Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229255--72260-3284692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
255 Dir Woche. Berlin, den 30. Mai 1916. ^-^ie Friedensabsichten mehren sich; leider nicht in demselben Maße die F r i e d e n s a u s s ich t e n. Während Präsident Wi'lson, der, solange die Spannung mit Deutschland andauerte, sich jeder Vermittlung abgeneigt zeigte, nun in mehreren Reden seine ernste Absicht bekundet, als Vermittler aufzutreten, erklären die Staatsmänner Englands, das ' immer unser schlimmster Feind war und sicherlich noch langeZeit j von den Einsichtigen als solcher betrachtet werden wird, daß es! sein und seiner Verbündeten unerschütterlicher Entschluß sei,! Deutschland 'so lange zur Fortsetzung des Krieges 31t zwingen,! dis es sich als besiegt erKären würde. Ja, ein englischer i Staatsmann hat es geradezu ausgesprochen, daß der Krieg bis 1917 sortdauern würde, damit die erst jetzt auszuhebenden Soldaten noch ins Feld rücken und 'damit die Entscheidung zugunsten Englands herbeiführen könnten. Von der Kraft und Dauer solcher sogenannter: unerschütterlichen Entschlüsse, von denen die englischen Politiker reden, weih die Geschichte allerdings so vieles zu melden, daß wir unbesorgt derartigen Fanfaronaden zuzuhören vermögen. Welche Stirn aber müssen die englischen Staatsmänner besitzen, die bei der augenblicklichen Situation zu fordern wagen, Deutschland solle sich als besiegt erklären! Solches erkühnen sie sich einem Staate gegenüber auszusprechen, der große Gebiete Rußlands fest in seiner Hand hält, der viele blühende Gebiete Frankreichs besetzt gat, der im Vereine mit -Oesterreich-Ungarn Serbien und Montenegro zunächst aus der Karte Europas gestrichen hat, der den größten Teil Belgiens eingenommen, während Oesterreich-Ungarn, mit Deutschland fest verbündet, nun die italienische Grenze überschritten hat und im Begriffe steht, seinen Siegesj lauf in Italien sortzusetzen. Dieses Deutschland, stark in sich j und trotz aller tiefen Friedenssehnsucht wahrhaft unerschütterj lieh in der durch die Tatsachen gerechtfertigten Hoffnung auf I den Sieg -- dieses Deutschland kann sich nie und nimmer als! besiegt erklären.! Im einzelnen kann man nur konstatieren, daß die voll deri I österreichisch-ungarischen Truppen in Italien erlangten Erj folge sehr schön sind. Italien erkennt die Schwierigkeiten seiner! Lage. Es stößt Hilferufe aus, die nach Frankreich und Rußland! herüberschallen; es preist seine Dienste, die es zllr Entlastung! jener beiden Staaten getan; es erklärt zwar in hochmütigem | Trotz, es stehe alles zufriedenstellend. Uns kann es recht sein,! wenn diese Staatsmänner und Krieger, die nun vor einem j Jahre wähnten, in ein paar Wochen in Wien einziehen 31t! lönnen, sich damit zufriedengeben, daß ihre wiederholten An-! griffe gegen Oesterreich ohne jeden Erfolg geblieben sind, und .! es fast als ein Glück betrachten, den Feind in ihrem eigenen! Lande zu sehen. z Auch in Frankreich dauern die Kämpfe fort. Tie! Franzosen führen den Krieg mit verzweifeltem Mute und! chher Ausdauer fort; jedes'Stückchen Land, jedes kleine Dorf! muß ihnen mit der größten Mühe abgerungen werden. Aber! trotz all ihrer Kühnheit und Hartnäckigkeit ist es ihnen nitnt j gelungen, unsere Truppen aus ihren festen Stellllngen 311 entfernen, und wenn auch unser Vorrücken sehr langsam vor- ' wärtsschreitet, so ist doch keinerlei Allssicht vorhanden, daß! sie uns auch nur das Geringste von dem entreißen, was wir! öesitzen. . 