll, so lassen wir uns auf ihn nieder wie der Tau aufs Erdreich fällt, ulld es soll von ihm unb der Männern allen, die er bei sich hat, auch nicht einer übrigbleiben. Es ist in diesen Kriegszeiten immer ganz erfreulich, einmal von Unkriegerischem zu reden. Darum entnehmen wir der in Amsterdam erscheinenden „Deutschen Wochenzeitung" folgende kräftige Abwehr:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.