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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-06-02 · Heft 22 (2.6.1916) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 22 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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254 I? o r t s ri) ritte feit ' brcitanfcnb I a h r c n ui ch t v v x lu ii r t « ß c £ o m m c n. Der AUicij ist da, er muß zu Ende geführt werden und mit Lottes Adilfe zn einem für unser Vaterland guten und erfolgreichen Ende. Aber wenn die Zeit der Ruhe und des Friedens wird gekommen sein, dann wird sich uns allen ein Arbeitsfeld eröffnen, ein großes, weites Arbeitsfeld. An der -Hand der unvergeßlichen Erfahrungen, die der Krieg gezeitigt, an der Hand der Strome unschuldigen Blutes, die v.ergossen worden sind, an der Han-d des namenlosen Unglücks, das über Menschen und Bulker gekommen, m it ß s i ch d i e g a n z e M e n s ch - heit z u r 3c l b st b e s i n n u n g a u f r a f f e n, m u ß sie viel e r n st e r, a l s si e e s bisher g e tan, a u f geeignete M i t t e l und W e g e s i n it e u, in i c d i e Zwistigkeiten unter den Völkern auf unblutigem W e g e t ö n n e n a u s g e g l i ch e u ln erde n. Es wäre ja nicht auszndcnken, sollte selbst dieser furchtbarste aller Kriege den Völkern nicht endlich die Augen darüber öffnen, daß es ans dem bisherigen Wege mit der Menschheit nicht vorwärtsgehen kann. Möge, das sei unser Wunsch an unserem diesjährigen Feste der Offenbarung, möge nach dem Kriege ein neuer, besserer Geist über die Völker kommen! Möge die ganze Menschheit erkennen, daß mit dem kleinen Volk Israel sie einst selbst am Fuße des Sinai gestanden, und möge sie für ewige Zeiten der Gottesstimme gedenken, die ihr mit flammenden Worten zugerufen hat: tun lirzoeh, „Du sollst nicht töten". Lum Wochknfkltr. Von Rabbiner Tr. Walter, Vromberg. er Detalog, dessen Gelmrtsstunde wir wieder einmal feiern sollen und wollen, hat gleich in seinem Beginne unserem nachbiblischen Schrifttum Anlaß zu einer schonen Bemerkung gegeben. Die von dem israelitischen Volke mit dem Rufe: „Ich bin der Herr, dein Kokt" und dein ganzen nachfolgenden Heerbanne des „Tu sollst" und „Du sollst nicht" einsetzend? Offenbarung hat in unseren alten Weisen die Frage Laut werden lassen, warum die Thora mit diesem Kapitel, diesem Grund- und Eckstein aller Religion, eigentlich nicht beginnt. Und sie antworten mit dem folgenden Vergleiche: Denken wir uns, daß ein wildfremder Mann, selbst von unverkennbar königlichem Aussehen und ritterlichem Wesen, an irgendeine Bevölkerung auf einmal mit dem Ansinnen heranträte, sich fortan von ihm regieren zu lassen. Wird er damit irgendwelche Gegenliebe finden? Sicherlich nicht. Er wird vielmehr nur zu hören bekommen: Aus welcher Begründung fußt dieses Verlangend Denken wir uns indessen weiter, daß er es nach einiger Zeit wiederholst nachdem er Gelegenheit gehabt hatte, für die Wohlfahrt jener Bevölkerung auf das mannigfachste und nachhaltigste zu sorgen. Dann wird er jubelnd fraglos von allen auf den Schild gehoben werden. So und nicht anders ist auch der Ewige mil Israel verfahren. Erst nachdem er ihm durch die Meeresstillen einen Weg gebahnt, erst nachdem er es von den Himmelshöhen mit dem Manna bedacht und in der Wüste dem harten Felsen einen erquickenden Quell hatte entlocken lassen, trat er an dasselbe mit der Forderung heran: „Ich bin der Herr, dein Gott"; „Du sollst" und „Dir sollst nicht". Jeder Vergleich hinkst sagt ein altes Wort. Auch der vorstehende ist von diesem Schicksal zweifellos nicht frei. War denn die israelitische Gesamtheit dem Ewigen nicht schon verpflichtet gewesen, noch ehe sie aus Aegypten gezogen war und in Verfolg dessen bald das eine und bald das andere Wunder an sich besonders zu erfahren gehabt hatte? War die ganze Schöpfung denn nicht ein Werk, auf das allein er