1 Die Eng l ände r verhalten sich vollkommen ruhig. Auch! von Rußland verlautet fast nichts. In der Gegend voll; Saloniki sind seit einiger Zeit Kämpfe im Gange, über die! aber bisher nur spärliche Nachrichten in die Öffentlichkeit! gedrungen sind.! So kann man llur sagen, daß trotz aller Absichten, diesen furchtbaren Krieg, unter dem alle Nationen, selbst die nicht direkt am Kriege beteiligten, unsäglich leiden, 31t beenden,, eine bestimmte Allssicht sich noch nirgends zeigt. Ueberall ist die Hoffnllng verbreitet, selbst in England, es werde nicht zll eineru dritten Winterfeldzuge kommen; wer aber zuerst nachgebcn, wer die entscheidende Vermittlerrolle spielen soll, ist völlig unbekannt. Und so müssell wir weiter hoffen lind harren. Unser Vertrauen auf den Sieg unserer gerechten Sache bleibt unerschüttert, lind wir können mir wünschen, daß die gegen uns verbündeten Mächte immer mehr zu der Ueberzeugung kommen, daß es ihnen unmöglich ist, Deutschland zu unterwerfen, ja daß sie nicht einmal in der Lage sind, es zu schädigen. Unser Vaterland hat trotz einer uläßigen Ernte im Jahre 1911 und trotz einer Mißernte 1915 die furchtbaren inneren Schwierigkeiten überwunden; es durchlebt gerade jetzt im Augenblick eine Zeit starker Knappheit lmd des Mangels mancher zum Lebensunterhalt wichtigen Hilfsmittel; es erträgt alle diese Nöte mit einer Entschlossenheit, die zwar dem Heroismus unserer Trllppen nicht vollkommen ebenbürtig ist, aber von 'diesem 31t lernen sucht. Fällt die diesjährige Ernte, wie zu erwarten ist, glänzend oder ailch nur befriedigend ails, so sind alle Anstrengungen der Feinde völlig vergeblich gewesen, unb unser Vaterland wird sich die Stellung wahrer: urtb festigen, die es durch Arbeit, Fleiß ruld Beharrlichkeit bisher errungen hat. So sehen wir der Zukunft mit Sicherheit und Ruhe entgegen. Starke F r: e d e u s z u v e r si eh t spricht sich in einer Unterredung ans, welche der amerikanische Botschafter in Berlin dem Mitarbeiter einer Münchner Zeitung gewährt hat. Darin wird von den guten Beziehungen gesprochen, die jetzt zwischen Amerika und Deutschland herrschen :u:d von der Geneigtheit Wilsons, im Gegensatz zu seiner früheren Stimmung, den Frieden zu vermitteln. Dieser Umschlag in der Stimmung des Oberhauptes der Vereinigten Staaten ist erklärlich aus der iuuner stärker hervortretenden Gereiztheit der Auwrikauer über die fortdaueuden Kewattmaßregeln, die sich England gegen die für Amerika bestimmte und von Amerika ausgehende Post erlaubt- Diese Uebergriffe sind derart, daß sie sich eine Großmacht nicht weiter gefallen lassen kann. Gerüchte über direkte F r i e d e n s v e r h a n dl u 1: gen, die in Berlin nicht etwa bloß au der Börse verbreitet werden, sollen hier keine Erörterungen finden, da sie völlig 1111kontrollierbar sind und gar leicht, wie dies schon öfters geschehen ist, seitens der Regierung deiueutiert loerdeu könnten. Auch in der Pariser Kauriner haben Friedensdebatten stattgefunden, die freilich durch das energische Vorgehen des Vorsitzenden unterdrückt wurden. Der „Oesterreichischen Wochenschrift" entnehmen wir folgenden wichtigen Artikel: Ans Kopenhagen erhalten nur den folgenden interessanten Bericht' In allen jüdischen Kreisen der Bereinigten Staaten herrscht, wie aus hcrnberaelangten Stinnnnngsberichten .zu ersehen ist, ehrliche, offene Genugtuung darüber, daß es ,zun scheu den Zentralmächten und Amerika zu keinem Bruch gekommen ist. Die ameritanisehen Inden hatten es als ein ganz besonderes Unglück angesehen, wem: Amerika dazu gedrängt worden wäre, in diesem Weltkriege an der Seite jener Mächtegruppe in den Kampf zu ziehen, in welcher Rußland den Hauptsaktor bildet. Sie lonßten zu genau, wieviel von der Freundschaft Rußlands für Amerika zu erwarten sei, und ließen sich auch darüber nicht täuschen, daß der Zar und seine Ratgeber selbst die bündigsten Versprechungen bezüglich der Erleichterung des Schicksals der von den Moskowitern bedrückten Völker uneingelöst lassen würden, gleichgültig, ob Rußland in diesem Weltenringeu siegt oder unterliegt.