hinreichend genug sich berufen durfte, um von der Gemeinschaft, die er einmal dazu ausersehen hatte, zu verlangen, daß sie-nach seinen Satzungen und Willensbestimmungen wandele? Und doch liegt in den obigen Ausführungen der Talmudlehrer eine überaus beherzigenswerte Wahrheit. Je persönlicher wir die Wallung Gottes erleben, um so unauslöschlicher Prägt sie sich uns ein. Was ist noch heute alles Begreifen Gottes, das uns gewiß zu eigen wird, wenn wir die Berge immer höher hinauf in den Aether sich türmen, das Meer so unermeßlich sich dehnen sehen, gegen das Erfassen dieser höheren Macht durch uns, wenn wir, auf den weiten Ozeanen von wilden Stürmen umtost, in der Tiefe bereits das nasse Grab zu finden dachten und doch noch auf das Trockene hinübergerettet werden! So soll uns hier nur der nämliche Gedanke entgegentreten, den wir an einer anderen Stelle unseres Schrifttums viel schärfer ausgedrückt finden können. „Sieh," lesen wir in den Ausführungen zum Liede der Israeliten nach ihrem Durchzuge durch das Meer, „lute Moses darum gerungen hat, die 'Herrlichkeit des Ewigen zu schauen, und doch nur andeutungsweise ihrer ansichtig werden konnte! Aber unter dem durch das Meer hindurchgezogenen israelitischen Volke zeigte selbst der schlichteste Mann imb die niedrigste Magd förmlich mit dem Finger daraus hin und sagte: „Dies ist mein Gott, den will ich Preisen, der Gott meines Vaters, den will ich erheben." Ueberaus lebhaft werden wir dadurch an die unmittelbarsten Zeitereignisse erinnert. 'Hat es in der langen Friedensperiode, die bloß noch gleich einem schönen Traume hinter uns liegt, etwa an Bemühungen gefehlt, die Religion zu einem unveräußerlichen Gut des Menschenherzens zu machen? Ist alle Geistesarbeit denn schon vergessen, die dieses Ergebnis herbeizuführen suchte? Allein wie blieb der Erfolg hinter ihnen, nicht allzu selten gar so weit zurück! Wie oft galt der Gvttesglaube noch immer als ein überwundener Standpunkt! Wie oft suchte man das Walten der Vorsehung selbst in den bedeutsamsten Geschehnissen noch immer zu leugnen! Ta brach der Weltkrieg über uns herein und leistete mit einem Schlage das Gewünschte und erhellte blitzartig das Dunkel in den Köpfen. Hinaus ging es in das Gewühl und Getümmel der Schlachten. Beim Donner und Dampf der Geschütze fanden so viele den Gott der Väter wieder, den sie verloren hatten. Und es währte nicht lange, bis die daheim Zurückgebliebenen in dem täglichen Brote eine überaus wertvolle Gabe des Herrn erblicken lernten. Aber gleich dem Inhalt der einen legt auch der der anderen Tafel sich uns besonders warm ans -Herz, die uns von dem Wochenfeste gewissermaßen immer wieder eingehändigt wird. Ob wir an die Gier, die .Hinterlist und Treulosigkeit denken, die zusammengewirkt haben, um den so hell und grell augenblicklich zum Himmel lohenden Brand zu entfesseln, oder all die Skrupellosigkeit, mit der inmitten unseres eigenen Volkes ans dem Notstand der einen die anderen bloß einen übermäßig hohen Gewinn in ihre Tasche zn leiten suchen, stets zeigt es sich ilns von neuem, daß ohne die entsprechende Achtung vor dem Rechte des Höchsten ein wirklicher Weltbestand undenkbar ist. Verstopfen wir aber nicht den Quell, aus dem sie unversieglich fließt, wenn wir sie aus dem Zusammenhänge mit der Scheu vor dem Ewigen lösen zu können meinen? Ist das alte Patriarchenwort: „Ich dachte, es sei keine Gottesfurcht an diesem Orte, und so würde man euch erschlagen" nicht genau so tief wie schlicht? Möge darum das Fest, das bei uns abermals seine Einkehr hält, uns in unseren Gotteshäusern empfangen mit den duftenden und leuchtenden Blüten des voll erwachten Frühlings in der Natur, allenthalben in unseren Kreisen den Geistes- und Herzensfrühling anbrechen lassen, auf welchen der Prophet mit den Worten hinweist: „Still alles Fleisch vor dem Ewigen!"

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